Pamela Jahn: Frau Grisebach, wo befindet sich Ihr Sehnsuchtsort?
Valeska Grisebach: Es gibt mehr als einen und es verändert sich ständig. Bulgarien gehört sicherlich dazu, allein aufgrund der Freundschaften und Beziehungen, die ich dort geknüpft habe. Es gibt aber auch Orte in Brandenburg, zu denen es mich immer wieder zieht. Aktuell freue ich mich, nach Griechenland zu fahren. Auf Lesbos gibt es ein seit Generationen familiengeführtes, gar nicht luxuriöses, aber wunderschönes Hotel, in das ich seit Jahren mit Freunden und Kindern fahre.
Bereits Ihr letzter Film WESTERN spielte in einer Grenzregion in Bulgarien. Was fasziniert Sie speziell an diesen Orten?
Mich interessiert die Grenze als Projektionsfläche, Abenteuerraum, den wir aus Literatur und Filmen kennen, und gleichzeitig als konkreter, zeitgenössischer Ort, an dem Transfer und Geschäfte passieren. Auch mit der Realität des Schmuggelns oder dem Geschäft mit Flüchtlingen verbunden. Ich sehe darin ein sehr ambivalentes Motiv, das einerseits die Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten, in sich trägt, aber gleichzeitig auch viel mit Ab- und Ausgrenzung zu tun hat.
Was ist das Besondere an Svilengrad?
Es ist der größte Grenzübergang Europas, der zweitgrößte weltweit. Alles, was aus dem Nahen Osten in der Türkei kommt, wird dort ein- und ausgeführt, und umgekehrt. Es ist also eine enorm wichtige Verkehrsroute, die ehemalige Seidenstraße. Wegen der sehr interessanten Frauen, die wir dort getroffen haben, sind wir immer wieder dort hingekommen und dann dort hängen geblieben. Es war auf einmal klar, dass dieser vielschichtige Ort, die Bühne für die Geschichte sein muss. Man kann das nicht immer planen – es passiert aus der Logik der Recherche heraus. Eigentlich war es so: Der Ort hat für uns entschieden, wo wir drehen.
Was bedeutet Svilengrad für Veska, die Protagonistin in Ihrem Film?
Es ist ihr altes Zuhause, dort ist sie aufgewachsen, hat die Wende erlebt, mit all den Versprechen von Freiheit und Demokratie – und Kapitalismus. Die Menschen haben uns immer wieder gesagt: Jeder hat damals davon geträumt, Millionär zu werden. Die Realität sah natürlich ganz anders aus. Viele gingen weg, Veska auch. Und nun kehrt sie nach Jahren zurück und fragt sich: Wie wäre es, wenn ich hier wieder leben würde?



