Bei ihrer ersten Begegnung am Set drehten Alexander Skarsgård und Harry Melling eine Wrestlingszene, die in einer Sexszene endet. Hatten Sie die Intention, mit etwas Vertrautem in die BDSM-Welt zu starten?
Da ich mich mit Wrestling gut auskenne, fiel mir diese Szene beim Schreiben sehr leicht. Deshalb hatte ich in einem früheren Entwurf eine 40-seitige Wrestlingszene geschrieben. Dass sie diese Szene zuerst gedreht haben, lag einfach an unserem Low-Budget-Drehplan. Wir hatten den Raum nur an diesen zwei Tagen zur Verfügung. Ich bin wirklich froh, dass wir damit gestartet sind, weil die Schauspieler sich ihre Begegnung nicht über eine intensive Dialogszene erarbeiten mussten, sondern ihre Dynamik miteinander körperlich erkunden konnten und sich direkt ins kalte Wasser stürzen konnten, um jegliche Unsicherheit zu überwinden. Das war auch gut für alle anderen Sexszenen und emotionalen Szenen.
Worin bestand der Unterschied zwischen der Probe und dem eigentlichen Drehtag?
Bei den Proben achte ich darauf, dass die emotionale Intensität nicht im Vordergrund steht. Die Proben sollen immer praxisorientiert sein. Beim Wrestling ging es nur darum, den Schauspielern die verschiedenen Griffe beizubringen und die Choreografie der Szene zu verdeutlichen. Beim Dreh brachten die Schauspieler ihre Charaktere in ihre Performance ein. Da ging es viel mehr darum, die gewünschte emotionale Qualität in der Szene einzufangen, anstatt als Regisseur Kommentare wie „Oh, ich glaube, dieser Griff könnte besser sein“ abzugeben. Ich habe einiges dazugelernt. Bei der ersten Aufnahme der Wrestling-Szene, die wir in einem Take gedreht haben, war zum Beispiel der erste Durchgang ziemlich ernst, und ich dachte dann, dass wir etwas mehr Spaß reinbringen müssen und den Aspekt betonen, dass das eine ziemlich außergewöhnliche Art von Vorspiel ist. Da haben Alexander und Harry dann auch viel improvisiert, was dem Film wirklich gut getan hat. Aber - und hier geht es wieder um die Balance - ich wollte nicht, dass das Publikum nur über den Sex von Ray und Colin lacht, sondern dass es auch in anderen Szenen Spaß haben kann. Deshalb haben wir einige Takes mit mehr Humor und andere, ernstere Takes gedreht, um die Flexibilität beim Schnitt zu gewährleisten.
Der Begriff PILLION bezeichnet die Person auf dem Motorrad-Beifahrersitz und hat in der schwulen Bikerszene zusätzlich eine unterwürfige Konnotation. Die Mitglieder von Rays Gang entstammen im wahren Leben dem Gay Bikers Motorcycle Club (GBMC). Welchen Einfluss hatte der GBMC auf den Film?
Ich bin ungefähr zwei Monate vor den Dreharbeiten an einem Wochenende mit ihnen Motorrad gefahren und habe dann die Biker aus dem Motorradclub gecastet. Sie haben nicht nur für visuelle Authentizität auf der Leinwand gesorgt, sondern waren auch eine Art Recherchequelle für uns. Harry hat einige von ihnen getroffen und wurde auch in ihren Freundeskreis eingeführt. Und Harry und Alexander konnten ihnen jederzeit Fragen zu Lederkleidung, Motorradfahren, Orgien und allem, was sie wissen wollten, stellen. Die Biker waren unglaublich auskunftsfreudig und haben ihre eigenen Erfahrungen gerne mit uns geteilt. Ich denke, vieles von dem, was man auf der Leinwand sieht, ist diesen Jungs zu verdanken.
Welchen Aspekt hätten Sie übersehen, wenn Sie die Biker nicht einbezogen hätten?
Wenn man sich eine Biker-Gang vorstellt, dann nimmt man sie oft nur als sexy oder tough wahr. Als ich Zeit mit ihnen verbracht habe, habe ich gemerkt, dass sie alle unterschiedlich sind. Einer von ihnen ist zum Beispiel Buchhalter und der andere Pornostar. Ich erinnere mich an ein Treffen, bei dem wir in einem Pub eingekehrt sind. Wir haben sehr viele Gespräche geführt, die nichts mit Sex zu tun hatten, etwa darüber, wie Füchse in England in die Städte ziehen. Das ist die Art von Gespräch, die ich mit meinem Onkel geführt hätte! Deshalb fand ich es wichtig, mit der Kamera festzuhalten, dass sie manchmal einfach nur ein Sandwich essen und sich über etwas unterhalten, das so gar nichts mit BDSM zu tun hat.
In einer Szene bittet Colin um einen Ruhetag ohne BDSM-Dynamik. Interessanterweise schauen beide während der gesamten Unterhaltung in den Spiegel. Die Kamera von Nick Morris ist, bis auf eine Ausnahme, immer mit Colin auf Augenhöhe. Wann haben Sie bemerkt, dass die Kamera gewissermaßen ein weiterer Schauspieler ist?
Für mich war es weniger das, sondern vielmehr eine Möglichkeit, in die Psychologie einer der Figuren einzutauchen. Und das haben Nick Morris und ich bei der Entwicklung der visuellen Sprache eines Films miteinbezogen. Beim Filmemachen überlege ich mir immer, wie ich eine Einstellung gestalten kann, damit man Zugang zum Inneren einer der Figur bekommt.
Colin und auch das Publikum erfährt nicht viel über Ray. Er spricht nicht über Privates, selbst seine Wohnung ist karg eingerichtet. Aber es gibt kleine Anhaltspunkte, um etwas über Ray herauszufinden, zum Beispiel trägt Ray vor der Begegnung mit Colin einen Ring um den Hals, den er später gegen den Schlüssel für Rays Halsschloss tauscht …
Und Ray hat drei Namen auf seine Brust tätowiert. Colin und das Publikum sollen daran anknüpfen und sich fragen: „Okay, vielleicht hat Ray diese Namen auf seiner Brust, weil das seine Ex-Freundinnen sind, oder vielleicht sind es Hundenamen? Und warum heißen sie Wendy, Rosie und Ellen?“ Ich habe zwar Antworten dazu, aber ich möchte das jetzt nicht verraten, damit die Zuschauer sich die Antworten selbst ausmalen können.
Was war das Aufregendste für Sie während Ihrer Arbeit an diesem Film?
Da gab es vieles, aber ehrlich gesagt war ich vor der Schlüsselszene, in der Alexander Skarsgård und Harry Melling, Lesley Sharp und Douglas Hodge zum Abendessen am Tisch sitzen, am nervösesten, weil sie am bedeutsamsten ist. Nachdem ich fast zehn Jahre lang nichts inszeniert hatte, war die Arbeit mit all diesen großartigen Schauspielern schon einschüchternd. Aber als es soweit war, habe ich es geliebt, den Moment zu erleben, mit ihnen allen zu arbeiten. Genau dafür habe ich so hart gearbeitet!