Eva Szulkowski: SMALLTOWN GIRL ist ein ambitioniertes, radikales Debüt. Sind Sie vielleicht auch selbst überrascht, dass es geklappt hat, den Film überhaupt so zu realisieren?
Hille Norden: Was mich überrascht, ist, dass ich überhaupt auf die Idee gekommen bin. Ich war 21, ich habe halt gedacht, das muss doch wohl möglich sein! Und ich hatte nie Angst vor Förderung. Ich habe immer gerne Förderanträge geschrieben, weil das so eine Verantwortungsabgabe ist gegenüber der eigenen Idee. Dazu muss man sagen: Ich bin Beamtentochter, meine Eltern sind Richter, deshalb schien mir das Fördersystem seit jeher intuitiv. Ich wollte einfach einen Film machen über die Ursachen und Langzeitfolgen von sexueller Gewalt, denn ich wollte mich als Betroffene selbst besser verstehen und verstanden werden. Warum bin ich immer wieder hingegangen? Tut es irgendwann nicht mehr weh? Wie sagt man das „Unsagbare“? Du erlebst sexuelle Gewalt und machst dann einfach weiter damit – als hätte man dich in eine Parallelschiene gesetzt. Du versuchst, eine Welt zu konstruieren, in der das, was wahr ist, nicht wahr ist. Das sorgt für diese Gewaltspirale, man schützt und wehrt sich selbst jedes Mal ein bisschen weniger.
Das ist ein zentraler Satz im Film – man „geht immer wieder hin“ zu Orten der Gewalt und des Risikos, als Selbstverletzung oder um zu testen: Werde ich diesmal anders behandelt?
Dafür gibt es ganz viele Gründe. Für mich war es wichtig, meinen Grund zu finden und einen Film zu machen, der das thematisiert. In so vielen Filmen, die sexuelle Gewalt behandeln, geht es um Rache: Frauen werden vergewaltigt, meist von einer Person, die sie nicht so gut kennen, oder von einem Partner, den sie dann hassen. Jetzt geht es darum, ob ihr alle glauben, darum, dass sie Rache erfährt, Gerechtigkeit und Genugtuung. Durch diese drei Komponenten wird sie „geheilt“. Das sind die üblichen Narrative. Ich finde es schlimm, weil das wirklich nicht das ist, worum es den meisten Menschen geht, die ich kennengelernt habe. Für mich war Rache nichts, was mich jemals bewegt hat. Ich hatte vor allem ein Problem mit mir selbst. Wie vergebe ich mir? Und nicht nur: Wie vertraue ich anderen Menschen, sondern: Wie kann ich mir selbst vertrauen, dass ich weiß, wer ein guter Mensch ist? Das ist so ein riesiges Thema, dass ich dazu auch fünf Filme hätte machen können. Am Ende ist dieser Film dabei herausgekommen, mit dem Versuch, zu fragen: „Wie reden wir darüber?“ Denn wenn man weiß, wie man ehrlich redet – mit sich selbst und anderen – kann man auch die anderen Fragen beantworten.
Man merkt, dass Sie diese Ebene mitgedacht haben: Dass Sie von sich erzählen, aber auch in einen Dialog treten wollten.
Ich habe sehr früh den Verleih Neue Visionen als Partner gewonnen, der schon vor einer Produktionsfirma Ja zum Drehbuch gesagt hat und damit auch: „Das will jemand sehen.“ Das war für mich wichtig. Ich habe versucht, einen Film zu machen, der nicht lustfeindlich ist, also auch nicht lebensfeindlich. Das wurde mir öfter angekreidet – ob das nicht pietätlos sei. Ich finde nicht, denn ich will mich nicht in eine Totenwache für mein eigenes Leben zwingen lassen. Für mich ist die Revolution dieses Filmes, dass er gemacht wurde, mit staatlichen Mitteln. Dass ein ganzes Team dazu ja gesagt hat, dass er geschaut wird in einem Zuschauerraum, gefüllt mit Menschen. Alle reagieren freundlich, das ist meine große Erkenntnis in dieser Reise mit dem Film. Ich habe immer gedacht: Wenn ich etwas sage, wenn ich mein Geheimnis öffentlich mache, sterben alle. Meine Mutter stirbt, mein Partner stirbt, ich sterbe – denn in dem Moment werden doch alle über mich anders denken als zuvor.
Das ist genau das, was Nore durchmacht: Sie kämpft gegen dieses Gefühl, dass mit dem Moment der Erkenntnis ihr Leben vorbei ist – und muss sich neu zusammensetzen.
Ja, und ich glaube, das kennen ganz viele. Aber diese kollektive Begegnung im Kinosaal beweist, dass es eben nicht so ist. Wenn ich da vorn stehe und sage, ich habe das geschrieben, weil ich auch missbraucht wurde, und 400 Leute freundlich bleiben und interessierte Fragen stellen, beweist das, dass die Scham und Angst umsonst sind – und sich viel geändert hat. Es ist möglich, zu reden. Das ist eine gemeinschaftliche Leistung – denn es braucht ja nicht nur die, die redet, sondern auch die, die zuhören. Keiner stirbt. Nichts wird weniger wahr, dadurch, dass man es für sich behält. Aber wenn man spricht, kann sich etwas ändern, in einem und zwischen uns. Das hat einen krassen kathartischen Effekt.
Ja, man gewinnt auch etwas. Man holt sich ein Stück weit die Deutungshoheit über sein eigenes Leben zurück.
Ich habe mich immer gefragt, was fehlt in der öffentlichen Wahrnehmung. Denn es ist ja nicht so, dass wenig über das Thema geredet wird. Wie viele Frauen werden für den „Tatort“ regelmäßig fiktiv vergewaltigt? „Figuren“ werden gerne motiviert durch sexuelle Traumatisierung. Und ich finde das meganervig. Im Schaffensprozess habe ich bemerkt, dass gerade jüngere Frauen es enorm wichtig fanden, im Detail zu verstehen, wie nah diese Geschichte an meinem eigenen Erleben dran ist – zu sehen, dass ich ihre Scham verstehe, weil ich sie so gut kenne, und trotzdem darüber schreibe. Ich will mich nicht hinter „alles erfunden“ verstecken, auch wenn es manchmal sehr schwer ist, sondern zeigen: Ey, es gibt nichts Schamhaftes daran, Gewalt erlebt zu haben – und dein größtes Geheimnis muss gar kein Geheimnis sein.



