Pamela Jahn: SOULEYMANS GESCHICHTE beinhaltet viele Geschichten. Welche dieser Geschichten hat Sie zuerst angesprochen?
Boris Lojkine: Zuallererst wollte ich einen Film über Menschen drehen, die im Lieferdienst arbeiten. Davon, dass das etwas mit Asyl zu tun haben könnte, hatte ich keine Ahnung. Ich bin durch die Straßen von Paris gegangen und habe so viele Menschen wie möglich getroffen, die in diesem Bereich arbeiten. Alle kamen aus Westafrika, die meisten von ihnen hatten keine Papiere. Nach etwa zwei Monaten, in denen ich durch meine Feldforschung möglichst viel Material gesammelt hatte, dachte ich: „Okay, was ist nun die Geschichte dahinter?“ Viele der Menschen hatten mir gesagt, dass für sie ein Tag der wichtigste Tag ihres Lebens ist: Es ist der Tag der Anhörung bei der Asylbehörde. Erst durch meine Nachforschungen habe ich verstanden, dass sie alle Probleme oder Schwierigkeiten mit ihren Papieren hatten. Wenn sie die Dokumente bekommen, ändert sich plötzlich ihr Leben. Das ist mehr als nur ein Klassenwechsel. Es verändert ihre ganze Welt.
Auch der Hauptdarsteller hatte bis Januar 2025 keine Aufenthaltsgenehmigung. Jetzt immerhin für ein Jahr. Also steckt auch etwas von ihm in dem Film.
Abou Sangarés Leben unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von Souleymans Leben. Erstens hat er nie als Lieferant gearbeitet, zweitens hat er, als ich ihn getroffen habe, nicht in Paris gelebt. Der dritte Unterschied ist, dass er nie Asyl beantragt hat, weil er mit 17 Jahren angekommen ist. Er musste also als Minderjähriger anerkannt werden, was ein weiterer Weg ist, um Dokumente zu erhalten. Wie Souleyman stammt er aus Guinea und ist ohne Dokumente angekommen. Er hat diese unglaubliche Reise durch Afrika, Libyen und über das Mittelmeer hinter sich, von der er am Ende des Films erzählt. Und die Geschichte von seiner Mutter ist seine wahre Geschichte, sodass es eine Verflechtung zwischen dem realen Abou Sangaré und der Figur des Souleyman gibt. Aber eben auch Unterschiede.
Haben noch mehr Leute aus der Crew die Geschichte beeinflusst?
Nur Nina Meurisse, die in der letzten Szene die Beamtin spielt, ist eine professionelle Schauspielerin, alle anderen nicht. Sie alle beeinflussen das Drehbuch. Beim „Casting sauvage“ (Straßencasting) haben wir Menschen gesucht, die den Figuren so ähnlich wie möglich sind. Zum Beispiel haben Polizisten eine bestimmte Art zu sprechen, sich zu verhalten und anders mit ihrem Körper umzugehen. Ich habe Menschen, die für die Sicherheit in der Metro arbeiten, gesucht, um dem möglichst nahezukommen. Die Polizeiszene habe ich geschrieben, bevor ich sie getroffen habe, und nach einigen Proben habe ich die Dialoge dann mit den Schauspielern umgeschrieben. So haben wir es mit allen Szenen und allen Schauspielern gemacht. Sie haben den Film zu dem gemacht, was er jetzt ist.
Ihre Wurzeln haben Sie im Dokumentarfilm. SOULEYMANS GESCHICHTE ist Ihr dritter Spielfilm. Der Film wirkt wie ein dokumentarischer Spielfilm.
Es ist ein Spielfilm, weil ich das Drehbuch geschrieben und dann einige Leute engagiert habe, um ihn zu spielen. Sie sind keine professionellen Schauspieler, aber sie spielen, was ich geschrieben habe. Es ist also ein fiktionaler Prozess. Aber natürlich steckt auch viel Dokumentarisches darin. Erstens habe ich viel recherchiert. Zweitens habe ich dieses Casting nicht mit professionellen Schauspielern gemacht. Und drittens haben wir versucht, im realen Leben der Stadt zu drehen, ohne etwas Künstliches aufzubauen.
Sind die Menschen, mit denen Souleyman zu tun hat, real?
Sie sind real. Nehmen wir zum Beispiel Barry, der Souleyman bei seinem Asylantrag hilft. Wahrscheinlich kam er selbst als Asylsuchender nach Frankreich. Er erhielt Asyl, und dann baten ihn andere Menschen aus Guinea, ihnen zu helfen. Er hat dann eine Art Asylschule aufgebaut. Das ist das Geschäft eines einzigen Mannes. Das Gleiche gilt für denjenigen, der sein Uber-Konto zur Miete anbietet. Viele Lieferanten erstellen zum Beispiel, wenn sie ihre Papiere bekommen haben, ein Konto oder vielleicht auch zwei Konten. Eines bei Uber, eines bei Deliveroo, und ein weiteres vermieten sie vielleicht. Es handelt sich um ein sehr kleines Geschäft von Menschen, die nicht reich sind. Es ist die Ausbeutung von Armen durch andere Arme. Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass einige Dokumente haben und andere keine.


