Susanne Gietl: Mit PORNFLUENCER (2022) haben Sie vor BABYSTAR einen Dokumentarfilm über ein Porno-Paar gemacht, das mit Amateurvideos ein Vermögen verdient hat. Auch BABYSTAR handelt von Social Media und seinen Auswirkungen. (Wie) hängen diese beide Filme zusammen?
Die Idee kam tatsächlich, während Wolfgang Purkhauser und ich PORNFLUENCER geschnitten haben. Social Media-Themen beschäftigen mich, weil ich in der Generation bin, die noch ohne Smartphones aufgewachsen und dann damit in Berührung gekommen ist. Als ich ein Jugendlicher war, kamen SchülerVZ und Facebook. Das hat mich stark beeinflusst. Als „Early Adopter“ habe ich mich eigentlich in allen meinen Filmen damit auseinandergesetzt und mich gefragt, wie das unsere Beziehungen zueinander verändert. Die Idee von BABYSTAR war anfangs mal: Ein Kind verklagt seine Eltern. Und dann hat sich alles weiterentwickelt.
Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Influencerin Luca (Maja Bons), die schon immer auf Social Media präsent ist, weil ihre Eltern Family-Influencer sind. Sie haben sogar ihre Geburt live im Internet übertragen. Haben Sie sich dabei an konkreten Beispielen orientiert und die Insta-Geschichte dann überspitzt dargestellt?
Das ist alles gar nicht so weit hergeholt. Wir haben ganz viel im Internet gefunden. Einige Videos haben wir fast eins zu eins im Film adaptiert. Zum Beispiel wird in der eben beschriebenen Szene „Getting Ready to Give Birth“ noch bis kurz vor der Geburt ein Beautyprodukt promotet. All das passiert online wirklich! Auf YouTube kann man ganze Geburten ansehen. Generell haben die Co-Autorin Nicole Rüthers und ich uns bei der Arbeit immer wieder daran gestoßen, dass wir etwas überzeichnen wollten, aber die Realität dann noch krasser war - oder wir wurden ein paar Monate später von ihr einfach eingeholt und ausgedachte Storylines waren plötzlich real.
Nicht nur die Bilder wirken überhöht, auch die Dialoge lassen einen aufhorchen. Lucas Mutter Stella und ihr Mann Chris denken zum Beispiel darüber nach, wie Stella am meisten Klicks bekommen kann. Man hört Sätze wie „Das highlightet die Seiten mit dir, die am verträglichsten mit dem Algorithmus sind.“ So redet doch keiner, oder irre ich mich?
Wenn man sich Tech-CEOs anschaut, dann kann ich mir schon vorstellen, dass sie so sprechen. Es gibt sicherlich Leute, die mit sehr viel Kalkül an die Sache gehen und sehr direkt ausdrücken, was sie tun. Das habe ich auch bei der Arbeit mit BABYSTAR gelernt. Was Leute im realen Leben sagen, ist teilweise grotesker und klarer, als wir uns das vorstellen.
Man könnte BABYSTAR als Farce bezeichnen, aber wir sind wohl zu nah an der Realität, um das zu tun …
Es ist eine Melange aus beidem. Wir haben nicht nur online recherchiert, sondern natürlich auch mit Family-Influencern gesprochen. Ich habe 2016 in einem YouTuber-Management gearbeitet und aus der Zeit einiges mitgenommen. Das war eigentlich die goldene Zeit von YouTube mit Dagi Bee, Simon Desue und Leon Machère oder „Die Aussenseiter“. Sie sind alle durch Social Media aus ihrem Kinderzimmer berühmt geworden. Man darf auch nicht unterschätzen, was das für ein harter Beruf ist, und dass der nicht 9 to 5 geschieht, sondern 24-7 und die Leute kontinuierlich etwas von sich zeigen. Dafür wurden ihnen damals absurde Summen gezahlt. Viele der YouTuber kamen aus ganz normalen Arbeiterfamilien und bekamen als Influencer die Möglichkeit, ein besseres Leben zu führen. Für mich war es keine gute Zeit. Das Verhalten gegenüber Frauen oder Menschen, die unter Influencern gearbeitet haben, war häufig auch alles andere als korrekt. Man sieht die Schattenseiten des kapitalistischen Systems, das einem das Gefühl vermittelt, dass man nur etwas wert ist, wenn man Geld verdient. Das spiegelt sich dann auch menschlich wider.
Luca ist nicht nur Tochter, sondern für ihre Eltern auch ein Wirtschaftsfaktor. Warum sind Influencer so beliebt?
Was wir Menschen in den sozialen Medien suchen, ist das Leben, das wir nicht haben. Wir projizieren das fremde Leben in unser Leben. Social Media gibt das Versprechen des Kapitalismus wieder, dass jeder reich werden kann und wenn man reich ist, dann hat man alles, was man braucht. Und trotzdem ist man nie satt. Das ist auch im Film so. Die Eltern laufen den Klickzahlen hinterher.

