Filmgespräch

Regisseur Joscha Bongard über BABYSTAR: "Was wir Menschen in den sozialen Medien suchen, ist das Leben, das wir nicht haben."

Für seinen ersten Langfilm PORNFLUENCER (2022), der 2023 für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert wurde, begleitete Joscha Bongard (*1994 in Wolfsburg) ein Paar, dass sich selbst mit Pornovideos vermarktet. Auch sein Spielfilmdebüt BABYSTAR siedelt Bongard, der selbst in einer Agentur für YouTuber gearbeitet hat, wieder im Social Media Universum an.

Susanne Gietl: Mit PORNFLUENCER (2022) haben Sie vor BABYSTAR einen Dokumentarfilm über ein Porno-Paar gemacht, das mit Amateurvideos ein Vermögen verdient hat. Auch BABYSTAR handelt von Social Media und seinen Auswirkungen. (Wie) hängen diese beide Filme zusammen?

Die Idee kam tatsächlich, während Wolfgang Purkhauser und ich PORNFLUENCER geschnitten haben. Social Media-Themen beschäftigen mich, weil ich in der Generation bin, die noch ohne Smartphones aufgewachsen und dann damit in Berührung gekommen ist. Als ich ein Jugendlicher war, kamen SchülerVZ und Facebook. Das hat mich stark beeinflusst. Als „Early Adopter“ habe ich mich eigentlich in allen meinen Filmen damit auseinandergesetzt und mich gefragt, wie das unsere Beziehungen zueinander verändert. Die Idee von BABYSTAR war anfangs mal: Ein Kind verklagt seine Eltern. Und dann hat sich alles weiterentwickelt.

Im Mittelpunkt steht die 16-jährige Influencerin Luca (Maja Bons), die schon immer auf Social Media präsent ist, weil ihre Eltern Family-Influencer sind. Sie haben sogar ihre Geburt live im Internet übertragen. Haben Sie sich dabei an konkreten Beispielen orientiert und die Insta-Geschichte dann überspitzt dargestellt?

Das ist alles gar nicht so weit hergeholt. Wir haben ganz viel im Internet gefunden. Einige Videos haben wir fast eins zu eins im Film adaptiert. Zum Beispiel wird in der eben beschriebenen Szene „Getting Ready to Give Birth“ noch bis kurz vor der Geburt ein Beautyprodukt promotet. All das passiert online wirklich! Auf YouTube kann man ganze Geburten ansehen. Generell haben die Co-Autorin Nicole Rüthers und ich uns bei der Arbeit immer wieder daran gestoßen, dass wir etwas überzeichnen wollten, aber die Realität dann noch krasser war - oder wir wurden ein paar Monate später von ihr einfach eingeholt und ausgedachte Storylines waren plötzlich real.

Nicht nur die Bilder wirken überhöht, auch die Dialoge lassen einen aufhorchen. Lucas Mutter Stella und ihr Mann Chris denken zum Beispiel darüber nach, wie Stella am meisten Klicks bekommen kann. Man hört Sätze wie „Das highlightet die Seiten mit dir, die am verträglichsten mit dem Algorithmus sind.“ So redet doch keiner, oder irre ich mich?

Wenn man sich Tech-CEOs anschaut, dann kann ich mir schon vorstellen, dass sie so sprechen. Es gibt sicherlich Leute, die mit sehr viel Kalkül an die Sache gehen und sehr direkt ausdrücken, was sie tun. Das habe ich auch bei der Arbeit mit BABYSTAR gelernt. Was Leute im realen Leben sagen, ist teilweise grotesker und klarer, als wir uns das vorstellen.

Man könnte BABYSTAR als Farce bezeichnen, aber wir sind wohl zu nah an der Realität, um das zu tun …

Es ist eine Melange aus beidem. Wir haben nicht nur online recherchiert, sondern natürlich auch mit Family-Influencern gesprochen. Ich habe 2016 in einem YouTuber-Management gearbeitet und aus der Zeit einiges mitgenommen. Das war eigentlich die goldene Zeit von YouTube mit Dagi Bee, Simon Desue und Leon Machère oder „Die Aussenseiter“. Sie sind alle durch Social Media aus ihrem Kinderzimmer berühmt geworden. Man darf auch nicht unterschätzen, was das für ein harter Beruf ist, und dass der nicht 9 to 5 geschieht, sondern 24-7 und die Leute kontinuierlich etwas von sich zeigen. Dafür wurden ihnen damals absurde Summen gezahlt. Viele der YouTuber kamen aus ganz normalen Arbeiterfamilien und bekamen als Influencer die Möglichkeit, ein besseres Leben zu führen. Für mich war es keine gute Zeit. Das Verhalten gegenüber Frauen oder Menschen, die unter Influencern gearbeitet haben, war häufig auch alles andere als korrekt. Man sieht die Schattenseiten des kapitalistischen Systems, das einem das Gefühl vermittelt, dass man nur etwas wert ist, wenn man Geld verdient. Das spiegelt sich dann auch menschlich wider.

Luca ist nicht nur Tochter, sondern für ihre Eltern auch ein Wirtschaftsfaktor. Warum sind Influencer so beliebt?

Was wir Menschen in den sozialen Medien suchen, ist das Leben, das wir nicht haben. Wir projizieren das fremde Leben in unser Leben. Social Media gibt das Versprechen des Kapitalismus wieder, dass jeder reich werden kann und wenn man reich ist, dann hat man alles, was man braucht. Und trotzdem ist man nie satt. Das ist auch im Film so. Die Eltern laufen den Klickzahlen hinterher.

Das Spiel ist gewollt unterkühlt. Welche Idee stand dahinter?

Wir wollten eine eigene Welt kreieren. Ich mag Filme, die psychologisch an Dinge herangehen. Da es eine abgeschlossene Welt ist, wollten wir auch eine starke visuelle und auch spielerische Welt kreieren, die einen eigenen Touch hat. Ich liebe nordisches Kino sehr und bin großer Fan von Ruben Östlund und Yorgos Lanthimos, die einen starken Gestaltungswillen haben und auch eine gewisse Surrealität in ihren Filmen zulassen. Mich hat es nie gereizt, ein total naturalistisches Porträt zu zeichnen und mit einer Handkamera jemanden zu verfolgen, weil ich ein Gegengewicht zu dem, was wir eh schon kennen, aufbauen wollte. Uns war von Anfang an klar, dass wir einen Film über Social Media, aber keinen Social-Media-Film machen wollten.

Die Ästhetik spricht für sich. Wir scrollen durch einen Instagram-Feed, Bilder werden angeschnitten. Ein Song wird abrupt unterbrochen, dann wird einfach der nächste Inhalt dazu gepackt und der Song ist wieder vergessen. Andererseits verfolgt die Tochter das Leben ihrer Eltern in schwarz-weißen Überwachungskameraaufnahmen.

Wir haben versucht, diese Instagram-Welt so authentisch wie möglich zu machen und haben, so wie es Influencerinnen machen, auf iPhones gedreht. Wir wollten diese schnelllebige, bunte Welt aber ganz klar mit einer visuellen Antithese kontrastieren und arbeiten mit Standbildern und weiten Einstellungen. Wir zeigen Bilder mit einer gewissen Langsamkeit, die erlebbar machen soll, wie schnell und leer die ganze Instagram-Welt ist - und wie nah man an etwas dran ist und doch gar nichts sieht.

Viele Aufnahmen spielen sich im Haus ab. War das von Anfang an eine bewusste Entscheidung?

Wenn man wenig Geld hat, muss man sehr effizient drehen. Deswegen ist viel in Innenräumen passiert. Bei PORNFLUENCER war es damals auch schon so, dass ich einfach gemerkt habe, dass viele Menschen, die auf Social Media präsent sind, sehr privat und zurückgezogen leben. Deswegen ist dieses Motiv vom goldenen Käfig ein ganz elementares gewesen. Man hat zu Hause die volle Kontrolle. Es gibt Influencer-Häuser, die im Endeffekt nur aus Schränken bestehen, in die alles schnell reingeworfen werden kann. Man zeigt eigentlich nur eine Fassade von dem Haus, in dem man wohnt. Es entsteht eine Sterilität, damit der Schutz des Privaten gewahrt wird. Unser Kameramann Jakob Sinsel hat ganz bewusst im Innen anders gedreht als im Außen. In der Natur erlauben wir der Kamera andere Bewegungen zu machen oder zum ersten Mal richtig zu atmen. Es ist eine Art Befreiungsschlag.

BABYSTAR zeichnet ein sehr negatives Bild von den sozialen Medien. Wie ist Ihr heutiges Verhältnis dazu?

Ich war lange „Heavy User“ von Social Media und bin auch durch meinen Beruf auf eine Art darauf angewiesen. Mein persönliches Verhältnis hat sich in den letzten Jahren schon verändert, weil es mir nicht guttut und mir im Endeffekt Zeit klaut. Aber Instagram ist eine große Werbeplattform für uns Kreative und für unsere Filme. In vielen technischen Erfindungen steckt sehr viel Positives, aber gerade erleben wir einen extremen Backlash und die negativen Seiten von Social Media, zum Beispiel auch durch ganz klare Einflussnahme von autoritären Staaten, die Demokratien angreifen. Manchmal ist das so subtil, dass man es gar nicht so stark merkt. Ich würde mir wünschen, dass wir kritischer sind und uns auch immer mehr von Plattformen abwenden und frei machen. Social Media ist vielleicht das größte soziale, gesellschaftliche Experiment, das wir je gemacht haben. Mit offenem Ausgang. Ich finde, wir sollten das als Gesellschaft gestalten und nicht nur bei dieser Revolution zuschauen.

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