Patrick Heidmann: Mr. Linklater, warum ist heute eine gute Zeit, sich vor der Nouvelle Vague zu verneigen, so wie Sie es nun mit Ihrem gleichnamigen Film tun?
Richard Linklater: Das Kino ist heute 130 Jahre alt – und Godards AUSSER ATEM, von dessen Entstehung mein Film ja nun erzählt, liegt auf dem Zeitstrahl dieses immer noch so neuen Mediums ziemlich genau in der Mitte. Damals war dieser Film etwas vollkommen Neues und ein echter Wendepunkt in der Filmgeschichte. Das war die Geburtsstunde des persönlichen Films, plötzlich wurden Filme anders gemacht und gedacht, auch die technische Herangehensweise veränderte sich. Was Godard und die anderen damals gemacht haben, war radikal und eine Rebellion gegen die bestehende französische Filmindustrie. Die heutigen Zeiten sind natürlich vollkommen andere. Aber Momente der Revolution und des Wandels sind doch immer einen zweiten Blick wert. Zumal den Kern dieser Geschichte, also den Moment, in dem man sein erstes eigenes Werk auf die Beine stellt und gegen den Status Quo aufbegehrt, sicherlich viele Künstler kennen. Ich selbst zumindest fühle mich durch die Geschichte, die ich nun in NOUVELLE VAGUE erzähle, durchaus auch an die Arbeit an meinem eigenen ersten Film erinnert.
Geht es Ihnen auch darum, einer neuen Generation etwas über jene Zeit und diese Filme beizubringen?
Meine Arbeit als erzieherische Maßnahme also? Das nicht, aber ich hoffe einfach mal, dass auch junge Leute die Nouvelle Vague cool finden. Ich würde jedenfalls sagen, dass es da selbst aus heutiger Perspektive ein großes Maß an Attraktivität gibt. Allein wenn ich daran denke, wie schick und lässig alle Beteiligten angezogen waren. Selbst das Team hinter der Kamera! Godard und seine Crew sahen kein bisschen weniger cool aus als sein Ensemble – und sehr viel schicker als ich und die meisten anderen Regisseure heutzutage bei der Arbeit. Die Nouvelle Vague und alle Beteiligten strotzten nur so vor Kultiviertheit und Glamour, die Autos waren cool und die Zigarettenluft in den Cafés war es auch. Natürlich kann man sagen: das ist doch ein total romantisierter Blick. Aber warum auch nicht? NOUVELLE VAGUE soll ja nun einmal eine Liebeserklärung sein, nicht nur an Godard, sondern an alle, die damals diese Bewegung und ihre Filme möglich gemacht haben.
Wären Sie damals gerne dabei gewesen?
Ich kann nicht behaupten, dass ich mir das wirklich mal konkret gewünscht hätte. Aber wäre ich es gewesen, hätte ich sicher eine grandiose Zeit gehabt. Jung sein und mit Godard und Co. an AUSSER ATEM arbeiten – das klingt doch grandios! Wahrscheinlich wäre ich dann sogar Raucher geworden, obwohl ich mir eigentlich nie etwas aus Zigaretten gemacht habe. Wie gesagt: ich will gar nichts naiv verklären, denn natürlich war die Zeit um 1960 aus historischer Sicht alles andere als perfekt. Aber aus der künstlerischen Perspektive muss es hochspannend gewesen sein, damals gelebt zu haben.


