Pamela Jahn: Herr Schleinzer, Rose sagt im Film: „In der Hose steckt mehr Freiheit und ist ja doch nur ein Stückchen Stoff, also bin ich in die Hose.“ Kleiden Sie sich heute mit einem anderen Bewusstsein als vor diesem Projekt?
Markus Schleinzer: Ja, in der Tat. Die Beiläufigkeit dieses Kleidungsstücks hat sich für mich gänzlich aufgelöst. Ich kann der Hose heute nicht mehr mit der gleichen Naivität begegnen wie früher. Das liegt nicht nur an ROSE, sondern insgesamt an meiner Recherche zu dem Thema, in der ich mich weit über den europäischen Raum hinausbewegt und viel gelesen habe, etwa zu den Mädchen in Afghanistan, die in ihrer frühen Kindheit eine kurze Zeitspanne bekommen, in der sie als Knaben verkleidet gleichberechtigt Fußball spielen dürfen. Oder denken Sie an die Burrneshës in der Balkan-Region, die innerhalb ihrer Familien aus den verschiedensten Gründen eine männliche Identität annehmen, um den strengen patriarchalischen Zwängen zu entkommen und mehr Rechte zu erlangen.
Auch Rose, die im Dreißigjährigen Krieg die Identität eines gefallenen Soldaten annimmt, ist kein Einzelfall.
Das stimmt. Dazu muss man sagen, wir haben nicht nur Gerichtsakten der Frauen eingesehen, die man überführt hat, sondern ab und an ließen sich beim Militär Obduktionsberichte finden, die ergaben, dass hochrangierte Offiziere erst quasi posthum durch die Leichenwaschung oder die Arztbeschau enttarnt wurden.
Sind Sie zum besseren Verständnis Ihrer Hauptfigur auch mal in ein Kleid gestiegen?
Ich habe 2020 gemeinsam mit der Schauspielerin Salka Weber den Österreichischen Filmpreis moderiert, der zum zehnjährigen Jubiläum unter dem Motto "Gleichberechtigung in der Filmindustrie“ stand. Unsere Outfits an dem Abend haben wir thematisch angepasst: Ich trug ein von der Kostümbildnerin Veronika Albert entworfenes, herrlich grünes Abendkleid, meine Kollegin einen Vintage-Herrenanzug von Vivienne Westwood. In diesem Spiel mit Geschlechteridentitäten war meine Neugier bereits angelegt, denn die Hose ist nebst einem Bekleidungsbild natürlich immer auch ein Symbol und ein Mittel, um andere Menschen auszugrenzen, zu unterdrücken oder sie ihrer Freiheit zu berauben.



