Eine besondere Rolle spielt das beeindruckende Haus der Familie, das sie angesichts der prekären finanziellen Situation zu verlieren drohen. Was hat es damit auf sich?
Im Koreanischen kann das Wort Haus sowohl „Zuhause” als auch „Familie” bedeuten. Auf diese Weise wird dem physischen Wohn- und Lebensraum automatisch ein ungemein höherer Wert beigemessen. Die meisten Koreaner sind wie besessen von der Vorstellung, ein Eigenheim zu besitzen, denn eine Wohnung zu mieten und ständig umzuziehen, ist für sie gleichbedeutend mit Unsicherheit. Sie fühlen sich nur dann geborgen und wertvoll, wenn die Hypothek abbezahlt ist und das Haus vollständig ihnen gehört.
Warum haben Sie Schauplätze ausgewählt, die sehr in der Natur verwurzelt sind?
Die Männer im Film haben alle etwas gemeinsam: Ihre persönliche Ausstrahlung ist eng mit den Häusern verbunden, in denen sie leben. Bei Man-soo gehört dazu ein großer Garten, er liebt Pflanzen, insbesondere die Bonsai-Bäume in seinem Gewächshaus, um die er sich liebevoll kümmert. Einerseits erinnern sie daran, dass Bäume die Rohstoffe für Papier sind. Andererseits haben sie etwas Friedliches und Beruhigendes an sich. Damit stehen sie im harschen Kontrast zu den Verbrechen, die er begeht.
Ursprünglich war der Film als eine weitere englischsprachige Produktion angedacht. Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Plan zu ändern?
Ganz einfach: Ich wollte den Film nicht mit einem unzureichenden Budget realisieren, und darauf lief es hinaus. Nachdem ich DECISION TO LEAVE gedreht hatte, begann ich darüber nachzudenken, die Geschichte nach Korea zu verlegen. Ich musste einige Anpassungen vornehmen. Zum Beispiel, wie das Justizsystem funktioniert, wie die Polizei handeln würde und auch die KI-Element haben wir in der Überarbeitung hinzugefügt.
Warum war Ihnen das wichtig?
Ich habe bereits angesprochen, dass Man-soo seine Wut nicht auf das System richtet. Eine weitere Dummheit, die ich darstellen wollte, ist, dass der Wettbewerb längst nicht mehr zwischen den Menschen stattfindet. Richtig? Sie werden allesamt durch KI aus ihren Positionen verdrängt. Seine Verbrechen, all diese grausamen Taten, wozu waren sie gut? Er mag vorerst einen neuen Job gefunden haben. Aber für wie lange? Das wissen wir nicht.
Wieviel von einem Monster steckt wirklich in Man-soo?
Durch die drei Morde hat er sich zu einem Killer entwickelt. Und das scheint sehr bedrohlich zu sein. Aber was noch schlimmer ist: Auf diesem Weg gewinnt er sein Selbstvertrauen zurück. Sein Gefühl von Männlichkeit wächst immer weiter, sowohl als Ehemann als auch als Vater, je geschickter er im Töten wird, fast proportional dazu. Im Grunde ist es für ihn ein doppeltes Glück, dass er letztlich eine neue Anstellung findet, denn sonst wäre vielleicht ein bezahlter Killer aus ihm geworden.
Als klar war, dass Sie die Geschichte nach Korea verlegen würden, haben Sie in dem Moment sofort an Lee Byung-hun für die Hauptrolle gedacht?
Ja, aber für mich ist er mehr als der SQUID GAME-Superstar. Wir sind schon lange befreundet, und ich habe ihm in der Vergangenheit oft gesagt: „Du siehst zu jung aus, um in einem meiner Filmen mitzuspielen.“ Aber jetzt dachte ich, es könnte funktionieren. Mittlerweile sind zumindest einige Falten in seinem Gesicht erkennbar und er wirkt auch äußerlich endlich wie ein Mann mittleren Alters.
Sie spielen im Film auch auf die Bedeutung von Netflix für den Konsumwandel an. Haben Sie selbst SQUID GAME angeschaut?
Ja, natürlich. Neben Lee Byung-hun kenne ich den Regisseur der Serie sehr gut. Und ich habe noch andere Schauspielerfreunde, die im Ensemble mitgewirkt haben. Davon abgesehen bin ich selbst nicht unschuldig. Ich habe vor meinem letzten Film UPRISING ebenfalls mit Netflix zusammengearbeitet. Es war also keineswegs als eine Art Seitenhieb gemeint. Ich habe die Szene vielmehr eingebaut, um Man-soos Betroffenheit zu zeigen, als ihm klar wird, dass er sich den Streamingdienst nicht mehr leisten kann. Für ihn ist das eine Katastrophe.
Hat Ihre Erfahrung, den Film nicht in den USA drehen zu können, Sie davon abgehalten, wieder in Hollywood arbeiten zu wollen?
Nein, nachdem ich NO OTHER CHOICE dennoch verwirklichen konnte, bin ich zufrieden und hege auch keinen Groll gegen die Studios in Amerika. Ich mache mir nichts vor. Letztendlich liegt es immer in den Händen der Finanziers, welches Projekt ich als Nächstes angehe, egal wo. So ist die Realität. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich irgendwann in die USA zurückkehre. Ich habe noch ein paar Ideen, die ich gerne auf English umsetzen würde.
Was schwebt Ihnen vor?
Auf jeden Fall ein Rache-Western sowie die Realverfilmung des japanischen Sci-Fi-Anime/Romans „Genocidal Organ“ über einen Mann, der einen Bürgerkrieg anzettelt.
2020 schrieb Ihr geschätzter Kollege Bong Joon-ho mit PARASITE Oscar-Geschichte als erster nicht-englischsprachiger Film, der jemals mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Wie hat sich dieser weltweite Erfolg auf das koreanische Kino ausgewirkt?
Wir alle betrachteten den Oscar-Gewinn als den Höhepunkt der gesamten Geschichte und Tradition, die das koreanische Kino im Laufe der Jahre aufgebaut haben. Es entstand eine Art Gemeinschaftsgefühl unter uns Filmemachern, dass wir den Erfolg miteinander teilten. Aber leider brach unmittelbar danach die Pandemie aus. Viele Kinos gingen direkt bankrott. Und mehr als in jedem anderen Land der Welt leidet die koreanische Filmindustrie weiterhin sehr stark an den Folgen von Corona. Dieser Niedergang nach einem so stolzen Moment ist zutiefst bedauerlich. Ehrlich gesagt, herrscht zurzeit noch immer eine ziemliche Ratlosigkeit.
Mussten Sie jemals konkret um Ihren Job fürchten?
Es gab durchaus Momente, in denen ich mich emotional darauf vorbereitet habe, dass mir möglicherweise eine sehr lange Phase der Arbeitslosigkeit bevorstehen könnte. Immer wenn man zwischen zwei Projekten steht und darauf hofft, die nächste Produktion finanziert zu bekommen, ist dieses Bangen wieder da. Dann denke ich auch heute noch oft, dass mein aktueller Film vielleicht mein letzter gewesen sein könnte. Man weiß nie, was kommt. Schon gar nicht, in dem derzeitigen Klima.