Filmgespräch

Regisseur Harry Lighton über PILLION: „Ich wollte den Film nicht auf Schockeffekte ausrichten“

Es ist schwer zu glauben, dass PILLION Harry Lightons (*1992, Portsmouth, UK) Spielfilmdebüt ist. Seit Mai tourt das Team von PILLION durch die Kinos und erntete nicht nur in Cannes Standing Ovations, sondern auch den Drehbuchpreis in der Sektion „Un certain regard“. Hollywoodstar Margot Robbie bezeichnet PILLION als ihren Lieblingsfilm des Jahres. Susanne Gietl den hat Regisseur auf seinem letzten Kino-Stop in Berlin getroffen.

Susanne Gietl: PILLION ist Ihr Spielfilmdebüt. Warum haben Sie sich für das BDSM-Thema entschieden?

Harry Lighton: Ich habe mich schon immer für Kink interessiert. Mein erster Kurzfilm (SUNDAY MORNING COMING DOWN) handelte von zwei Brüdern, die an der britischen Küste ein Glory Hole besuchen - das ist so etwas wie eine öffentliche Toilette, wo man Sex hat und seinen Penis durch ein Loch in der Wand steckt. Da das jetzt zehn Jahre her ist, habe ich das Thema in der Zwischenzeit erforscht. Bei meinem ersten Spielfilm wollte ich etwas machen, das sich für mich authentisch anfühlt und gleichzeitig originell ist. Ich wollte das Thema in einem breiteren Kontext beleuchten und das Ganze auf eine Art und Weise darstellen, die weder oberflächlich noch zu ernst wirkt. Ich hoffe, der Film ist sowohl eine Einladung für Menschen, die mit dieser Subkultur nicht vertraut sind, als auch für solche, die sie kennen.

Wie sehr hat Adam Mars-Jones Romanvorlage BOX HILL dabei geholfen, die richtige Tonlage für PILLION zu finden?

Ich war total gefesselt, als ich BOX HILL gelesen habe. Das Buch hat mich sehr berührt und mich zum Nachdenken angeregt und war beunruhigend. Zeitweise war es aber auch urkomisch und erotisch. Es hat mich erregt, und genau das war mein Ziel mit dem Film: etwas zu schaffen, das bei Zuschauern, die vielleicht mit bestimmten Erwartungen ins Kino gehen, die unterschiedlichsten Emotionen auslöst. Ich wollte den Film nicht auf Schockeffekte ausrichten, sondern habe versucht, die Thematik bis ins Detail zu verstehen. Darum geht es im Film um Machtdynamiken, wie Colin darin Befriedigung findet und wie ihn das letztendlich frustriert.

In der ersten Szene überholt Ray (Alexander Skarsgård) mit dem Motorrad das Auto von Colins Familie (Lesley Sharp und Douglas Hodge). Colin (Harry Melling) sitzt auf dem Rücksitz. Statt eines eleganten Synthwave-Songs wie Kavinskys „Nightcall“ hören wir im Familienradio „I Will Follow Him!“ Was für eine clevere Anspielung!

Im Radio hört man zwar „I Will Follow Him“, allerdings in der italienischen Version von Betty Curtis. Colin versteht sie aber nicht, weil er kein Italienisch spricht. Das war für mich wie ein Augenzwinkern an das Publikum. Ich denke dabei immer an SISTER ACT. Das Lied ist recht bekannt. Wer die Melodie mit den Lyrics verbindet, erahnt so gewissermaßen, was im Film noch passieren wird.

Dann wechselt das Bild zum Barbershop-Quartett, in dem Colin und seine Familie singen. Die Anzüge sind bunt, die Songs weihnachtlich-kitschig. Welchen visuellen roten Faden hatten Sie, um den Look des Films überzeugend zu gestalten?

Der Film basiert – auch visuell - auf dem Gegensatz zwischen der Welt der Eltern und der Welt der Biker. Manche Szenen sollten an die Tradition britischer Sozialdramen erinnern, während sie auf Tour sind, sollte man durch die Bildsprache an Nicolas Winding Refn (DRIVE) denken oder eher an einen Actionfilm mit echtem Nervenkitzel. Die Abwechslung beim Schnitt zu halten, war ein schmaler Grat.

Bei ihrer ersten Begegnung am Set drehten Alexander Skarsgård und Harry Melling eine Wrestlingszene, die in einer Sexszene endet. Hatten Sie die Intention, mit etwas Vertrautem in die BDSM-Welt zu starten?

Da ich mich mit Wrestling gut auskenne, fiel mir diese Szene beim Schreiben sehr leicht. Deshalb hatte ich in einem früheren Entwurf eine 40-seitige Wrestlingszene geschrieben. Dass sie diese Szene zuerst gedreht haben, lag einfach an unserem Low-Budget-Drehplan. Wir hatten den Raum nur an diesen zwei Tagen zur Verfügung. Ich bin wirklich froh, dass wir damit gestartet sind, weil die Schauspieler sich ihre Begegnung nicht über eine intensive Dialogszene erarbeiten mussten, sondern ihre Dynamik miteinander körperlich erkunden konnten und sich direkt ins kalte Wasser stürzen konnten, um jegliche Unsicherheit zu überwinden. Das war auch gut für alle anderen Sexszenen und emotionalen Szenen.

Worin bestand der Unterschied zwischen der Probe und dem eigentlichen Drehtag?

Bei den Proben achte ich darauf, dass die emotionale Intensität nicht im Vordergrund steht. Die Proben sollen immer praxisorientiert sein. Beim Wrestling ging es nur darum, den Schauspielern die verschiedenen Griffe beizubringen und die Choreografie der Szene zu verdeutlichen. Beim Dreh brachten die Schauspieler ihre Charaktere in ihre Performance ein. Da ging es viel mehr darum, die gewünschte emotionale Qualität in der Szene einzufangen, anstatt als Regisseur Kommentare wie „Oh, ich glaube, dieser Griff könnte besser sein“ abzugeben. Ich habe einiges dazugelernt. Bei der ersten Aufnahme der Wrestling-Szene, die wir in einem Take gedreht haben, war zum Beispiel der erste Durchgang ziemlich ernst, und ich dachte dann, dass wir etwas mehr Spaß reinbringen müssen und den Aspekt betonen, dass das eine ziemlich außergewöhnliche Art von Vorspiel ist. Da haben Alexander und Harry dann auch viel improvisiert, was dem Film wirklich gut getan hat. Aber - und hier geht es wieder um die Balance - ich wollte nicht, dass das Publikum nur über den Sex von Ray und Colin lacht, sondern dass es auch in anderen Szenen Spaß haben kann. Deshalb haben wir einige Takes mit mehr Humor und andere, ernstere Takes gedreht, um die Flexibilität beim Schnitt zu gewährleisten.

Der Begriff PILLION bezeichnet die Person auf dem Motorrad-Beifahrersitz und hat in der schwulen Bikerszene zusätzlich eine unterwürfige Konnotation. Die Mitglieder von Rays Gang entstammen im wahren Leben dem Gay Bikers Motorcycle Club (GBMC). Welchen Einfluss hatte der GBMC auf den Film?

Ich bin ungefähr zwei Monate vor den Dreharbeiten an einem Wochenende mit ihnen Motorrad gefahren und habe dann die Biker aus dem Motorradclub gecastet. Sie haben nicht nur für visuelle Authentizität auf der Leinwand gesorgt, sondern waren auch eine Art Recherchequelle für uns. Harry hat einige von ihnen getroffen und wurde auch in ihren Freundeskreis eingeführt. Und Harry und Alexander konnten ihnen jederzeit Fragen zu Lederkleidung, Motorradfahren, Orgien und allem, was sie wissen wollten, stellen. Die Biker waren unglaublich auskunftsfreudig und haben ihre eigenen Erfahrungen gerne mit uns geteilt. Ich denke, vieles von dem, was man auf der Leinwand sieht, ist diesen Jungs zu verdanken.

Welchen Aspekt hätten Sie übersehen, wenn Sie die Biker nicht einbezogen hätten?

Wenn man sich eine Biker-Gang vorstellt, dann nimmt man sie oft nur als sexy oder tough wahr. Als ich Zeit mit ihnen verbracht habe, habe ich gemerkt, dass sie alle unterschiedlich sind. Einer von ihnen ist zum Beispiel Buchhalter und der andere Pornostar. Ich erinnere mich an ein Treffen, bei dem wir in einem Pub eingekehrt sind. Wir haben sehr viele Gespräche geführt, die nichts mit Sex zu tun hatten, etwa darüber, wie Füchse in England in die Städte ziehen. Das ist die Art von Gespräch, die ich mit meinem Onkel geführt hätte! Deshalb fand ich es wichtig, mit der Kamera festzuhalten, dass sie manchmal einfach nur ein Sandwich essen und sich über etwas unterhalten, das so gar nichts mit BDSM zu tun hat.

In einer Szene bittet Colin um einen Ruhetag ohne BDSM-Dynamik. Interessanterweise schauen beide während der gesamten Unterhaltung in den Spiegel. Die Kamera von Nick Morris ist, bis auf eine Ausnahme, immer mit Colin auf Augenhöhe. Wann haben Sie bemerkt, dass die Kamera gewissermaßen ein weiterer Schauspieler ist?

Für mich war es weniger das, sondern vielmehr eine Möglichkeit, in die Psychologie einer der Figuren einzutauchen. Und das haben Nick Morris und ich bei der Entwicklung der visuellen Sprache eines Films miteinbezogen. Beim Filmemachen überlege ich mir immer, wie ich eine Einstellung gestalten kann, damit man Zugang zum Inneren einer der Figur bekommt.

Colin und auch das Publikum erfährt nicht viel über Ray. Er spricht nicht über Privates, selbst seine Wohnung ist karg eingerichtet. Aber es gibt kleine Anhaltspunkte, um etwas über Ray herauszufinden, zum Beispiel trägt Ray vor der Begegnung mit Colin einen Ring um den Hals, den er später gegen den Schlüssel für Rays Halsschloss tauscht …

Und Ray hat drei Namen auf seine Brust tätowiert. Colin und das Publikum sollen daran anknüpfen und sich fragen: „Okay, vielleicht hat Ray diese Namen auf seiner Brust, weil das seine Ex-Freundinnen sind, oder vielleicht sind es Hundenamen? Und warum heißen sie Wendy, Rosie und Ellen?“ Ich habe zwar Antworten dazu, aber ich möchte das jetzt nicht verraten, damit die Zuschauer sich die Antworten selbst ausmalen können.

Was war das Aufregendste für Sie während Ihrer Arbeit an diesem Film?

Da gab es vieles, aber ehrlich gesagt war ich vor der Schlüsselszene, in der Alexander Skarsgård und Harry Melling, Lesley Sharp und Douglas Hodge zum Abendessen am Tisch sitzen, am nervösesten, weil sie am bedeutsamsten ist. Nachdem ich fast zehn Jahre lang nichts inszeniert hatte, war die Arbeit mit all diesen großartigen Schauspielern schon einschüchternd. Aber als es soweit war, habe ich es geliebt, den Moment zu erleben, mit ihnen allen zu arbeiten. Genau dafür habe ich so hart gearbeitet!

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Lockenkopf Colin, der noch bei seinen Eltern wohnt, verliebt sich Hals über Kopf in Biker Ray.

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