Im Jahr 2010 wurde der iranische Regisseur Jafar Panahi (TAXI TEHERAN) wegen „Propaganda gegen das Regime“ zu einer sechsjährigen Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt. Im Juli 2022 trat er die Strafe im Evin-Gefängnis in Teheran an und wurde im Februar 2023 nach einem Hungerstreik auf Kaution freigelassen. In unserem Interview, das Pamela Jahn während des Cannes Film Festivals im letzten Mai geführt hat, spricht der Regisseur auch über seine Erfahrungen in der Haft. Ende letzten Jahres ist Panahi erneut in Abwesenheit wegen „Propagandaaktivitäten“ zu einem Jahr Haft verurteilt und mit einem Reiseverbot belegt worden.
Pamela Jahn: Herr Panahi, wie blicken Sie auf Ihre Zeit im Gefängnis zurück?
Jafar Panahi: Im Vergleich zu dem, was andere Gefangene durchmachen, habe ich mich dort ausgeruht.
Inwiefern sind Ihre eigenen Erfahrungen in das Drehbuch eingeflossen?
Der Film spiegelt nicht meine eigene Situation wider. Die Idee war, den Fokus auf Menschen zu legen, die fünf, zehn oder mehr Jahre im Gefängnis verbringen oder verbracht haben. Als ich dort war, habe ich mich lange mit ihnen unterhalten. Wir sprachen über ihre persönlichen Erfahrungen und die Ereignisse, die sie im Umgang mit anderen Insassen erlebt haben. Man könnte sagen, wir unterhielten uns über ein halbes Jahrhundert Haft im Iran.
EIN EINFACHER UNFALL ist ein wütender Film, aber es schwingt auch ein gewisser Galgenhumor mit.
Ironie spielt in unserer Kultur eine große Rolle. Wenn man nur eine Stunde auf einem iranischen Markt verbringt, merkt man, wie humorvoll die Menschen mit einem umgehen. Da kann auch ein Unglück passieren und 10 Minuten später machen die Leute schon Witze darüber. Ungewöhnlich ist das nicht.
Glauben Sie, dass Menschen, die andere foltern, ein glückliches Leben führen können?
Ihre Frage erinnert mich an die Aussage von Hannah Arendt, als sie nach Jerusalem zum Prozess gegen Adolf Eichmann reiste. Ich paraphrasiere, aber sie sagt so etwas wie: „Wir alle haben uns dieses Monster vorgestellt. Und nun soll dieser Mann für die Ermordung von Millionen Juden mitverantwortlich sein? Kein Monster, sondern ein Spießer, ja, ein Niemand. Wir konnten kaum glauben, dass ein so durchschnittlich aussehender Mann so etwas Böses getan haben konnte.“ – doch anscheinend ist es so. Menschen sind nicht immer so harmlos, wie sie von außen erscheinen mögen. Es gibt auch einige Hinweise in meinem Film, die darauf schließen lassen, dass dem so ist.
Worauf genau spielen Sie an?
Es ist klar, dass Egbals Familie, die zu Beginn des Films zu sehen ist, sehr ideologisch geprägt ist. Der Vater erlaubt beispielsweise nicht, dass die Musik zu laut aufgedreht wird. Und schon allein ihr äußeres Erscheinungsbild deutet in gewisser Weise darauf hin, dass es sich um Menschen handelt, die dem Regime sehr nahestehen.
Noch deutlicher wird es, als Egbal versehentlich den Hund überfährt.
Ja, nach dem Vorfall mit dem Hund, sagt die kleine Tochter: „Du hast ihn getötet.“ Und die Mutter antwortet: „Nein, das war nicht die Tat deines Vaters. Es war Gottes Wille.“ Damit wirft sie eine ideologische Frage auf, die das Mädchen sofort in ihrer absoluten Grundlage erschüttert, indem sie wissen will: „Welcher Gott?“ Immerhin war es ihr Vater, der nicht aufgepasst hat. Das sind alles kleine Anspielungen, um es dem Publikum zu ermöglichen, eine andere Perspektive auf die Geschichte zu bekommen, die sich später im Film entfaltet.


