Pamela Jahn: In der ersten Szene des Films fragt Tanja ihren Freund Jerome: Wie geht's dir?
Leif Randt: Eine gute Frage, auf die man selten eine ehrliche Antwort bekommt. Die meisten antworten fast nichts, andere viel zu viel. Mir persönlich geht es gerade ziemlich gut. Die Berlinale-Premiere liegt hinter mir, der ganze Irrsinn, ein ausverkaufter Zoopalast. Plötzlich sieht man den Film, den man geschrieben hat, umringt von Menschen, die man wirklich gerne mag. Das hat viel Spaß gemacht.
Wie sehr haben sich die Bilder verändert, die Sie beim Schreiben des Romans im Kopf hatten?
Den Film auf der Leinwand zu sehen war eine Zeitreise im besten Sinne für mich. Eine Rückkehr in die späten Zehnerjahre. Heute würde ich den Modus, aus dem heraus ich damals den Roman geschrieben habe, als ‚verwunderte Anteilnahme‘ bezeichnen. Ein Buch über meine eigene banale Lebensrealität, Freiberufler in Berlin und Maintal, denen es eigentlich gut geht, sehr nah dran und doch leicht distanziert. Der Film ist auch die Abbildung eines sehr spezifischen Lebensgefühls.
Was macht dieses Lebensgefühl für Sie aus?
Man hat sein Hobby zum Beruf gemacht und kann davon leben. Rein äußerlich hat man alles im Griff, man kennt die Angebote der Großstadt, weiß, wie man Spaß hat. Gleichzeitig macht sich ein Unbehagen breit, eine Furcht vor Veränderung: Man ahnt, dass der eigene Lebensstil angezählt sein könnte, durch äußere Faktoren, aber auch biografisch, wenn es etwa darum geht, in einer Beziehung den nächsten Schritt zu gehen. Sollte man tatsächlich eine bürgerliche Kleinfamilie gründen? Oder will man sich dem verweigern? Und wenn ja, warum? Was könnte man alternativ tun? Das sind Fragen, die ab Mitte dreißig drängender werden.
Welche Einflüsse von außen beschäftigen Ihre Figuren?
Das Wissen um den fortschreitenden Klimawandel, der sich 2018 ironischerweise total fantastisch äußerte mit einem spektakulären Sommer, der Anfang April anfing und im Oktober endete. Es war einfach sieben Monate lang Sommer, und man dachte, vielleicht wird es jetzt immer so sein, da kann man den Untergang der Welt doch zumindest feiern. Später stellte sich raus, nein, die Sommer sind nicht immer so, bei weitem nicht, und es kommen noch ganz andere Probleme auf uns zu. Eine Pandemie, ein Angriffskrieg in einem Nachbarland, absurde demokratische Entscheidungen und wirtschaftliche Großproblematiken, die systematisch sind. Unfassbar viele Probleme. Ich glaube, dass die Figuren aus ALLEGRO PASTELL bei all ihrer Selbstbezogenheit diese Krisen schon ahnen, sie aber verdrängen, und auch deshalb so sind, wie sie sind. Deshalb sind sie so gehemmt in ihrem Miteinander.
Macht sie das angreifbarer?
Ich habe die Figuren damals, nachdem der Roman erschienen war, bei Lesungen und in Interviews relativ stark verteidigt. Mir kam die Kritik an ihrer Art zu leben oft wohlfeil vor. Ich fragte mich bei den Leuten, die sich so hochemotional über sie aufregten, immer, was eigentlich deren Gegenmodell ist. Und kam zu dem Schluss, dass der zentrale Unterschied darin bestand, dass die sich von den Nachrichten auf ihren Handys mehr erschüttern ließen als Tanja und Jerome das tun. Sie hielten sich selbst für weniger gleichgültig und deshalb für moralisch überlegen.
Ist das vielleicht die gesündere Art, mit dem Chaos in der Welt umzugehen?
Man könnte sagen, Tanja und Jerome hatten eine souveränere Psychohygiene, sie haben sich nicht dem aggressiven Twitter-Stress ausgesetzt, sondern einfach nur Instagram genutzt, als Instagram noch ein weitgehend unpolitisches Medium war. Das hat sich erst 2020 stark verändert, im Zuge von Pandemie und Black Lives Matter.
Verstehen Sie Ihre Figuren rückblickend besser?
Ich habe mit diesen Figuren nun wirklich viel Zeit verbracht. 2017 sind die ersten Skizzen zum Roman entstanden, dann habe ich 18/19 an der Gegenwart entlanggeschrieben, mit einer gewissen Faszination, aber längst nicht davon ausgehend, dass es ein so bekanntes Buch werden würde. Ich war gespannt, was daraus wird, und hatte dann 2020 dieses spektakuläre Glück im Unglück, dass das Buch direkt vorm ersten Lockdown groß besprochen wurde, und dann viele Leute im Ausnahmezustand plötzlich Zeit zum Lesen hatten. Das hat den Text zusätzlich aufgeladen. Zeitlich nachgelagert gab es dann den Impuls, einen Film daraus zu machen, und als ich mich auf dieses Projekt eingelassen hatte, war klar: Es wird ein historischer Film.


