Pamela Jahn: Welche Bedeutung haben Briefe für Sie heute im Vergleich zu Emails?
İlker Çatak: Wenn man einen Brief schreibt, hat man etwas Haptisches in der Hand. Allein diese Erfahrung wirkt stärker als der Blick auf einen digitalen Bildschirm. Ein physisches Schreiben verkörpert deshalb immer eine höhere Wichtigkeit, ganz gleich, ob der Inhalt der Wahrheit entspricht oder nicht.
Sie machen es sehr schwer, den Film zeitlich einzuordnen. Einerseits vermittelt die Ausstattung eine Art Retro-Gefühl, andererseits integrieren Sie Elemente wie Social Media, es ist die Rede von KI.
Ich wollte, dass der Film eine Zeitlosigkeit hat, die auch in Zukunft noch eine Gültigkeit behält. Wir haben uns bemüht, den richtigen Ton zu treffen, sodass man nicht sagen kann, es handelt sich um dieses eine Jahr, diesen Vorfall, diesen Krieg. Ziel war es, dem Thema eine Form von Abstraktion zu geben, durch die ich mir erhoffe, dass sie eine andere Universalität darstellt.
Warum war es Ihnen dann so wichtig, den Schauplatz Berlin als Ersatz für Ankara klar zu benennen?
Stimmt, man hätte es prima vertuschen können. Es gibt auch eine Version des Films, in der man nicht realisiert, dass es sich um Deutschland handelt. Aber ich wollte die Zuschauer nicht so schnell vom Haken lassen. Wir machen es uns sehr schnell, sehr gemütlich in unserem moralischen Hoch, wenn wir sagen können: Ja, was da drüben passiert, das sind schlimme Zustände. Diesen Komfort wollte ich dem Publikum nicht geben.
Sehen Sie Parallelen zwischen den beiden Städten?
Absolut. Vor allem aber gibt es zwischen Istanbul und Hamburg allein schon durch das Wasser enorme Ähnlichkeiten. Berlin und Ankara hingegen sind vereint dadurch, dass sie Hauptstädte sind, dass sie beide Fernsehtürme haben. Zugegeben, die Energien der Städte sind anders, aber was sie auch verbindet, ist das Bürokratische, der Verwaltungsapparat.
Was unterscheidet Derya und Aziz für Sie in ihrem Widerstand?
Für Derya braucht Protest eine Form von Sichtbarkeit, die sie auf der Bühne ebenso wie in ihrem Leben sucht. Sie ist eine Schauspielerin, sie lebt vom Applaus, und der Widerstand, den sie am Anfang leistet, hat auch etwas Eitles. Aziz hingegen ist von Natur aus leiser; er erhebt seine Stimme erst im Laufe der Geschichte. Bei ihm vernehme ich eine Hybris, auch eine Bequemlichkeit. Er versteckt sich hinter seiner Kunst, anstatt sich mit ausgestreckter Faust bei der Demo den Wasserwerfern entgegenzustellen. Für ihn sind das Schreiben und das Theatermachen Ausdruck seiner Empörung. Er denkt, das ist genug.
Ist es das?
Ich würde sein Verhalten zu Beginn hinterfragen. Spannend finde ich, inwiefern er und Derya im Film diametrale Entwicklungen durchmachen. Während sie am Anfang lautstark rebelliert und er es mit Diplomatie versucht, merkt Aziz irgendwann, dass es damit nicht weitergeht.
Ist er feige?
Das ist so ein wertendes Wort. Ich würde sagen, er ist bedacht. Er ist vorsichtig.
Und versucht Derya nicht auch ein Stück, sich selbst etwas zu beweisen?
Ihre persönlichen Motive standen für mich gar nicht sehr im Vordergrund. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die das Publikum spaltet. Deswegen habe ich beide mit maximal viel Liebe ausgestattet und versucht, sie in ihren Entscheidungen zu respektieren. Das fiel mir nicht immer leicht, sie haben jeweils ihre Abgründe, Fehler und Unehrlichkeiten. Bei Aziz kommt eine Portion Konformismus dazu. Und Verblendung. Er lügt sich ein bisschen in die Tasche, dass er mit seinem Theater wirklich etwas bewirken kann.
Verhandeln die beiden Ihren persönlichen inneren Konflikt?
Ich versuche immer, in die Auseinandersetzung zu gehen, und erwarte das Gleiche von meinen Figuren. Vielleicht im Stillen, vielleicht im Äußeren. Derya weiß ja schon sehr genau, was sie da macht und mit wem sie sich einlässt. Aber sie hat ihre Gründe. Ihr Verhalten ist nachvollziehbar, vor allem aber ist es menschlich.


