Filmgespräch

Regisseur Richard Linklater über NOUVELLE VAGUE: "Was Godard und die anderen damals gemacht haben, war radikal."

Patrick Heidmann

Richard Linklater wurde 1960 – im Erscheinungsjahr von AUSSER ATEM – in Austin, Texas geboren. Mit seinen ersten Filmen SLACKER (1990) und DAZED AND CONFUSED (1993) etablierte er sich schnell als wichtiger Independent-Regisseur. Am bekanntesten ist sicherlich seine BEFORE-Trilogie (1995/2004/2013), in der sich Julie Delpy und Ethan Hawke über einen Verlauf von fast 20 (realen) Jahren immer wieder begegnen, aber zu seinen Arbeiten gehören auch SCHOOL OF ROCK (2003), BOYHOOD (2014) und A KILLER ROMANCE (2023).

Patrick Heidmann: Mr. Linklater, warum ist heute eine gute Zeit, sich vor der Nouvelle Vague zu verneigen, so wie Sie es nun mit Ihrem gleichnamigen Film tun?

Richard Linklater: Das Kino ist heute 130 Jahre alt – und Godards AUSSER ATEM, von dessen Entstehung mein Film ja nun erzählt, liegt auf dem Zeitstrahl dieses immer noch so neuen Mediums ziemlich genau in der Mitte. Damals war dieser Film etwas vollkommen Neues und ein echter Wendepunkt in der Filmgeschichte. Das war die Geburtsstunde des persönlichen Films, plötzlich wurden Filme anders gemacht und gedacht, auch die technische Herangehensweise veränderte sich. Was Godard und die anderen damals gemacht haben, war radikal und eine Rebellion gegen die bestehende französische Filmindustrie. Die heutigen Zeiten sind natürlich vollkommen andere. Aber Momente der Revolution und des Wandels sind doch immer einen zweiten Blick wert. Zumal den Kern dieser Geschichte, also den Moment, in dem man sein erstes eigenes Werk auf die Beine stellt und gegen den Status Quo aufbegehrt, sicherlich viele Künstler kennen. Ich selbst zumindest fühle mich durch die Geschichte, die ich nun in NOUVELLE VAGUE erzähle, durchaus auch an die Arbeit an meinem eigenen ersten Film erinnert.

Geht es Ihnen auch darum, einer neuen Generation etwas über jene Zeit und diese Filme beizubringen?

Meine Arbeit als erzieherische Maßnahme also? Das nicht, aber ich hoffe einfach mal, dass auch junge Leute die Nouvelle Vague cool finden. Ich würde jedenfalls sagen, dass es da selbst aus heutiger Perspektive ein großes Maß an Attraktivität gibt. Allein wenn ich daran denke, wie schick und lässig alle Beteiligten angezogen waren. Selbst das Team hinter der Kamera! Godard und seine Crew sahen kein bisschen weniger cool aus als sein Ensemble – und sehr viel schicker als ich und die meisten anderen Regisseure heutzutage bei der Arbeit. Die Nouvelle Vague und alle Beteiligten strotzten nur so vor Kultiviertheit und Glamour, die Autos waren cool und die Zigarettenluft in den Cafés war es auch. Natürlich kann man sagen: das ist doch ein total romantisierter Blick. Aber warum auch nicht? NOUVELLE VAGUE soll ja nun einmal eine Liebeserklärung sein, nicht nur an Godard, sondern an alle, die damals diese Bewegung und ihre Filme möglich gemacht haben.

Wären Sie damals gerne dabei gewesen?

Ich kann nicht behaupten, dass ich mir das wirklich mal konkret gewünscht hätte. Aber wäre ich es gewesen, hätte ich sicher eine grandiose Zeit gehabt. Jung sein und mit Godard und Co. an AUSSER ATEM arbeiten – das klingt doch grandios! Wahrscheinlich wäre ich dann sogar Raucher geworden, obwohl ich mir eigentlich nie etwas aus Zigaretten gemacht habe. Wie gesagt: ich will gar nichts naiv verklären, denn natürlich war die Zeit um 1960 aus historischer Sicht alles andere als perfekt. Aber aus der künstlerischen Perspektive muss es hochspannend gewesen sein, damals gelebt zu haben.

Sie selbst wurden 1960, also im Jahr von AUSSER ATEM, in Texas geboren. Wann traten die Filme der französischen Nouvelle Vague eigentlich in Ihr Leben?

Letztlich habe ich die Nouvelle Vague im gleichen Atemzug wie das Kino kennengelernt. Die ersten 20 Jahre meines Lebens waren geprägt von Sport und Literatur; lange Zeit dachte ich, dass ich Schriftsteller werde. Doch dann entdeckte ich das Kino für mich, nicht zuletzt dank eines kleinen Kinos in Houston, in dem alte Filme liefen. Ich war schnell Feuer und Flamme und ackerte mich durch die gesamte Filmgeschichte. Da dauerte es natürlich nicht lange, bis ich auch das erste Mal von der Nouvelle Vague hörte. Als ich 1985 die Austin Film Society gründete, tat ich das nicht zuletzt, um Filme zeigen zu können, die ich selbst unbedingt sehen wollte. Ich weiß noch, wie ich im Frühling 1988 eine Reihe mit Godard-Filmen programmierte. Wir zeigten 17 seiner Werke, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das finanziell für uns damals ein Verlustgeschäft war. Aber mir ging es darum, mich weiterzubilden. Ich wusste, dass ich von Godard noch etwas lernen konnte. Selbst wenn ich persönlich letztlich eher ein Truffaut-Mann bin. Den verstehe ich besser, und er ist psychologisch mehr auf meiner Wellenlänge, doch Godard ist ein so ungewöhnlicher Denker, dass ich von ihm immer schon fasziniert war.

Ganz abgesehen davon ist er eine Legende des Kinos. Hatten Sie je die Sorge, ihm und seiner Arbeit nicht gerecht werden zu können? Zumal mit einem Film komplett auf Französisch, also einer Sprache, der Sie selbst nur bedingt mächtig sind?

Wenn Sie damit fragen wollen, ob ich überhaupt der Richtige für diesen Job gewesen bin, haben Sie mein vollstes Verständnis. Auf dem Papier macht es definitiv keinen Sinn, dass ausgerechnet ich einen Film über die Nouvelle Vague drehe. Auch wenn mein Französisch vielleicht ein klein wenig besser ist, als meine Schauspieler behaupten. Aber all das Ikonische, all die Filmgeschichte, die damals geschrieben wurde, und der Einfluss, den der Film hatte, konnte ich getrost bei Seite schieben. Denn das brach über Godard und AUSSER ATEM ja alles erst im Nachhinein herein, lange nach dem, was wir in NOUVELLE VAGUE zeigen. Ich musste einfach nur junge Leute zeigen, die gemeinsam einen Film drehen. Und weil ich doppelt so alt bin wie sie und schon rund 20 Filme gedreht hatte, traute ich mir das gerade noch zu.

Dass NOUVELLE VAGUE ein Schwarzweiß-Film werden muss, stand vermutlich von Anfang an fest, richtig?

Auf jeden Fall. Alles andere wäre doch seltsam, oder? Aber auch sonst haben wir uns stilistisch absolut von jener Zeit beeinflussen lassen. Alle Beteiligten haben sich die Filme von damals sehr genau angesehen, und es gibt in NOUVELLE VAGUE nun keine Einstellung, die in irgendeinem Film der Jahre 1959 bis 1962 fehl am Platz wäre. Mit Ausnahme vielleicht von Louis Malle, der mehr Geld zur Verfügung hatte als die anderen und deswegen elaborierte Kamerafahrten einsetzen konnte, hatten ja alle damals mit ihren überschaubaren Budgets zu kämpfen. Also gab es keine Kamerakräne, sondern wer von oben filmen musste, stellte sich eben irgendwo auf einen Balkon. All diese Dinge, die Syntax jener Zeit, haben wir für NOUVELLE VAGUE nachempfunden: keine Kräne, keine Kamerawagen, keine Steadicam.

Auch Ihr Ensemble passt bestens in diese Zeit. War es eigentlich schwierig, den richtigen Schauspieler für jemanden wie Jean-Luc Godard zu finden?

Das hat auf jeden Fall gedauert, und wir haben uns enorm viele Darsteller angesehen. Guillaume Marbeck brachte dann so eine gewisse Großtuerei mit, die mich gleich aufhorchen ließ. Ich merkte sofort, dass er Godard diese Mischung aus Leidenschaft und Selbstbewusstsein verleihen könnte, mit der jener all seine Unsicherheit und seinen Mangel an Erfahrung auszugleichen vermochte. Das war wichtig, denn solche Dinge lassen sich – anders als physische Ähnlichkeit – nicht durch Maske und Kostüm auffangen. Ein Biopic über Godard sollte NOUVELLE VAGUE aber ohnehin nie werden … Ich wollte die gesamte Crew in den Blick nehmen.
Kunst als Ergebnis eines kollektiven Prozesses ist etwas, wofür ich mich schon lange begeistere. Auch BLUE MOON, mein zweiter neuer Film, handelt ja von einer künstlerischen Zusammenarbeit, wenn auch nur zwischen zwei Menschen. Natürlich kann auch ein Maler, der allein ein Bild malt, oder ein Autor beim Schreiben interessant sein. Aber sobald der künstlerische Schaffensprozess mehr als eine Person umfasst und zu etwas Gemeinschaftlichem wird, ist er ungleich faszinierender. Dann kommt Reibung und damit Komplexität ins Spiel. Fürs Filmemachen gilt das ganz besonders. Denn sicherlich war Godard ein genialer Regisseur. Aber um einen Film wie AUSSER ATEM zu machen, brauchte er andere Menschen, die ihn dabei unterstützt haben. Und denen wollte ich genauso Tribut zollen. Was natürlich in diesem Fall auch nicht so schwer war, denn die Crew war ja klein, schließlich gab es weder einen Tonmann noch eine Kostümabteilung oder Fahrer.

Patrick Heidmann

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