Filmgespräch

Regisseur Markus Schleinzer über ROSE: "Veränderung findet nur da statt, wo Regeln gebrochen werden."

Markus Schleinzer (*1971) begann seine Filmkarriere als Schauspieler, und arbeitete rund 10 Jahre lang sehr erfolgreich als Casting-Direktor – unter anderem für Chris Kraus, Jessica Haussner, Wolfgang Murnberger, Michael Glawogger und Michael Haneke, für dessen DAS WEISSE BAND er ein Jahr lang 7000 Kinder castete und die Kinder auch am Set betreute. Seit 2011 arbeitet Schleinzer auch als Regisseur. Nach MICHAEL (2011) und ANGELO (2018) ist ROSE sein dritter Spielfilm.

Pamela Jahn: Herr Schleinzer, Rose sagt im Film: „In der Hose steckt mehr Freiheit und ist ja doch nur ein Stückchen Stoff, also bin ich in die Hose.“ Kleiden Sie sich heute mit einem anderen Bewusstsein als vor diesem Projekt?

Markus Schleinzer: Ja, in der Tat. Die Beiläufigkeit dieses Kleidungsstücks hat sich für mich gänzlich aufgelöst. Ich kann der Hose heute nicht mehr mit der gleichen Naivität begegnen wie früher. Das liegt nicht nur an ROSE, sondern insgesamt an meiner Recherche zu dem Thema, in der ich mich weit über den europäischen Raum hinausbewegt und viel gelesen habe, etwa zu den Mädchen in Afghanistan, die in ihrer frühen Kindheit eine kurze Zeitspanne bekommen, in der sie als Knaben verkleidet gleichberechtigt Fußball spielen dürfen. Oder denken Sie an die Burrneshës in der Balkan-Region, die innerhalb ihrer Familien aus den verschiedensten Gründen eine männliche Identität annehmen, um den strengen patriarchalischen Zwängen zu entkommen und mehr Rechte zu erlangen.

Auch Rose, die im Dreißigjährigen Krieg die Identität eines gefallenen Soldaten annimmt, ist kein Einzelfall.

Das stimmt. Dazu muss man sagen, wir haben nicht nur Gerichtsakten der Frauen eingesehen, die man überführt hat, sondern ab und an ließen sich beim Militär Obduktionsberichte finden, die ergaben, dass hochrangierte Offiziere erst quasi posthum durch die Leichenwaschung oder die Arztbeschau enttarnt wurden.

Sind Sie zum besseren Verständnis Ihrer Hauptfigur auch mal in ein Kleid gestiegen?

Ich habe 2020 gemeinsam mit der Schauspielerin Salka Weber den Österreichischen Filmpreis moderiert, der zum zehnjährigen Jubiläum unter dem Motto "Gleichberechtigung in der Filmindustrie“ stand. Unsere Outfits an dem Abend haben wir thematisch angepasst: Ich trug ein von der Kostümbildnerin Veronika Albert entworfenes, herrlich grünes Abendkleid, meine Kollegin einen Vintage-Herrenanzug von Vivienne Westwood. In diesem Spiel mit Geschlechteridentitäten war meine Neugier bereits angelegt, denn die Hose ist nebst einem Bekleidungsbild natürlich immer auch ein Symbol und ein Mittel, um andere Menschen auszugrenzen, zu unterdrücken oder sie ihrer Freiheit zu berauben.

Es geht in Ihrem Film weniger um die erfolgreiche Tarnung, sondern vielmehr um das, was nach der Entlarvung kommt – die Möglichkeit einer Utopie. Würden Sie es auch so formulieren?

Es ist historisch der Filmgeschichte oder überhaupt unserer Gesellschaft geschuldet, dass man erst jetzt langsam beginnen kann, dieses Genre des Crossdressing auch im Kino anders oder weiterführend zu beleuchten. ROSE hat die diesjährige Diagonale eröffnet. Parallel dazu hat das Festival eine Reihe unter dem Titel „Girls Will Be Boys“ kuratiert, die frühe Filme zu dem Thema zeigte, und was man da sieht, sind hauptsächlich Frauenfiguren, die meist aus finanziellen Gründen in die Hose steigen, um Arbeit zu bekommen – und es sind fast immer Komödien.

Ein Gegenbeispiel wäre TOOTSIE?

Auch ein Film, der eigentlich hauptsächlich in der komischen Überzeichnung verharrt. Dustin Hoffman verkörpert darin ein ähnliches Fabelwesen, wie das vielleicht Dragqueens im Allgemeinen für die meisten Menschen sind. Doch auch hier hat man es verpasst, zu überlegen, was der nächste logische Schritt in der Auseinandersetzung mit diesem Thema sein könnte. Stattdessen geht es vorrangig um das Bekannte, das Betuliche, das Lustige, und eine extreme Sexualisierung.

Wie präsent war Ihnen beim Schreiben der Teil von Roses Biografie, der im Film bewusst ausgespart bleibt, insbesondere ihr Leben vor dem Krieg?

Ich bin ein sehr verschwenderischer Mensch, muss aber nicht unbedingt alles teilen. Das Projekt hat insgesamt acht Jahre in Anspruch genommen, und wie immer gab es zunächst keinen genauen Plan. De facto war es bei ROSE aber so, dass mein Co-Autor Alexander Brom und ich uns am Ende eine gesamte Lebensgeschichte von ihr erarbeitet hatten, die in der frühesten Kindheit beginnt und bis zu ihrem der Historie – oder meiner Weltsicht – geschuldeten bitteren Ende reicht.

Gab es dafür einen historisch belegten Fall, an dem Sie sich beim Schreiben orientiert haben?

Was mich sehr berührt hat in der Recherche, war die Geschichte eines Paares in Deutschland. Er war Söldner, sie ist ihm in den Krieg gefolgt, wie es damals üblich war. Die Familien blieben zusammen. Und nun war es so, dass man diesem Söldnerheer als Lohn nur das geben konnte, was sie nach einem gewonnenen Gefecht vom Schlachtfeld tragen konnten, besser gesagt: die Männer oder ihre Söhne, denn Frauen war dieses Recht untersagt. Und darin bestand das Problem: Weil dieses Paar ein Mädchen nach dem anderen bekam, wurde der Mann zum Gerede. Aus dieser Scham heraus, behauptete er bei der nächsten Schwangerschaft, es werde jetzt sicher ein Knabe. Und als erneut ein Mädchen geboren wurde, kamen sie aus dieser Lüge nicht mehr heraus. So wuchs das Kind in dem Glauben heran, ein Junge zu sein, bis der Betrug nach neun Jahren aufflog. Plötzlich wurde dem vermeintlichen Sohn die Hose genommen und eine Schürze umgebunden. Diese Verwirrung hat mich fasziniert und sehr berührt; die Vorstellung, dass man eine Zeit lang in einer falschen Behauptung lebt, die man unbewusst annimmt und an die man selbst glaubt. Damit beginnt der Roman ROSE, der wahrscheinlich nie veröffentlicht wird, aber den ich für mich um das Drehbuch herum geschrieben habe.

Eine Narbe verzerrt Roses Gesicht. Sie trägt die Kugel, die ihr im Krieg durch die Wange geschossen wurde, an einer Kette um den Hals. Was verbirgt sich für Sie hinter diesem Bild?

Ich bin in Österreich aufgewachsen. In meiner Kindheit gab es in den Nachrichten ein bisschen Europa, ein bisschen Amerika. Lange Zeit dachte ich, Afrika besteht nur aus Äthiopien und ist ein Land, in dem die Menschen hungern. Auch Irak und Iran konnte ich nicht auseinanderhalten, weil die Kriegsmeldungen immer mit der Nennung beider Staaten in einem Atemzug anmoderiert wurden. Vieles, was man sah, wurde unkommentiert der eigenen Fantasie überlassen. Das geht heute nicht mehr. Den Kriegsbildern, die überall in den klassischen und sozialen Medien existieren, ist eine Art von Realität und Naturalismus eingeschrieben, dem man als Filmschaffender nichts Adäquates entgegensetzen kann. Ein symbolbeladenes Bild wie dieses sagt so viel mehr aus, um die Gräuel des Krieges darzustellen, nicht zuletzt auch, weil Bilder immer eine Verantwortung haben.

Die Entscheidung, Gewalt und Gräuel nicht zu zeigen, war bereits bei Ihrem ersten Film MICHAEL entscheidend, in dem ein unscheinbarer Versicherungsmanager einen zehnjährigen Jungen in seinem Keller gefangenhält. Warum?

Es hat für mich sehr viel mit Würde zu tun. Natürlich kann man sagen, ich habe mir in meinen drei Filmen bisher immer Hauptfiguren ausgesucht, denen es im Laufe der Geschichte zunehmend schwerfällt, an ihrer Würde festzuhalten. Gleichzeitig wird man als Zuschauer auf die harte Probe gestellt, den Figuren trotz allem mit einem humanistischen Blick zu begegnen. Es geht dabei immer um ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. Für mich stellt sich die Frage: Wie bewege ich mich mit dem nötigen Respekt auf meine Figuren zu, auch wenn es mir manchmal selbst Mut abringt, mich mit so einer Figur wie bei MICHAEL auseinanderzusetzen.

Ist der Respekt gegenüber Ihren Hauptfiguren auch der Grund, warum Sie Ihre Filme nach ihnen betiteln?

Möglicherweise. Aber wie sollte ROSE sonst heißen: Der Tag, an dem der Regen fiel? Oder: In der Hose steckt mehr Freiheit? Wohl nicht. Zwar ist ein Name auch nur eine Kategorisierung und austauschbar, aber dahinter steht immer eine Person, ein ganzes Leben, ein ganzes Universum. In der Hinsicht bin ich ganz bei Hannah Arendt und ihrem berühmten Credo vom „Denken ohne Geländer“. Ich finde es wichtig, dass man den Leuten die Möglichkeit gibt, sich selbst in etwas hineinzubegeben, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln, ohne zu moderieren oder ihnen etwas vorzugeben. Nur so kann man Menschen emotional anbinden.

Sie haben vor MICHAEL siebzehn Jahre lang als Casting-Direktor gearbeitet, unter anderem für Michael Haneke. Was macht für Sie heute eine gute Besetzung aus?

Casting ist ein Beruf, in dem man nicht ausweichen darf. Das kann man aber nur, wenn man selbst genau weiß, was man will. Am Ende funktioniert auch jede Inszenierung nicht anders. In dem Jahr, als ich an Hanekes DIE KLAVIERSPIELERIN gearbeitet habe, castete ich parallel dazu für Ulrich Seidl HUNDSTAGE und Jessica Hausners Debütfilm LOVELY RITA sowie die TV-Serie JULIA – EINE UNGEWÖHNLICHE FRAU mit Christiane Hörbiger in der Hauptrolle. Vier unterschiedlichste Aufgabenstellungen, die jede für sich eine andere Temperatur und Tonalität im Erzählen anstreben. Das muss man verstehen und sich anpassen können. Nur so kann man eine Besetzung zusammenstellen, die in sich stimmig ist und sich organisch anfühlt.

Ist Michael Haneke eine Art Mentor für Sie gewesen?

Ich war 25 Jahre alt, als ich zum ersten Mal mit ihm gearbeitet habe. Daraus hat sich schnell eine innige Freundschaft entwickelt, die bis heute anhält. Meine Mitarbeit war bald auch nicht mehr nur aufs Casting beschränkt, sondern ich habe am Set mitgewirkt, durfte Komparsen inszenieren und war für ihn ein Dialogpartner, wenn wir uns am Ende des Drehtags die sogenannten Dailys angesehen haben, also das gesamte an einem Tag aufgenommene Filmmaterial. Aber alles, was ich als Autodidakt heute über das Filmemachen weiß und wie ich es verstehe, verdanke ich ihm genauso wie den unzähligen Schauspieler*innen, die ich als Casting-Direktor jeden Tag vor der Kamera hatte, von Komparsen über Kinder und Laien bis hin zu Superstars.
Kann man an Utopien scheitern?

Noch einmal zurück zu ROSE: Welche der beiden zentralen Frauenfiguren wirkt auf Sie geheimnisvoller?

Schwer zu sagen, weil ich immer die ganze Geschichte von Rose im Hinterkopf habe, auch den Teil, den man im Film nicht sieht, wohingegen Suzanna auf der Leinwand eine komplette Entwicklung durchlebt, die wir Autoren ihr geschenkt haben. Insofern ist für mich Rose rätselhafter, aber Suzanna vielleicht die tragischere Figur, weil sie in etwas hineingerät, das sie sich nicht ausgesucht hat. Und weil ihr nur wenig Zeit bleibt, um die Selbstermächtigung, die sie für einen Augenblick erlebt, wirklich auszukosten. Man muss aber auch sehen, dass sie nicht der reine Kollateralschaden ist. In ihr erwacht eine Neugier, die ihr zu schnell wieder genommen wird. Und wenn Rose am Ende des Films sagt: „Bis hierher bin ich gekommen und habe getan, was ich kann“, ist das etwas, was Suzanna nicht von sich behaupten kann.

Scheitern beide Frauen an der Utopie, die sie sich erschaffen haben?

Menschen scheitern an Gegebenheiten oder an einer zu großen Aufgabe. Aber Utopie ist ja nichts, was man leben kann. Natürlich kann man an seinen Träumen zerbrechen, aber auch immer nur dann, wenn man ihnen nachhängt. Meine Mutter hat einmal gesagt, dass Träume wie ungeborene Kinder sind. Wenn man sie zu lange in sich trägt, vergiften sie einen. Rose macht es anders. Sie erdenkt sich eine Utopie, und setzt sie entgegen jeder Vernunft und aller Widerstände in die Wirklichkeit um. Aber ihr Traum hat einen Preis. Sie muss ihre eigene Identität verheimlichen. Sie muss auf Intimität und Sexualität verzichten. Sie muss immer als Verbrecherin, immer im Geheimen leben, jeden Tag die Enttarnung fürchten. Körperpflege, Nahrungsaufnahme, Krankheit, Schwäche, Alter sind alles ungelöste Fragen, die sie verdrängt. Das wird ihr zum Verhängnis. Aber Utopien sind wichtig, um voranzukommen. Denn Veränderung findet nur da statt, wo Regeln gebrochen werden.

Neueste Beiträge