Filmgespräch

Regisseurin Kaouther Ben Hania über DIE STIMME VON HIND RAJAB: "Als ich ihre Stimme hörte, fühlte ich mich direkt angesprochen."

Bereits in OLFAS TÖCHTER, der 2023 im Wettbewerb von Cannes lief und anschließend für den Dokumentarfilm-Oscar nominiert war, experimentierte die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania mit der Verschränkung von dokumentarischen und fiktionalen Szenen. Ihrem jüngsten Film DIE STIMME VON HIND RAJAB liegt ein Hilferuf zugrunde, der am 29. Januar 2024 beim Roten Halbmond in Ramallah einging: In Gaza-Stadt wurde ein Auto beschossen. Ein Mädchen überlebt und telefoniert über Stunden mit den hilflosen Rettungskräften.

Pamela Jahn: Frau Ben Hania, mit Ihrem Film machen Sie sich unweigerlich zum Sprachrohr für die Leiden in Gaza. Wie gehen Sie mit der Verantwortung um?

Kaouther Ben Hania: Ich bin Regisseurin, ich drehe Filme und spreche von Natur aus nicht gerne über meine Arbeit. Mir wäre es lieber, wenn die Menschen einfach ins Kino gehen und sich selbst ein Bild machen würden. Mein Hauptanliegen war es, der Stimme dieses kleinen Mädchens Gehör zu verschaffen, um dadurch dem Schmerz und den Qualen in Gaza insgesamt Ausdruck zu verleihen.

Wann haben Sie die Stimme von Hind Rajab zum ersten Mal gehört?

Ich bin ein politisch interessierter Mensch und habe von Anfang an verfolgt, was in Gaza passiert. Der Rote Halbmond hatte nach ihrem Tod einen kurzen Ausschnitt der Tonbandaufnahme im Internet veröffentlicht. Immer wieder sagte sie: „Rettet mich, rettet mich.“ Als ich ihre Stimme hörte, fühlte ich mich direkt angesprochen. Es war, als würde sie mich persönlich um Hilfe bitten.

Bis zur Premiere Ihres Films in Venedig war der Fall nicht weitreichend bekannt.

Sie haben recht, selbst in meiner Familie wusste niemand davon. Aber für mich gilt: Wenn man Anne Frank kennt, sollte man auch Hind Rajab kennen.

Ihr Film veranschaulicht eindringlich, die Verzweiflung der Rettungskräfte angesichts der bürokratischen Hürden, die sie am Eingreifen hindern. Hat Sie das Ausmaß der behördlichen Kontrolle von beiden Seiten schockiert?

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, das Geschehen aus der Sicht der Mitarbeiter*innen des Roten Halbmonds zu erzählen. Der Sitz der Zentrale, wo die Hilferufe eingehen, liegt in Ramallah. Wenn sie von dort aus ohne Absprache mit der israelischen Armee einen Krankenwagen nach Gaza geschickt hätten, wäre der automatisch angegriffen und zerstört worden. Es kam also auf die richtige Koordination an. Sie mussten sich über drei Ecken mit der Armee absprechen, die ihre eigenen Leute tötet, um die Rettungsaktion durchzuführen - eine grauenvolle Situation. Man muss sich das einmal vorstellen: Überall sonst auf der Welt, würde man sofort den Notarzt schicken, wenn ein Kind Hilfe braucht. Nur nicht in Gaza. Wer dort Leben retten will, muss kafkaeske Manöver überwinden.

Der Koordinator Mahdi besteht auf das offizielle Go und eine gesicherte Route; sein Kollege Omar ist dagegen, noch länger zu warten. Haben Sie sich gefragt, wie Sie entschieden hätten?

Ich kann beide Positionen nachvollziehen. Sie wollen das Gleiche: das Mädchen retten. Theoretisch könnten die Ambulanz in acht Minuten bei ihr sein. Nur will Madhi nicht noch mehr Leben riskieren, indem er seine Sanitäter ohne Genehmigung rausschickt. Für Omar, der unmittelbar mit Hind in Kontakt steht, hat ganz klar die Kleine im Auto Vorrang. Am Ende verlieren alle. Das ist der reale Horror. Das ist für mich jenseits des Bösen.

Aus acht Minuten werden Stunden. Omar skizziert den Zeitverlust auf einer Glaswand. Steht die gemalte Schleife indirekt für die Ewigkeit?

Wir überlegten, wie wir sowohl die Komplexität der Lage als auch den Zeitfaktor verdeutlichen konnten. Ich hatte das Gefühl, dem einen visuellen Ausdruck geben zu müssen. Da passte das Bild: In dem Fall sind die acht Minuten wie eine Ewigkeit.

Gab es eine Stellungnahme der israelischen Regierung, warum sie den Krankenwagen nach der Freigabe zur Rettung trotzdem bombardierten?

Offiziell heißt es, sie seien nicht dort gewesen. Doch trotz aller Schwierigkeiten für internationale Medien, aus Gaza zu berichten und Fakten zu verifizieren, haben Reporter von Sky News und der Washington Post im Nachhinein eine längere Untersuchung durchführen können. Daraufhin veröffentlichte Sky News ein Satellitenfoto, das den Panzer vor Ort zeigt. Ungeachtet dessen blieb man in Israel bei der Behauptung, das Militär sei nicht involviert gewesen. Sie leugnen es bis heute.

Sie verzichten in Ihrem Film auf jegliche politische Einordung des Geschehens. Warum?

Ich verfolge keine politische These, mir geht es um Empathie, um eine Verbindung zwischen Menschen. Darin liegt die Stärke des Kinos. Natürlich basiert die Geschichte unweigerlich auf den realen Ereignissen rund um den Terrorangriff der Hamas auf Israel. Sie existiert überhaupt nur aufgrund des politischen Kontexts, in den sie eingebettet ist. Aber dafür muss man den Menschen nicht noch einmal erzählen, dass am 7. Oktober 2023 Kämpfer der Hamas vom Gaza-Streifen aus nach Israel eindrangen, Militärposten überrannten und Kibbuze sowie das Musikfestival Nova überfielen.

Wie sind Sie konkret an die Inszenierung herangegangen?

Beim Filmemachen geht es um Bilder, aber auch um Töne. Hier balancieren wir auf besondere Weise zwischen beiden Ebenen: Zum einen gibt es den offenen Raum, die verglasten Büros des Roten Halbmond. Gleichzeitig erleben wir das Geschehen am Tatort, vermittelt durch die Stimme von Hind Rajab übers Telefon. Für mich war es sehr wichtig, zwischen dem Dokument, also der realen Tonaufnahme, und der lähmenden Erfahrung von Hilflosigkeit zu navigieren, denen die Mitarbeiter*innen vom Roten Halbmond ausgesetzt sind. Das eine ohne das andere hätte nicht funktioniert.

Hatten Sie zunächst Bedenken, Hinds Originalstimme zu verwenden? Gab es Überlegungen, die Aufnahme von einer Schauspielerin nachsprechen zu lassen?

Bevor man eine Option ausschließt, legt man sie immer erst einmal auf den Tisch. Und klar, am Anfang war das in der Diskussion. Doch dann sagte Hinds Mutter: „Ich möchte, dass die Stimme meiner Tochter gehört wird.“ Damit nahm sie mir die künstlerische Entscheidung ab. Unabhängig davon bewege ich mich in meinen Filmen stets zwischen Erzählung und Dokumentation, denn für mich gibt es da keinen Unterschied. Es ist immer ein fließender Prozess.

Wie offen war der Austausch mit den Helfern vom Roten Halbmond, die im Film vorkommen?

Das Entscheidende war, dass ich sie porträtieren durfte. Ich brauchte ihre Zustimmung und ihr absolutes Vertrauen. Sie waren von Anfang an enge Partner bei der Entwicklung des Drehbuchs. Bei den Proben haben sie mit den jeweiligen Schauspielerinnen zusammengearbeitet. Es handelt sich bei dem Team ausschließlich um Palästinenser, sie alle brachten ihre eigenen Geschichten und ihren eigenen Schmerz mit ein. Gemeinsam mit meinem Kameramann Juan Sarmiento haben wir beschlossen, dass wir lange Einstellungen drehen würden, um den Darstellerinnen die Möglichkeit zu geben, sich entsprechend in die Szenen einzufühlen. Mit einer klassischen Drehsituation am Set kann man die Arbeit nicht vergleichen.

Hat sich Ihre emotionale Reaktion auf die Tonbandaufnahme verändert, je öfter Sie Hinds Stimme gehört haben?

Als ich die gesamte Aufnahme zum ersten Mal hörte, war ich dermaßen erschüttert, dass ich mich ernsthaft fragte, ob ich den Film wirklich umsetzen könnte. Der Schock war enorm. Allerdings wurde parallel dazu das Team bereits größer, und immer wieder mussten wir das Band aufs Neue abspielen. An der intensiven Wirkung ihrer Stimme auf mich hat sich seither jedoch nichts geändert. Mir schießen jedes Mal wieder Tränen in die Augen.

Wie sind Sie an den kompletten Originalmitschnitt herangekommen?

Das Rote Kreuz stellte mir alle Informationen zur Verfügung. Ich wusste, dass auch Al Jazeera das Material wollte, ebenso wie die Washington Post. Aber als ich im Laufe der Recherche schließlich mit dem Kulturministerium des Westjordanlandes sprach, stellte sich heraus, dass der zuständige Konsul meine Filme kannte - das war mein Vorteil. So gelangte ich an die Sprachmitteilungen der Familie, den detaillierten Austausch zwischen Helfern und Angehörigen, sowie sämtliche Protokolle und Unterlagen, die dokumentierten, was an dem Tag passiert war.

Sie waren 2021 für Ihren Film DER MANN, DER SEINE HAUT VERKAUFTE für einen Oscar nominiert und erneut im Vorjahr für Ihren Dokumentarfilm-Hybrid OLFAS TÖCHTER. Sicher wurden Ihnen seitdem auch zahlreiche Projekte aus Hollywood angeboten?

Ja, aber nur vorgefertigtes Zeug. Es ist immer das Gleiche: Ich bin eine Regisseurin, dazu aus Nordafrika. Damit sind schon mal zwei Boxen getickt. Aber das heißt noch lange nicht, dass mich der Stoff begeistert, um den es geht. Filmemachen ist sehr anstrengend. Es braucht Zeit. Es braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Ich würde mich nie allein aus Prestigegründen auf ein Projekt einlassen. Den Fehler mache ich nicht. Dafür bin ich viel zu leidenschaftlich bei der Sache.

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