Filmgespräch

Autor Leif Randt über ALLEGRO PASTELL: "Die beiden sind hoffnungslos passive Romantiker. Sie glauben, dass ihnen alles von allein zufällt."

Wie seine Figur im Roman ALLEGRO PASTELL lebt Leif Randt (*1983) in Berlin und im Maintal bei Frankfurt. Nach dem Abitur studierte er Kreatives Schreiben an der Universität Hildesheim. Auch sein 2009 erschienener Debütroman „Leuchtspielhaus“, handelte von einem Paar. Es folgten „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ (2011) und der Science Fiction „Planet Magnon“ (2015). „Allegro Pastell“ (2020), wurde für den Leipziger Buchpreis und für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert.

Pamela Jahn: In der ersten Szene des Films fragt Tanja ihren Freund Jerome: Wie geht's dir?

Leif Randt: Eine gute Frage, auf die man selten eine ehrliche Antwort bekommt. Die meisten antworten fast nichts, andere viel zu viel. Mir persönlich geht es gerade ziemlich gut. Die Berlinale-Premiere liegt hinter mir, der ganze Irrsinn, ein ausverkaufter Zoopalast. Plötzlich sieht man den Film, den man geschrieben hat, umringt von Menschen, die man wirklich gerne mag. Das hat viel Spaß gemacht.

Wie sehr haben sich die Bilder verändert, die Sie beim Schreiben des Romans im Kopf hatten?

Den Film auf der Leinwand zu sehen war eine Zeitreise im besten Sinne für mich. Eine Rückkehr in die späten Zehnerjahre. Heute würde ich den Modus, aus dem heraus ich damals den Roman geschrieben habe, als ‚verwunderte Anteilnahme‘ bezeichnen. Ein Buch über meine eigene banale Lebensrealität, Freiberufler in Berlin und Maintal, denen es eigentlich gut geht, sehr nah dran und doch leicht distanziert. Der Film ist auch die Abbildung eines sehr spezifischen Lebensgefühls.

Was macht dieses Lebensgefühl für Sie aus?

Man hat sein Hobby zum Beruf gemacht und kann davon leben. Rein äußerlich hat man alles im Griff, man kennt die Angebote der Großstadt, weiß, wie man Spaß hat. Gleichzeitig macht sich ein Unbehagen breit, eine Furcht vor Veränderung: Man ahnt, dass der eigene Lebensstil angezählt sein könnte, durch äußere Faktoren, aber auch biografisch, wenn es etwa darum geht, in einer Beziehung den nächsten Schritt zu gehen. Sollte man tatsächlich eine bürgerliche Kleinfamilie gründen? Oder will man sich dem verweigern? Und wenn ja, warum? Was könnte man alternativ tun? Das sind Fragen, die ab Mitte dreißig drängender werden.

Welche Einflüsse von außen beschäftigen Ihre Figuren?

Das Wissen um den fortschreitenden Klimawandel, der sich 2018 ironischerweise total fantastisch äußerte mit einem spektakulären Sommer, der Anfang April anfing und im Oktober endete. Es war einfach sieben Monate lang Sommer, und man dachte, vielleicht wird es jetzt immer so sein, da kann man den Untergang der Welt doch zumindest feiern. Später stellte sich raus, nein, die Sommer sind nicht immer so, bei weitem nicht, und es kommen noch ganz andere Probleme auf uns zu. Eine Pandemie, ein Angriffskrieg in einem Nachbarland, absurde demokratische Entscheidungen und wirtschaftliche Großproblematiken, die systematisch sind. Unfassbar viele Probleme. Ich glaube, dass die Figuren aus ALLEGRO PASTELL bei all ihrer Selbstbezogenheit diese Krisen schon ahnen, sie aber verdrängen, und auch deshalb so sind, wie sie sind. Deshalb sind sie so gehemmt in ihrem Miteinander.

Macht sie das angreifbarer?

Ich habe die Figuren damals, nachdem der Roman erschienen war, bei Lesungen und in Interviews relativ stark verteidigt. Mir kam die Kritik an ihrer Art zu leben oft wohlfeil vor. Ich fragte mich bei den Leuten, die sich so hochemotional über sie aufregten, immer, was eigentlich deren Gegenmodell ist. Und kam zu dem Schluss, dass der zentrale Unterschied darin bestand, dass die sich von den Nachrichten auf ihren Handys mehr erschüttern ließen als Tanja und Jerome das tun. Sie hielten sich selbst für weniger gleichgültig und deshalb für moralisch überlegen.

Ist das vielleicht die gesündere Art, mit dem Chaos in der Welt umzugehen?

Man könnte sagen, Tanja und Jerome hatten eine souveränere Psychohygiene, sie haben sich nicht dem aggressiven Twitter-Stress ausgesetzt, sondern einfach nur Instagram genutzt, als Instagram noch ein weitgehend unpolitisches Medium war. Das hat sich erst 2020 stark verändert, im Zuge von Pandemie und Black Lives Matter.

Verstehen Sie Ihre Figuren rückblickend besser?

Ich habe mit diesen Figuren nun wirklich viel Zeit verbracht. 2017 sind die ersten Skizzen zum Roman entstanden, dann habe ich 18/19 an der Gegenwart entlanggeschrieben, mit einer gewissen Faszination, aber längst nicht davon ausgehend, dass es ein so bekanntes Buch werden würde. Ich war gespannt, was daraus wird, und hatte dann 2020 dieses spektakuläre Glück im Unglück, dass das Buch direkt vorm ersten Lockdown groß besprochen wurde, und dann viele Leute im Ausnahmezustand plötzlich Zeit zum Lesen hatten. Das hat den Text zusätzlich aufgeladen. Zeitlich nachgelagert gab es dann den Impuls, einen Film daraus zu machen, und als ich mich auf dieses Projekt eingelassen hatte, war klar: Es wird ein historischer Film.

Bleiben wir bei den Fragen, die im Film beziehungsweise Ihrem Buch gestellt werden: Finden Sie sich eigentlich interessant?

Ich mag es, dass ich mich traue, ganz gewöhnliche Sachen aufzuschreiben, und sie dadurch interessant zu machen. Aber sonst, was tue ich? Ich gucke aufs Handy und sitze am Laptop. Und gehe ab und zu joggen und in die Badmintonhalle, und dann treffe ich Freunde und spreche mit denen. Das ist alles nicht sehr aufregend. Ich bin viel unterwegs. Aber Reisen ist heutzutage auch nicht mehr spannend, da ja alles digital vorgeprägt ist, man betrachtet einen Punkt auf Google Maps. Alles kein Vergleich zu 1994 oder so. Ich würde die Frage also genauso kokett wie Tanja im Film beantworten: „Null Komma null. Aber ich habe Spaß.“

Der Film arbeitet mit Voice-over. Wie wirkt dieses Stilmittel, auch in der Verknappung des Textes, auf Sie als Autor?

In einem der ersten Gespräche meinte der Produzent Tobias Walker, er könne sich vorstellen, dass ALLEGRO PASTELL der Film mit dem meisten Voice-over aller Zeiten wird. Diese Offenheit fand ich sympathisch. Beim Schreiben des Drehbuchs habe ich dann festgestellt, dass man als Zuschauer bei zu langen Textpassagen aus dem Off aber sehr wahrscheinlich aufhört zuzuhören. Man muss es schon verdichten. Und dann aufpassen, dass die einzelnen Sätze nicht zu bedeutungsschwanger raunen. Es ist nicht einfach, das richtig auszutarieren, aber ich fand es alternativlos, da ich den Roman schon auch als Briefroman empfinde, und ich wollte diese Briefe auch im Film haben.

Tanja und Jerome schreiben sich gegenseitig E-Mails, um trotz der räumlichen Distanz ihre Beziehung und auch eine Nähe aufrechtzuerhalten. Hat der klassische Liebesbrief in unserer modernen Welt ausgedient?

Ich glaube, auch die private E-Mail existiert fast nicht mehr. Es war schon damals, 2018/19, eher anachronistisch, eine private E-Mail zu schreiben. Ich persönlich hatte viele E-Mail-Freundschaften, aber eher in den Jahren zuvor, bis sich das in die Messenger-Dienste verschoben hat. Heutzutage fühlen sich E-Mails eher formell an, private Dinge textet man woanders. Ich bedauere das auf eine Art, da die E-Mail durch ihre größere Nähe zum Brief oft mehr Formbewusstsein hat. Aber den handgeschriebenen Liebesbrief, muss ich zugeben, habe ich gar nicht mehr erlebt.

Geht durch die zunehmende Digitalisierung die Poesie in der Sprache verloren?

Es gibt eine andere Art von Poesie. Die Voraussetzungen sind andere, auch die Ansprüche. Aber ich muss sagen, ich finde Poesie an sich wirklich ein schwieriges Wort.

Warum?

Wahrscheinlich steht es mir gar nicht zu, die Poesie eines handgeschriebenen Briefs zu beurteilen, weil ich damit sehr wenig Erfahrung habe. Ich habe mir neulich im Austausch mit einem Autorenkollegen handgeschriebene Briefe geschrieben, weil der keine E-Mails macht, und das hatte anfangs durchaus seinen Reiz, auch weil mir auffiel, wie wenig ich mich korrigieren kann. Es war interessant, aber ich empfand es nicht als zwingend poetischer. Mein Text wäre am Handy oder am Laptop einfach besser. Andererseits erzählt Handgeschriebenes noch ein bisschen mehr über die Person, die sich dahinter verbirgt.

Ist die Generation, die Sie in ALLEGRO PASTELL beschreiben, vielleicht auch weniger leidenschaftlich?

Ich würde erstmal widersprechen. Die Figuren fühlen sogar sehr viel, ich glaube Tanja und Jerome ihr Verliebtsein total. Es ist eine große Tragödie, dass sie es nicht geschafft haben, anzuerkennen, dass Beziehung auch eine gewisse Art von Arbeit verlangt. Die beiden sind hoffnungslos passive Romantiker. Sie glauben, dass ihnen alles von allein zufällt. Sie verpassen den nächsten Schritt, auch aus Larmoyanz, aber die Leidenschaft, die sie füreinander empfinden, die nehme ich ernst.

Als wie freudvoll oder schmerzhaft haben Sie den Prozess empfunden, Ihren Roman in ein Drehbuch umzuwandeln und eine visuelle Form zu erarbeiten?

Da ich gerne in Bildern denke und mich auch für Film und Fotografie sehr begeistere, war es gar nicht schmerzvoll, sondern eher freudvoll. Natürlich war die Frage, wie gut werden mir die Bilder eines Tages gefallen. Es war teilweise auch eine gemeinsame Suche nach einer schönen Visualität. Es war sehr reizvoll, viel mitzubekommen, und hier und da auch etwas vorschlagen zu dürfen. Ich bin mit der Visualität des Films sehr zufrieden, mit Kamera, Szenenbild und Kostümen. Der Film hat sehr wahrscheinlich weniger Humor als das Buch, da er weniger trocken auf die Ereignisse schaut, Anna Roller erzählt die Geschichte in ihrer Inszenierung viel eigentlicher. Der Film lädt stärker zur Empathie ein.

Eine letzte Frage aus dem Film: Wurde Ihnen schon einmal ein Buch so oft empfohlen, dass Sie am Ende keine Lust mehr hatten, es zu lesen?

Das wäre mir wahrscheinlich, wenn ich nicht selbst der Autor von ALLEGRO PASTELL gewesen wäre, auch mit diesem Buch so gegangen, weil ich auf ein Buch, das so viel Wirbel erzeugt, erstmal keine Lust gehabt hätte. Ich denke, es ist ein soziologisches Phänomen. Wenn Dinge zu viel Aufmerksamkeit ziehen, und alle darüber reden, wollen sich viele erstmal abgrenzen. Meistens ist das ungerecht. Der Hype wird schließlich von außen auf das Werk projiziert. Man kann sich nicht wirklich dagegen wehren. Und meistens legt sich der Stress, der von dem Wirbel um ein Buch ausgeht, mit der Lektüre.

Können Sie sich noch an ein konkretes Beispiel erinnern?

Als ich 2010 gerade nach Berlin gezogen war, herrschte große Aufregung um Helene Hegemanns AXOLOTL ROADKILL. Ich habe mich damals fast anstecken lassen, aber dann habe ich das Buch gelesen und mochte es und dann war der Stress vorbei

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