Pamela Jahn: Frau Enyedi, was verbindet die drei Figuren im Film über den Ginkgobaum hinaus miteinander?
Ildikó Enyedi: Goethes naturwissenschaftliches Werk, das ich unglaublich originell und beeindruckend finde. Die Newtonsche Sichtweise einer Suche nach gottgleichen Zielen und einem separaten Experimentator beherrschte das wissenschaftliche Leben bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Goethe dagegen plädierte für eine partizipative Wissenschaft. Und im Grunde folgen alle drei Protagonist*innen unbewusst seinem Weg.
Sind Sie selbst ein sehr naturbewusster Mensch?
Meine Verbindung zur Natur ist nicht instinktiv. Ich bin über die Literatur dazu gekommen. Ich war schon immer eine Leseratte, wie man so schön sagt.
Mussten Sie eine ähnliche Chemie zu dem Baum im Film aufbauen wie zu Ihren Schauspieler*innen?
Auf jeden Fall. Es ist kein Zufall, dass wir den alten Ginkgo erst ganz am Ende des Films in seiner ganzen Pracht sehen. Zuvor zeigen wir nur Teile davon, verschiedene Aspekte.
Warum?
Die Idee dahinter ist, dass das Publikum im Laufe des Films langsam eine Beziehung zu diesem besonderen Protagonisten aufbaut - beziehungsweise der Protagonistin, denn der Baum ist weiblich. Wenn man keinen direkten Bezugspunkt hat, zum Beispiel einen Menschen, der danebensteht, kann man sich die Größe des Baums nicht wirklich vorstellen. Zudem haben wir in allen vier verschiedenen Jahreszeiten gedreht, um den radikalen saisonalen Wandel zu zeigen, ebenso wie die Zeitreise durch sein 120-jähriges Leben.
Greta, gespielt von Luna Wedler, ist die Erste, die mit dem Baum und seinen geheimen Kräften in Berührung kommt. Wie verändert die Begegnung ihre Sichtweise auf die Welt?
Für Greta ist die Aufnahmeprüfung an der Universität zwar eine traumatische Erfahrung, aber danach betrachtet sie ihre Umgebung mit ganz anderen Augen. Das Erotische, Sinnliche der Natur war ihr verborgen. Für eine junge Frau zur Jahrhundertwende war das ein großes Tabu und plötzlich macht sie diese zutiefst beunruhigende und zweideutige Erfahrung. Aber schließlich findet sie Frieden neben dem Baum und den Mut, sich dieser Sinnlichkeit der Pflanzen zu stellen und sie durch Fotografie zu erforschen.
Für Hannes hingegen, der in den 1970er Jahren lebt, dreht sich alles um Empfindungen und das Erforschen der Sinne.
Als Junge vom Land hat er einen ganz anderen Zugang: Er versteht es, sich instinktiv den Pflanzen nähern, sowohl physisch als auch intellektuell. Ich erinnerte mich beim Schreiben an Goethes „Die Leiden des jungen Werther“, wo es am Anfang eine Stelle gibt, an der Werther im Gras liegt. Er kommt im Mai 1771 in Wahlheim an und freut sich über den Frühling. Die Natur blüht auf, ganz so wie Werther, der darüber zum Maikäfer werden möchte. Es erscheint ihm wie eine Offenbarung.
Sie sind selbst in den 1970er Jahren aufgewachsen. Fühlen Sie sich dieser Episode am nächsten?
Ich liebe es, dass ich irgendwie zu keiner Generation gehöre. Ich fühle mich eher in einer sehr fernen Vergangenheit zu Hause, sowie in der Gegenwart und vielleicht auch ein bisschen in der Zukunft. Es gibt Menschen, die lieber in Erinnerungen an ihre Kindheit oder ihre frühen 20er Jahre schwelgen, aber bei mir ist das anders. Die Zeit zwischen sechzehn und neunzehn verbrachte ich in Südfrankreich an einer Post-68er-Schule. Es gab damals viele politische Bewegungen, die sehr präsent und aktiv waren. Aber was mich viel mehr interessierte, waren die Wissenschaftler, die die Kühnheit und, wenn man so will, eine dumme Naivität hatten, um die Rahmenbedingungen unseres Lebens neu zu überdenken.
Waren es speziell Goethes naturwissenschaftliche Schriften, die Sie zu diesem Film inspiriert haben?
Er war sicher eine sehr wichtige Inspiration, aber es war keine spontane Entscheidung. Auch die akademischen Pflanzenexperimente aus den 1970er Jahren, die ich gerade angesprochen habe, sind mir immer im Hinterkopf geblieben. Dahinter verbirgt sich ebenfalls ein sehr intellektueller Ansatz. Es geht darum eine Maschine, Sensoren und eine Schnittstelle zu entwickeln, um herauszufinden, was im Inneren eines anderen Lebewesens vor sich geht. Zu Goethe muss ich noch hinzufügen: Ich hatte lange gewisse Vorbehalte gegenüber einigen Teilen seines literarischen Werks. Aber seine Naturwissenschaft hat mich schon immer extrem begeistert.
Woher kommen Ihre Vorbehalte gegenüber Goethes literarischem Werk?
Als Teenager war ich ein Schiller-Fan - entweder oder.
Glauben Sie, dass Goethe als Wissenschaftler unterschätzt wurde?
Auf jeden Fall. Ich finde seinen Ansatz sehr modern, und auch für die heutige Zeit relevant. Es war eine meiner vielen Absichten, zu zeigen, dass er recht hatte.


