Im Interview geht Jones auch auf einen Vorfall ein, der sich bei den British Film Awards (BAFTA) 2026 ereignete. VERFLUCHT NORMAL war sechsmal nominiert, Hauptdarsteller Robert Aramayo wurde ausgezeichnet, und auch John Davidson war bei der Zeremonie anwesend. Das Publikum war gewarnt worden, dass zu seinen Symptomen auch die Koprolalie gehört, die dazu führt, dass die Betroffenen obszöne und tabuisierte Dinge äußern. Als Michael B. Jordan und Delroy Lindo, Darsteller aus BLOOD & SINNERS, auf der Bühne standen, rief Davidson unfreiwillig das N-Wort in den Saal. Anders als vorab vereinbart war die rassistische Beleidigung auch in der Fernsehausstrahlung zu hören und führte zu einer viralen Debatte.
Pamela Jahn: Herr Jones, wenn ich es richtig verstehe, haben Sie über den Humor in Bezug auf John Davidsons Erkrankung eine Verbindung zu ihm aufgebaut?
Ich habe ihn in erster Linie kontaktiert, weil mich seine Lebensgeschichte faszinierte. Aber bei unserem ersten Treffen erwähnte ich nach wenigen Minuten, dass ich – ohne mich lustig machen zu wollen – etwas sehr Amüsantes darin sehen würde, wenn jemand keine Kontrolle über das hat, was er sagt – was natürlich im schlimmsten Fall beunruhigend, gefährlich und beängstigend sein kann. Zu meiner Überraschung sagte John, er stimme mir vollkommen zu. Er meinte, sein Leben sei immer lustig und tragisch zugleich gewesen. Erst später wurde mir klar, dass miteinander zu lachen für Menschen mit Tourette-Syndrom generell sehr wichtig ist.
Ist es dann nicht paradox, dass in unserer Gesellschaft noch immer so viel Unverständnis herrscht, viel Diskriminierung, viele Missverständnisse, auch Hass?
Es ist sehr verwirrend. Einerseits gibt es Menschen mit Tourette, die all das sagen, was politisch und privat unkorrekt ist. Es ist rassistisch, es ist homophob, es ist sexistisch, es ist verstörend, aber gleichzeitig können sie nichts dagegen tun. Aber dass sie gemeinsam viel darüber lachen, hängt damit zusammen, dass, wenn man 20 Menschen mit Tourette in einem Raum versammelt, sie sich gegenseitig triggern. Daraus entsteht viel Situationskomik, wenn Sie so wollen, und auch eine gewisse Erleichterung. Es nimmt den Druck raus. Am Ende ist Tourette eine sehr ernst zu nehmende psychisch und körperlich belastende Erkrankung. Das bedeutet, dass die Menschen absolute Unterstützung und Akzeptanz brauchen. Aber die Symptome sind unsympathisch. Das ist das Dilemma. Ich erinnere mich auch, dass mir ganz am Anfang des Projekts jemand sagte, diesen Film zu machen, sei die am ehesten „woke“ und wahrscheinlich zugleich „un-woke“ Idee, die man haben kann.
Wie schreibt man motorische und verbale Tics, die so spontan und unberechenbar sind, in ein Drehbuch?
Ich hatte das Glück, dass mir die drei BBC-Dokumentationen über John zur Verfügung standen, die ihn im Alter von 15 bis Mitte dreißig zeigen. Noch wichtiger waren aber natürlich die Gespräche mit ihm selbst. Auf diese Weise bekam ich ein gutes Gefühl dafür, wer er war, und habe die Geschichte darauf aufbauend geschrieben. Ich habe aber nur einige von Johns Tics ins Drehbuch einfließen lassen, die ich im Laufe der Jahre beobachtet hatte. Denn sie entwickeln sich weiter und verändern sich permanent.
Wie hat sich Robert Aramayo auf die Rolle vorbereitet?
Er verbrachte drei Monate mit John in Galashiels, seiner schottischen Heimat. Sie gingen zusammen in den Supermarkt, arbeiteten im Garten, sahen fern. Sie kochten gemeinsam Abendessen. Zudem führte Rob Videogespräche mit anderen Menschen, die mit Tourette-Syndrom leben. Wenn sie unter Koprolalie litten – was nur bei 20 % der Menschen mit Tourette der Fall ist –, hörte er oft ihre Tics und schrieb sie auf, weil er die Erkrankung vollständig verstehen und John nicht nur imitieren wollte.
Hat er die Tics für den Dreh einstudiert?
Nein, das hätte nicht funktioniert. Am Anfang sagte Rob Take für Take dasselbe. Aber schon bald gingen wir dazu über, zu improvisieren. Rob veränderte seine Position vor der Kamera, ohne mich oder die anderen Schauspieler darüber zu informieren. Dadurch waren die anderen Darsteller immer auf der Hut vor dem, was er als Nächstes tun würde, einschließlich Rob selbst. Einmal hatte er einen Tic und konnte sich nicht einmal daran erinnern. Er war so in seiner Rolle aufgegangen, dass die Tics einfach aus ihm herauskamen, genau wie bei John.



