Hintergründe

Susanne Kim über BECOMING KIM: "Wir scheitern ja ständig an unseren Idealen."

Susanne Kim

Bislang drehte Susanne Kim Dokumentarfilme über andere Menschen: WHITE BOX über ALG-II-Empfänger*innen in Löbau, TROCKENSCHWIMMEN über Senior*innen, die Schwimmen lernen, und MEINE WUNDERKAMMERN über Kinder und ihre Fantasieorte. In ihrem neuen Film BECOMING KIM macht sie ihre eigene interkulturelle Ehe zum Thema. Für uns hat sie ihre Gedanken zu ihrer autofiktionalen Doku aufgeschrieben.

Da, wo in den meisten Culture-Clash-Komödien das Happy End kommt, fängt dieser Film an. Eigentlich sogar 13 Jahre nach der Hochzeit. Verheiratet bin ich mit meinem koreanischen Mann Jeong Rae schon seit 17 Jahren. In unsere Eheringe hatten wir „Kimchi & Potato“ eingravieren lassen und fanden das lustig. Oft wird gedacht, dass es einfacher sei, autobiografische Filme zu drehen, weil man schon den Zugang hat, das Vertrauen. Aber es wird vergessen, dass es eigentlich fast ein wenig verrückt ist. Denn du musst dich als Regisseur*in aufspalten und neben dich stellen, als einen Charakter im Film betrachten. Dabei verschmelzen Leben und Film und werden manchmal auch zu einem Klumpen im Magen.

Unser Familienleben war immer ein wenig speziell, Jeong Rae arbeitete oft im Ausland und ich lebte mit unserer Tochter alleine. Erst rückblickend erkannte ich, dass ziemlich viele Zuständigkeiten auf meinen Schultern lagen. Diese Einsicht kann an der keimenden Wut der perimenopausalen Frau liegen. Und schon bekommt dieser Film den Stempel „Frauenfilm“.

Als Jeong Rae mitten im ersten Corona-Lockdown beschloss, mit seiner Mutter in Korea einen Hähnchengrill zu eröffnen, wollte ich endlich wissen, warum er immer wieder Ideen hatte, die ganze Ozeane zwischen ihn und uns brachten, was seine Mutter darüber denkt und was meine Eltern meinen. Mich interessierten die Erwartungshaltungen, denen wir ausgesetzt sind und die Untiefen unserer Familiengeschichte. Ich musste auch herausfinden, wo eigentlich meine Gefühle liegen, als Mutter, Ehefrau, Schwiegertochter und Künstlerin. Dabei wollte ich auch selbst vor die Kamera treten und performativ mit den Insignien der Frauenkunst spielen: mit Obst und ausladenden Formen, weichen Stoffen, Brüsten, Gehäkeltem, einer Vase und Schürzen. Es sollte lustig sein und ein wenig an Fremdscham grenzen.

Hier jetzt über den eigenen Film zu schreiben, bedeutet nicht nur die 4. Wand zu brechen, sondern sich Gedanken darüber zu machen, wer ihn sich vielleicht ansehen könnte. Ich denke, dass er berührt, weil Familiengeschichten als Mikrokosmos universal zugänglich sind. Andere werden sich an meinem Charakter stören, weil ich ihnen wahlweise nicht feministisch genug bin, oder aber mich zu viel beschwere. Einige werden sich wiederfinden. Denn wir scheitern ja ständig an unseren Idealen. So ist das mit dem Muttersein, in der Ehe, in den Beziehungen zu Eltern und Schwiegereltern. Wir werden enttäuscht, überrascht und zwischendrin sind wir auch mal glücklich. Der Film kommt in Korea vor allem bei jungen Frauen an, in Deutschland werden sich wohl eher die Midlife-Crisis-Geschüttelten angesprochen fühlen.

Susanne Kim

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Die Künstlerin und Dokumentarfilmerin Susanne Kim blickt spielerisch auf ihre interkulturelle Ehe und ihre Rollen darin.

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