Patrick Heidmann: Jane, wir sprechen uns am Tag nach der Weltpremiere von TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA in Cannes. Sie wirken einigermaßen überwältigt …
Jane Schoenbrun: Das bin ich auch. Nicht nur vom Applaus und den tollen Reaktionen. Sondern allgemein von dieser Erfahrung. Film ist ja ein ziemlich einzigartiges, verrücktes Mittel, um zu kommunizieren. In diesem Medium kann man so viel machen und ausdrücken, was über Sprache weit hinausgeht. Zu erleben, wie die Lichter im Saal ausgehen und eine Idee, die mich so viele Jahre beschäftigt hat und in die ich mein ganzes Herz geschüttet habe, plötzlich in Ton und Farbe für diese Masse von Menschen sichtbar wird, war überwältigend. Meine Fantasien, meine Träume, nicht mehr nur in meinem Kopf, sondern dort auf der Leinwand. Welche andere Kunstform gibt es, die derart komplex und vielseitig ist? Ich drehe Filme, damit sie idealerweise gesehen werden, wie gestern Abend, gemeinsam von einer Gruppe von Menschen. So viel Lebenszeit, wie ich in diese Arbeiten stecke, soll es die Sache am Ende auch wert sein. Und gestern Abend spürte ich am ganzen Körper, wie sehr das der Fall war.
Erinnern Sie sich noch daran, mit welcher Idee dieser Film seinen Anfang nahm?
Am Anfang stand tatsächlich der Titel. Der kam mir eines Tages auf dem Sofa unvermittelt in den Sinn und ich wusste sofort, dass ich herausfinden muss, was sich dahinter verbergen könnte. Das war noch bevor ich mit dem Dreh zu I SAW THE TV GLOW begonnen hatte. Keine Ahnung, ob alle meine Filme auf diese Weise entstehen werden. Aber tatsächlich war es bislang bei allen dreien so, dass ich in meinem eigenen Leben vor einer großen Frage oder einem Rätsel stand. Und statt dass ich erst einmal eine Lösung für mich finde und dann retrospektiv die Sache auch künstlerisch verarbeite, habe ich jedes Mal die Suche und die Neugier selbst schon als Inspiration für einen Film genommen.
Das müssen Sie noch ein wenig mehr erklären, bitte.
Zum Beispiel wusste ich, noch bevor ich die Idee mit dem Titel hatte, dass mein nächstes Projekt mein erster Post-Transition-Film werden würde. Zwar hatte ich auch beim Dreh zu I SAW THE TV GLOW schon in meine Identität als trans Frau gefunden. Aber der Film handelte sehr dezidiert davon, erst einmal an den Punkt zu kommen, an dem man mit einer Transition beginnen kann. TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA schrieb ich dagegen in einer Zeit, in der ich voll damit beschäftigt war, wirklich anzukommen in meinem Körper, meiner Identität und meiner Sexualität. Das waren die Rätsel, vor denen ich stand, und die Auseinandersetzung damit führte mich zum Motiv des Trans-Monster im Slasher-Genre. Ich kam darauf, einen Film über das Überwinden der internalisierten Scham drehen zu wollen. Und wie ginge das besser als mit einer Neuinterpretation von Buffalo Bill oder Norman Bates und Ähnlichem?
Das Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper und der eigenen Sexualität – das erinnert an Teenager, oder?
Ganz genau. Deswegen verwenden trans Personen auch oft den Begriff der „zweiten Pubertät“. Den finde ich ausgesprochen passend, denn die erste hat offenkundig nicht ganz funktioniert. Das Wort „teenage“ kommt nicht umsonst im Filmtitel vor. Ich war mit Mitte 30 mit Dingen beschäftigt, die andere mit 14 für sich herausfanden. Nicht zuletzt begriff ich endlich, warum in meinem Alter alle anderen mit Heiraten beschäftigt waren. Weil alle in ihren 20ern die Sau rausgelassen hatten und ein Leben voller Chaos führten und sich anschließend nach Ordnung und Sicherheit sehnten. Das war mir intellektuell natürlich vorher schon klar gewesen, aber mir fehlten die formativen Erfahrungen, das am eigenen Leib nachvollziehen zu können. Weil ich von der Person, die diese Dinge wirklich hätte erleben können, viel zu entfremdet war.



