Filmgespräch

Regisseur Boris Lojkine über SOULEYMANS GESCHICHTE: "Wir haben versucht, im realen Leben der Stadt zu drehen."

Seine Wurzeln hat Boris Lojkine (* 1969) im Dokumentarfilm. Das merkt man auch seinen Spielfilmen an. Für seinen dritten Spielfilm SOULEYMANS GESCHICHTE arbeitete Lojkine erstmals in seiner Heimatstadt Paris. 2024 gewann der Film bei den Filmfestspielen in Cannes in der Sektion „Un certain regard“ den Preis der Jury. Außerdem wurde Abou Sangaré für seine Darstellung von Souleyman zum besten Hauptdarsteller gekürt.

Pamela Jahn: SOULEYMANS GESCHICHTE beinhaltet viele Geschichten. Welche dieser Geschichten hat Sie zuerst angesprochen?

Boris Lojkine: Zuallererst wollte ich einen Film über Menschen drehen, die im Lieferdienst arbeiten. Davon, dass das etwas mit Asyl zu tun haben könnte, hatte ich keine Ahnung. Ich bin durch die Straßen von Paris gegangen und habe so viele Menschen wie möglich getroffen, die in diesem Bereich arbeiten. Alle kamen aus Westafrika, die meisten von ihnen hatten keine Papiere. Nach etwa zwei Monaten, in denen ich durch meine Feldforschung möglichst viel Material gesammelt hatte, dachte ich: „Okay, was ist nun die Geschichte dahinter?“ Viele der Menschen hatten mir gesagt, dass für sie ein Tag der wichtigste Tag ihres Lebens ist: Es ist der Tag der Anhörung bei der Asylbehörde. Erst durch meine Nachforschungen habe ich verstanden, dass sie alle Probleme oder Schwierigkeiten mit ihren Papieren hatten. Wenn sie die Dokumente bekommen, ändert sich plötzlich ihr Leben. Das ist mehr als nur ein Klassenwechsel. Es verändert ihre ganze Welt.

Auch der Hauptdarsteller hatte bis Januar 2025 keine Aufenthaltsgenehmigung. Jetzt immerhin für ein Jahr. Also steckt auch etwas von ihm in dem Film.

Abou Sangarés Leben unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von Souleymans Leben. Erstens hat er nie als Lieferant gearbeitet, zweitens hat er, als ich ihn getroffen habe, nicht in Paris gelebt. Der dritte Unterschied ist, dass er nie Asyl beantragt hat, weil er mit 17 Jahren angekommen ist. Er musste also als Minderjähriger anerkannt werden, was ein weiterer Weg ist, um Dokumente zu erhalten. Wie Souleyman stammt er aus Guinea und ist ohne Dokumente angekommen. Er hat diese unglaubliche Reise durch Afrika, Libyen und über das Mittelmeer hinter sich, von der er am Ende des Films erzählt. Und die Geschichte von seiner Mutter ist seine wahre Geschichte, sodass es eine Verflechtung zwischen dem realen Abou Sangaré und der Figur des Souleyman gibt. Aber eben auch Unterschiede.

Haben noch mehr Leute aus der Crew die Geschichte beeinflusst?

Nur Nina Meurisse, die in der letzten Szene die Beamtin spielt, ist eine professionelle Schauspielerin, alle anderen nicht. Sie alle beeinflussen das Drehbuch. Beim „Casting sauvage“ (Straßencasting) haben wir Menschen gesucht, die den Figuren so ähnlich wie möglich sind. Zum Beispiel haben Polizisten eine bestimmte Art zu sprechen, sich zu verhalten und anders mit ihrem Körper umzugehen. Ich habe Menschen, die für die Sicherheit in der Metro arbeiten, gesucht, um dem möglichst nahezukommen. Die Polizeiszene habe ich geschrieben, bevor ich sie getroffen habe, und nach einigen Proben habe ich die Dialoge dann mit den Schauspielern umgeschrieben. So haben wir es mit allen Szenen und allen Schauspielern gemacht. Sie haben den Film zu dem gemacht, was er jetzt ist.

Ihre Wurzeln haben Sie im Dokumentarfilm. SOULEYMANS GESCHICHTE ist Ihr dritter Spielfilm. Der Film wirkt wie ein dokumentarischer Spielfilm.

Es ist ein Spielfilm, weil ich das Drehbuch geschrieben und dann einige Leute engagiert habe, um ihn zu spielen. Sie sind keine professionellen Schauspieler, aber sie spielen, was ich geschrieben habe. Es ist also ein fiktionaler Prozess. Aber natürlich steckt auch viel Dokumentarisches darin. Erstens habe ich viel recherchiert. Zweitens habe ich dieses Casting nicht mit professionellen Schauspielern gemacht. Und drittens haben wir versucht, im realen Leben der Stadt zu drehen, ohne etwas Künstliches aufzubauen.

Sind die Menschen, mit denen Souleyman zu tun hat, real?

Sie sind real. Nehmen wir zum Beispiel Barry, der Souleyman bei seinem Asylantrag hilft. Wahrscheinlich kam er selbst als Asylsuchender nach Frankreich. Er erhielt Asyl, und dann baten ihn andere Menschen aus Guinea, ihnen zu helfen. Er hat dann eine Art Asylschule aufgebaut. Das ist das Geschäft eines einzigen Mannes. Das Gleiche gilt für denjenigen, der sein Uber-Konto zur Miete anbietet. Viele Lieferanten erstellen zum Beispiel, wenn sie ihre Papiere bekommen haben, ein Konto oder vielleicht auch zwei Konten. Eines bei Uber, eines bei Deliveroo, und ein weiteres vermieten sie vielleicht. Es handelt sich um ein sehr kleines Geschäft von Menschen, die nicht reich sind. Es ist die Ausbeutung von Armen durch andere Arme. Der Unterschied zwischen den beiden ist, dass einige Dokumente haben und andere keine.

Souleyman ist im Film sehr zurückhaltend und in sich gekehrt, er konzentriert sich auf seinen Job …

Er ist kein großer Redner. Souleyman hat dieses Problem. Nämlich dieses Interview zwei Tage später. Barry, der ihm bei der Vorbereitung des Interviews hilft, hat einige Sprachaufnahmen für ihn gemacht, in denen er ihm vorspricht, was er sagen soll. Souleyman hat also all diese Sprachaufnahmen auf seinem Handy und hört sie sich den ganzen Tag lang an. Er ist in seiner kleinen inneren Welt gefangen. Er hat keinen wirklichen Kontakt zu anderen Menschen. Andere Menschen versuchen, mit ihm zu interagieren, aber er ist nicht wirklich daran interessiert, weil er sich auf sein Problem fokussiert.

Und auch keine Zeit hat.

Wir haben wirklich versucht, die Geschichte so zu gestalten, dass wir ihn so weit wie möglich unter Zeitdruck setzen. Ich erinnere mich, dass ich Abou Sangaré während der Dreharbeiten immer gesagt habe, er solle alles schneller machen. Wenn er sein Fahrrad abschließt, ins Restaurant läuft und wieder aus dem Restaurant kommt, seine Taschen mit den Bestellungen nimmt. Wir haben diese Liefersequenzen immer von Anfang bis Ende gefilmt. Beim Schnitt haben wir nie den gesamten Prozess im Film belassen, sondern nur einen kleinen Ausschnitt davon, um das Gefühl von Geschwindigkeit zu verstärken.

Eine weitere Hauptfigur ist die Stadt. Es gibt keinen Soundtrack im Film. Die Geräusche der Stadt und auch die Stille werden auf diese Weise hervorgehoben.
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Sie sagen: Es gibt keinen Soundtrack. Es gibt einen Soundtrack, aber eben keine Musik. Für mich gibt es den Soundtrack der Stadt. Ich wollte einen Film ohne Musik machen, weil ich etwas so Reines wie möglich schaffen wollte - ohne künstliche Mittel, um Emotionen zu wecken -, und um so realistisch wie möglich zu sein. Wenn man die Musik weglässt, kann man sich ganz auf den Ton konzentrieren. Wir haben viel am Ton des Films gearbeitet. Manchmal wollten wir ihn so laut wie möglich gestalten, zum Beispiel in allen Fahrradszenen, wo wir den Soundtrack mit Sirenen, Fahrradklappern und allem, was möglich war, sehr laut gestaltet haben, um dem Publikum das Gefühl zu vermitteln, dass die Stadt wirklich feindselig und harsch wirkt. Um dem Ganzen noch mehr Spannung zu verleihen, haben wir in anderen Teilen des Films Momente der Stille gelassen, sodass das Publikum sich auf die Figur zubewegt, um zu hören, was sie sagt. Aber stattdessen hört man, wie Souleyman atmet. Das ist für mich eine Möglichkeit, uns in seinen Kopf oder in seine Gefühle hineinzuversetzen. Wir sind manchmal sehr laut und manchmal sehr leise, um eine Art musikalisches Gefühl ohne Musik zu erzeugen.

Souleyman brettert über rote Ampeln und radelt so schnell er kann. Das war sicher nicht einfach zu filmen ...

Es war ein bisschen gefährlich. Wir sind auch Rad gefahren, weil ich wollte, dass Souleyman in den Stau hineinfährt. Wir konnten nicht mit dem Auto fahren, weil man dann feststeckt. Es war nicht einmal möglich, mit einem Roller zu fahren, weil es nicht erlaubt ist, auf dem Radweg zu fahren, und noch mehr verboten ist, bei Rot über die Ampel zu fahren. Also haben wir beschlossen, alles mit Fahrrädern zu drehen. Wir hatten drei Fahrräder: ein Fahrrad für die Kamera, ein Fahrrad für den Ton und ein Fahrrad für einen Assistenten. Normalerweise fuhr ich das Tonfahrrad, mein Tontechniker saß hinter mir, und uns herum war Abou Sangaré.

Aber wie war das für Sie?

Es war aufregend. Wir mussten so viele Menschen wie möglich ins Bild bekommen, denn das macht das Gefühl der Stadt aus. Wenn man 100 Millionen Dollar hat, kann man den Verkehr sperren und in jeder Sequenz ein paar hundert Statisten einsetzen. Wir haben die Straßen nicht gesperrt, damit die Passanten für etwas Unordnung sorgen konnten, denn Unordnung ist spannend. Das vermittelt das Gefühl, dass es sich um eine echte Stadt handelt. Als Souleyman beispielsweise in die Metro steigt, wollte die Pariser Metrogesellschaft, dass wir an einem speziellen Drehort ohne Menschen drehen. Ich wollte aber, dass Abou Sangaré als Souleyman in Barbès in die Metro steigt, damit man die echte Metro sieht und echte Menschen, die mit ihm in die Metro steigen! Diese Menschen in der Metroszene wussten aber nichts von den Dreharbeiten. Schließlich gab es bei der Aufnahme, die wir geschnitten haben, ein Problem, weil einige Leute erst Abou Sangaré und dann die Kamera blockiert haben. Aber genau das ist es, was ich will. Ich möchte etwas Reales, das man nicht vorhersagen kann. Für mich war das der einzige Weg, um das Gefühl der Stadt einzufangen, damit man in sie eintauchen kann.

Auch farblich hebt sich SOULEYMANS GESCHICHTE ab. Sie verwenden viele kalte Farben, vor allem viel Blau.

Tatsächlich haben mein Kameramann und ich versucht, alles Grüne herauszunehmen. Es war Ende Oktober bis Anfang Dezember. Wir wollten eine Stadt zeigen, die eher mineralisch und weniger pflanzlich ist. Ohne Grün und mit viel Blau und etwas Gelb. Mein Kameramann mochte weißes Neonlicht mehr als gewöhnliches gelbes Licht. Bei der Auswahl der Sets haben wir also sehr auf die Beleuchtung geachtet. Im Film haben wir das Set nur in den Nachtszenen in der Unterkunft beleuchtet. Für die Nacht in der Unterkunft hatten wir ein größeres Team. Da waren auch Elektriker dabei. Für den Rest des Films haben wir mit dem vorhandenen Licht gearbeitet. Wenn man nachts drehen möchte, muss man bei der Auswahl der Drehorte sehr aufmerksam sein. Deshalb habe ich wirklich viel Zeit mit meinem Kameramann verbracht, um die Straßen von Paris zu erkunden, in denen wir den Film drehen wollten.

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