Filmgespräch

Faraz Shariat über STAATSSCHUTZ: "Natürlich hat sie auch Angst, aber sie kämpft dagegen an."

Nach seinem autofiktionalen Spielfilmdebüt FUTUR DREI, das mit dem Teddy der Berlinale 2020 ausgezeichnet wurde, hat Faraz Shariat (*1994 in Köln) vor allem als Serienregisseur und -produzent („Druck“, „Schwarze Früchte“) gearbeitet. Gemeinsam mit Paulina Lorenz und Raquel Dukpa realisiert er in der Produktionsfirma Jünglinge „aktivistisches Popcorn-Kino“ – in Arbeit sind derzeit unter anderem eine serielle Verfilmung von Hengameh Yaghoobifarahs „Ministerium der Träume“ und der post-koloniale Body Horror WELWITSCHIA.

Pamela Jahn: Fühlen Sie sich heute sicher in Deutschland?

Faraz Shariat: Schwer zu sagen. Ich habe das Glück, eine sehr starke Community aus Freund*innen und Familie um mich zu haben, die mir den Rücken stärken. Gleichzeitig tragen die politischen Entwicklungen sowohl in Deutschland als auch in Europa dazu bei, dass ich ein großes Unbehagen empfinde - sei es aufgrund zunehmender staatlicher Repressionen wie zum Beispiel die Gewaltausschreitungen der Polizei gegenüber Demonstrierenden oder angesichts der Drohschreiben, die Bekannte von mir im Zuge der Hetzkampagne NSU 2.0 erhalten haben. Und natürlich birgt auch dieser Film ein gewisses Risiko, wenn man bedenkt, welches Ausmaß die Schikane von rechts in Deutschland erreicht hat.

Glauben Sie an das deutsche Rechtssystem?

Ich will es mal so sagen: Seyo Kim, die Protagonistin in STAATSSCHUTZ, glaubt an die grundlegenden Ideen des deutschen Rechtssystems, versteht aber auch, dass das System selbst nur so objektiv sein kann, wie die Menschen, die dort arbeiten. Und genau deshalb setzt sie ihre eigene Perspektive gegen die der verkrusteten Behörde, polarisiert, und zwingt die Menschen in ihrem Umfeld, sich zu positionieren: sowohl die Vertreter*innen des Justizapparates, als auch Opfer, die sie zu Aussagen nötigt. Seyos Reise ist für mich ein Appell an das Einstehen für Gerechtigkeit und dafür, dass wir dringend Strategien finden müssen, uns den politischen Entwicklungen in diesem Land zu widersetzen. Warum sollte ein gesamtgesellschaftlicher Rechtsruck vor dem Justizsystem Halt machen?

Sie haben Sie an anderer Stelle einmal mit einer Superheldin verglichen. Worin liegt denn ihre besondere Kraft?

In ihrem Mut, ihrem Scharfsinn, ihrer Furchtlosigkeit und darin, dass sie sich nicht vertreiben lässt. Wir haben in der Entwicklungsphase viel über die Idee von sogenannten No-Go-Areas gesprochen. Also Orte, die aufgrund der extrem bedrohlichen Präsenz von rechter Ideologie zum Sperrgebiet für Menschen werden, die von Rassismus betroffen sind. Seyo aber lässt sich davon nicht abschrecken; sie geht in die Höhle des Löwen. Natürlich hat sie auch Angst, aber sie kämpft dagegen an.

Gab es einen konkreten Fall, an den die Geschichte um Seyo angelehnt ist?

Es waren verschiedene Verfahren und Ereignisse, die das Drehbuch inspiriert haben, Fälle von institutionellem Rassismus und rassistischer Gewalt, die vertuscht oder nur lückenhaft strafrechtlich verfolgt wurden. Aber man muss auch hier unterscheiden: Seyo ist eine fiktionale Figur, eine junge Staatsanwältin koreanisch-deutscher Herkunft mit klarer antifaschistischer Haltung. Auch die Idee, dass eine Staatsanwältin Opfer und Anklägerin zugleich darstellt, ist frei erfunden. Aber alle Fälle, die in Seyos Situation hineinspielen, ob das jetzt im Rahmen ihrer Arbeit ist oder wenn es um Verstrickungen der Behörde geht, wie auch das rückwirkende Aufdecken von rechten Netzwerken, basieren auf wahren Begebenheiten, die so oder ähnlich in Deutschland passiert sind, wie das Schicksal von Oury Jalloh, der zu den bekanntesten Fällen von Polizeigewalt in Deutschland zählt.

Diesmal haben Sie das Drehbuch nicht selbst geschrieben, wie bei Ihrem ersten Langfilm FUTUR DREI. Warum wollten Sie diese Geschichte verfilmen?

Ich hatte nach FUTUR DREI verschiedene Stoffe entwickelt, aber irgendwann kam ich an den Punkt, wo sich nichts von dem wirklich richtig anfühlte. Dann bekam ich STAATSSCHUTZ zu lesen und traf mit Seyo auf eine Figur, die mich inspirierte, aus meinem Gefühl der Ohnmacht und Apathie rauszukommen. Die Geschichte hat eine Dringlichkeit und politische Wucht, dass mir eigentlich sofort klar war, okay, damit will ich mich die nächsten zwei Jahre beschäftigen.

Hat Sie FUTUR DREI mutiger gemacht als Regisseur?

Vielleicht. Auf jeden Fall hat mir die Erfahrung das Gefühl mitgegeben, an mich und die Geschichten zu glauben, die ich erzähle. FUTUR DREI war sehr autofiktional, eine Konsequenz davon war, jetzt zu sagen, ich will die Aufmerksamkeit von mir weglenken und eine neue, mir unbekannte Welt betreten.

Haben Sie nach dem Erfolg Ihres Regiedebüts gleichzeitig auch viel Druck verspürt, jetzt einen Film nachlegen zu müssen, der dem gleichkommt?

STAATSSCHUTZ ist für mich wie ein Befreiungsschlag; eine Möglichkeit, auszubrechen aus diesem Coming-of-Age-Thema, in dem ich bisher filmisch zu Hause war. Gleichzeitig haben sich all die Dinge bewahrheitet, die ich zuvor von anderen Regiekolleg*innen gehört hatte. Also der Fluch, ein bisschen Erfahrungen gesammelt zu haben und zu wissen, inwieweit bestimmte Entscheidungen Einfluss auf den weiteren Werdegang haben. Das hat mich sehr gequält. Der Druck kam also eher von innen. Ich war sehr hart mit mir, mit dem Material, dem ganzen Prozess. Manchmal habe ich mich stark nach dem Gefühl gesehnt, das ich bei meinem ersten Film hatte, eine gewisse Art von Naivität oder auch Risikobereitschaft.

STAATSSCHUTZ ist ein ernsterer, vielleicht auch realerer Film als FUTUR DREI. Wie sind Sie formal an die Geschichte herangegangen?

Stimmt, der Film ist auf jeden Fall viel seriöser, weniger verspielt und frei, allein aufgrund der Thematik. Was mich gereizt hat, war, dass ich das Drehbuch als sehr schnörkellos und nüchtern wahrgenommen habe, und dem gerecht zu werden, war mir total wichtig in der Regiearbeit. Die Kargheit und zum Teil auch Unmenschlichkeit dieser Institutionsgebäude sollten sich in der Bildsprache widerspiegeln. Allerdings muss ich gestehen, dass ich unterschätzt habe, wie anstrengend es während der Dreharbeiten sein würde, wochenlang in solch leblosen Räumen zu arbeiten. Im Kontrast dazu wird der Film emotionaler und sinnlicher, je näher wir der Figur kommen.

Haben Sie auch im Vorfeld der Dreharbeiten viel Zeit im deutschen Justizapparat verbracht?

Ja, weil mir Staatsanwaltschaften und Gerichtssäle als Settings bis dahin sehr fremd waren. Ich hatte, ehrlich gesagt, zuvor auch kein großes Interesse an dieser Welt. In der Vorbereitung habe ich Prozesse in Cottbus und Berlin besucht, teilweise bei Staatsanwaltschaften hospitiert und Gespräche geführt - vor allem auch mit den Nebenkläger*innen im Zusammenhang mit dem NSU- und Neukölln Komplex, das waren zwei sehr wichtige Recherche-Partner für mich.

Haben Sie auch in die andere Richtung geforscht?

Wenn man in die Fälle reingeht und anfängt, Akten zu lesen und Prozesse zu beobachten, bekommt man zwangsläufig auch Einblicke in die rechtsradikale Szene. Man erkennt die Strukturen, die dahinterstehen, etwa wie man mit Gewalt und Angst agiert, um ein Klima zu verschärfen, in dem sich Faschismus breitmachen kann. Dazu kommt: Man kann das deutsche Justizsystem nicht wirklich verstehen, ohne seine Nazi-Vergangenheit zu berücksichtigen. Viele Probleme rühren daher, dass eine vollständige Entnazifizierung der Gesellschaft nie stattgefunden hat.

Hat Ihnen Ihre persönliche queere und postmigrantische Identität in der Entwicklungsphase geholfen, eine größere Nähe zu dem Stoff herzustellen? Oder war dieser emotionale Bezug vielleicht eher hinderlich?

Dadurch, dass ich bisher kaum mit dieser Welt in Verbindung gekommen war, hatte ich eher das Gefühl, ich müsste die Geschichte näher an mich ranholen, auch emotional, mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, wenn man als betroffene Person in die Öffentlichkeit tritt oder sich mich institutionellen Hürden auseinandersetzen muss.

Im Film wird mehrmals darauf eingegangen, dass 80 Prozent der Verfahren eingestellt werden, bevor es überhaupt zur Verhandlung kommt. Ist ein wesentlicher Teil des strukturellen Problems, dass oft nicht tief genug gegraben wird?

Auf jeden Fall. Schwierig finde ich, dass einerseits eine gewisse Gemütlichkeit und Mäßigkeit herrscht, die dazu führen, dass viele Fälle einfach unter den Teppich gekehrt werden. Gleichzeitig denke ich, dass manchmal eine gewisse Form von Empathie oder Mitgefühl auch dabei helfen würde, die Dringlichkeit zu sehen, mit der Fälle bearbeitet werden müssen.

Ist das Verhältnis zwischen Recht und Gerechtigkeit in Deutschland in eine Schieflage geraten?

Gerechtigkeit ist für mich eher ein philosophischer oder ethischer Wert, in dem es darum geht, universalistische Ansätze zu finden wie „alle Menschen sind gleich", die unabhängig vom Kontext eine Wahrheit für mich haben. Als ich während der Recherche mit Juristen sprach, haben sie bei dem Wort immer milde gelächelt, weil das eigentlich kein Begriff ist, mit dem in der Justiz gearbeitet wird. Dort geht es um Rechtmäßigkeit. Und darin liegt auch der Kern in der Geschichte: Wenn es Gesetze gibt, die aber in der Praxis eigentlich nicht greifen, weil der Staat damit nicht die Opfer schützt, sondern vor allem sich selbst, dann ist man quasi gezwungen, Regeln zu brechen. Die Frage, die sich dann stellt, lautet: Wer trägt die Verantwortung? Vor allem in einer Zeit, in der der Rechtsruck wieder enorm zunimmt, im Großen wie im Kleinen. Wie funktioniert Gerechtigkeit dann eigentlich noch als Idee?

STAATSSCHUTZ hatte auf der diesjährigen Berlinale Premiere. Haben Sie mit dem Verleih den Starttermin jetzt bewusst so gelegt, dass der Film im Vorfeld der Landtagswahlen in die deutschen Kinos kommt?

Ja, das war uns sehr wichtig, um hoffentlich zusätzlich Debatten anzustoßen, mit all den Fragen, die im Film behandelt werden: Wie können wir mit Rechtsextremismus in unseren Institutionen oder der Gesellschaft insgesamt umgehen? Wie können wir Widerstand leisten? Das ist das eine. Aber es geht auch darum, konkret in Kontakt zu treten mit lokalen Organisationen in Ostdeutschland und hoffentlich ein paar zusätzliche Screenings zu veranstalten. Also direkt dort hinzugehen, wo's brennt.

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