Pamela Jahn: Frau Ben Hania, mit Ihrem Film machen Sie sich unweigerlich zum Sprachrohr für die Leiden in Gaza. Wie gehen Sie mit der Verantwortung um?
Kaouther Ben Hania: Ich bin Regisseurin, ich drehe Filme und spreche von Natur aus nicht gerne über meine Arbeit. Mir wäre es lieber, wenn die Menschen einfach ins Kino gehen und sich selbst ein Bild machen würden. Mein Hauptanliegen war es, der Stimme dieses kleinen Mädchens Gehör zu verschaffen, um dadurch dem Schmerz und den Qualen in Gaza insgesamt Ausdruck zu verleihen.
Wann haben Sie die Stimme von Hind Rajab zum ersten Mal gehört?
Ich bin ein politisch interessierter Mensch und habe von Anfang an verfolgt, was in Gaza passiert. Der Rote Halbmond hatte nach ihrem Tod einen kurzen Ausschnitt der Tonbandaufnahme im Internet veröffentlicht. Immer wieder sagte sie: „Rettet mich, rettet mich.“ Als ich ihre Stimme hörte, fühlte ich mich direkt angesprochen. Es war, als würde sie mich persönlich um Hilfe bitten.
Bis zur Premiere Ihres Films in Venedig war der Fall nicht weitreichend bekannt.
Sie haben recht, selbst in meiner Familie wusste niemand davon. Aber für mich gilt: Wenn man Anne Frank kennt, sollte man auch Hind Rajab kennen.
Ihr Film veranschaulicht eindringlich, die Verzweiflung der Rettungskräfte angesichts der bürokratischen Hürden, die sie am Eingreifen hindern. Hat Sie das Ausmaß der behördlichen Kontrolle von beiden Seiten schockiert?
Ich habe mich bewusst dafür entschieden, das Geschehen aus der Sicht der Mitarbeiter*innen des Roten Halbmonds zu erzählen. Der Sitz der Zentrale, wo die Hilferufe eingehen, liegt in Ramallah. Wenn sie von dort aus ohne Absprache mit der israelischen Armee einen Krankenwagen nach Gaza geschickt hätten, wäre der automatisch angegriffen und zerstört worden. Es kam also auf die richtige Koordination an. Sie mussten sich über drei Ecken mit der Armee absprechen, die ihre eigenen Leute tötet, um die Rettungsaktion durchzuführen - eine grauenvolle Situation. Man muss sich das einmal vorstellen: Überall sonst auf der Welt, würde man sofort den Notarzt schicken, wenn ein Kind Hilfe braucht. Nur nicht in Gaza. Wer dort Leben retten will, muss kafkaeske Manöver überwinden.
Der Koordinator Mahdi besteht auf das offizielle Go und eine gesicherte Route; sein Kollege Omar ist dagegen, noch länger zu warten. Haben Sie sich gefragt, wie Sie entschieden hätten?
Ich kann beide Positionen nachvollziehen. Sie wollen das Gleiche: das Mädchen retten. Theoretisch könnten die Ambulanz in acht Minuten bei ihr sein. Nur will Madhi nicht noch mehr Leben riskieren, indem er seine Sanitäter ohne Genehmigung rausschickt. Für Omar, der unmittelbar mit Hind in Kontakt steht, hat ganz klar die Kleine im Auto Vorrang. Am Ende verlieren alle. Das ist der reale Horror. Das ist für mich jenseits des Bösen.
Aus acht Minuten werden Stunden. Omar skizziert den Zeitverlust auf einer Glaswand. Steht die gemalte Schleife indirekt für die Ewigkeit?
Wir überlegten, wie wir sowohl die Komplexität der Lage als auch den Zeitfaktor verdeutlichen konnten. Ich hatte das Gefühl, dem einen visuellen Ausdruck geben zu müssen. Da passte das Bild: In dem Fall sind die acht Minuten wie eine Ewigkeit.


