Susanne Gietl: EVERYTIME ist wie ein flirrendes Sommerabenteuer – fast wie ein Polaroid – das einen nicht mehr loslässt. Was war der Startpunkt? Ein Ereignis? Ein Ort? Vielleicht ein Foto?
Da gab es nicht diesen einen Punkt, der alles ausgelöst hat. Es waren vielmehr die Figuren, die ich schon eine Weile mit mir herumgetragen hatte und die aus vielen verschiedenen Menschen heraus entstanden sind: die Mutter, die ihre Tochter verloren hat, der Junge, der am Tod der Tochter schuld ist, und die jüngere Schwester, die herausfinden muss, wie sie den Tod ihrer Schwester verarbeitet. Ich bin ihnen dann gefolgt und habe blind drauflosgeschrieben.
Die Todesszene passiert fast nebenbei, allerdings findet viel früher eine dramatische Aufladung statt. Eine leise Unruhe, die die Unbeschwertheit stört, liegt in der Luft.
Das ist natürlich bewusst, dass sich die Spannung langsam aufbaut. Diese Aufladung findet schon in der allerersten Einstellung statt. Wir hören einen Skateboard-Unfall. Das ist eigentlich nichts Großes. Alle drehen sich um, und dann blickt Melli (Lotte Shirin Keiling) nochmal zurück. Schon da gibt es einen kurzen Moment des Innehaltens. Es ist fast wie eine Vorahnung, dass noch etwas geschehen wird. Ich habe dann gemeinsam mit Hannes Bruun im Schnitt versucht, durch Rhythmen und Stille Momente zu kreieren, in denen wir ein ungutes Gefühl haben, weil sich irgendetwas „off“ anfühlt. Das ist wie ein negatives Versprechen dem Kinopublikum gegenüber. In dem Moment, wo Jessie auf dem ungesicherten Dach steht, ist dann eigentlich schon klar, was passieren wird.
Jessie (Carla Hüttermann) schweift ab, betrachtet ein Hochhaus und seine leeren Fenster, beobachtet die Flugbahnen eines Vogels, und dann geschieht der Unfall. Wie kann man, ohne voyeuristisch zu werden, den Tod in Bilder umsetzen?
Wir nähern uns dem Geschehen aus sehr weiter Entfernung. Die Welt aus einer so langen Linse zu betrachten und dann doch so nahe zu kommen, erzeugt eine merkwürdige Distanz – eine Distanz, aus der heraus wir nichts unternehmen können und doch einen so intimen Moment betrachten. Ich habe beim Schreiben versucht, mich mit dem Moment direkt danach auseinanderzusetzen, aber dann habe ich alles in ein Schwarz gepackt, weil ich das Gefühl hatte, es ist nicht darstellbar, was nach diesem fürchterlichen Tod passiert wäre, weil mir scheint, dass man daran nur scheitern kann. Deshalb erkennt man nur eine Silhouette und der Bildschirm ist schwarz.
Mich hat viel mehr interessiert, wie alle drei Personen versuchen, ihr Leben weiterzuleben – im Wissen, dass sie den Tod nicht ungeschehen machen können und im Wissen, dass die Trauer nicht weggehen wird. Deswegen war es mir wichtig, Situationen zu finden, die ganz alltäglich sind, und einen Raum zu schaffen, in dem die Figuren so glaubwürdig wie möglich sind. Sie unterhalten sich über Dinge, die einerseits an diesem Thema vorbeischrammen, andererseits erleben wir ganz andere, normale Momente wie einen Kindergeburtstag, wo ein Gespräch der Kinder genauso wichtig ist wie ein Gespräch, in dem es später um das eigentliche Thema geht.





