Filmgespräch

Regisseur Jafar Panahi über EIN EINFACHER UNFALL: "So eine Zeit hinter Gittern verändert das eigene Ich."

Jafar Panahis (* 1960) Filme wurden mit Hauptpreisen in Venedig (DER KREIS, 2000), Berlin (TAXI TEHERAN, 2015) und Cannes (EIN EINFACHER UNFALL; 2025) ausgezeichnet.

Im Jahr 2010 wurde der iranische Regisseur Jafar Panahi (TAXI TEHERAN) wegen „Propaganda gegen das Regime“ zu einer sechsjährigen Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt. Im Juli 2022 trat er die Strafe im Evin-Gefängnis in Teheran an und wurde im Februar 2023 nach einem Hungerstreik auf Kaution freigelassen. In unserem Interview, das Pamela Jahn während des Cannes Film Festivals im letzten Mai geführt hat, spricht der Regisseur auch über seine Erfahrungen in der Haft. Ende letzten Jahres ist Panahi erneut in Abwesenheit wegen „Propagandaaktivitäten“ zu einem Jahr Haft verurteilt und mit einem Reiseverbot belegt worden.

Pamela Jahn: Herr Panahi, wie blicken Sie auf Ihre Zeit im Gefängnis zurück?

Jafar Panahi: Im Vergleich zu dem, was andere Gefangene durchmachen, habe ich mich dort ausgeruht.

Inwiefern sind Ihre eigenen Erfahrungen in das Drehbuch eingeflossen?

Der Film spiegelt nicht meine eigene Situation wider. Die Idee war, den Fokus auf Menschen zu legen, die fünf, zehn oder mehr Jahre im Gefängnis verbringen oder verbracht haben. Als ich dort war, habe ich mich lange mit ihnen unterhalten. Wir sprachen über ihre persönlichen Erfahrungen und die Ereignisse, die sie im Umgang mit anderen Insassen erlebt haben. Man könnte sagen, wir unterhielten uns über ein halbes Jahrhundert Haft im Iran.

EIN EINFACHER UNFALL ist ein wütender Film, aber es schwingt auch ein gewisser Galgenhumor mit.

Ironie spielt in unserer Kultur eine große Rolle. Wenn man nur eine Stunde auf einem iranischen Markt verbringt, merkt man, wie humorvoll die Menschen mit einem umgehen. Da kann auch ein Unglück passieren und 10 Minuten später machen die Leute schon Witze darüber. Ungewöhnlich ist das nicht.

Glauben Sie, dass Menschen, die andere foltern, ein glückliches Leben führen können?

Ihre Frage erinnert mich an die Aussage von Hannah Arendt, als sie nach Jerusalem zum Prozess gegen Adolf Eichmann reiste. Ich paraphrasiere, aber sie sagt so etwas wie: „Wir alle haben uns dieses Monster vorgestellt. Und nun soll dieser Mann für die Ermordung von Millionen Juden mitverantwortlich sein? Kein Monster, sondern ein Spießer, ja, ein Niemand. Wir konnten kaum glauben, dass ein so durchschnittlich aussehender Mann so etwas Böses getan haben konnte.“ – doch anscheinend ist es so. Menschen sind nicht immer so harmlos, wie sie von außen erscheinen mögen. Es gibt auch einige Hinweise in meinem Film, die darauf schließen lassen, dass dem so ist.

Worauf genau spielen Sie an?

Es ist klar, dass Egbals Familie, die zu Beginn des Films zu sehen ist, sehr ideologisch geprägt ist. Der Vater erlaubt beispielsweise nicht, dass die Musik zu laut aufgedreht wird. Und schon allein ihr äußeres Erscheinungsbild deutet in gewisser Weise darauf hin, dass es sich um Menschen handelt, die dem Regime sehr nahestehen.

Noch deutlicher wird es, als Egbal versehentlich den Hund überfährt.

Ja, nach dem Vorfall mit dem Hund, sagt die kleine Tochter: „Du hast ihn getötet.“ Und die Mutter antwortet: „Nein, das war nicht die Tat deines Vaters. Es war Gottes Wille.“ Damit wirft sie eine ideologische Frage auf, die das Mädchen sofort in ihrer absoluten Grundlage erschüttert, indem sie wissen will: „Welcher Gott?“ Immerhin war es ihr Vater, der nicht aufgepasst hat. Das sind alles kleine Anspielungen, um es dem Publikum zu ermöglichen, eine andere Perspektive auf die Geschichte zu bekommen, die sich später im Film entfaltet.

Die Handlung dreht sich um eine Gruppe ehemaliger iranischer politischer Gefangener, die über das Schicksal des Mannes diskutieren, den zumindest einer von ihnen, Vahid, für ihren damaligen Folterer hält. Wofür stehen für Sie die einzelnen Figuren, die hier im Kleinbus zusammenfinden?

Jede dieser Figuren repräsentiert eine gewisse Denkschule, und jede einzelne dieser Sichtweisen wird auf engstem Raum herausgefordert, ob die Beteiligten es wollen oder nicht. Am Ende müssen sie zu einer Schlussfolgerung kommen. Der eine glaubt an Rache und Gewalt, jemand anderes ist dagegen. Eine weitere Person ist nicht einmal politisch und will sich nicht in diese Dinge einmischen. Vereinfacht ausgedrückt, spiegelt sich innerhalb der Gruppe im Kleinen wider, was man überall in der Gesellschaft beobachten kann.

Sie haben gesagt, dass dieser Film für Sie künstlerisch ein Neuanfang ist. Welchen Weg wollen Sie zukünftig einschlagen?

Als ich nicht arbeiten durfte, waren meine Filme persönlicher. Ich war so schockiert über das Urteil, das ich 2010 erhalten habe, dass ich mich selbst im Zentrum der Geschichten sah. Ich dachte, wenn ich einen Film über einen Taxifahrer drehen will, dann gibt es hier immerhin einen Regisseur, der nicht arbeiten kann, also wird er Taxifahrer. Und weil er seinem früheren Beruf sehr verbunden ist, hat er überall im Auto Kameras angebracht. Er macht beide Jobs gleichzeitig. Aber seitdem die Urteile gegen mich aufgehoben wurden, merke ich, wie ich mich langsam psychologisch und physisch aus den Bildern entferne. Technisch hat sich an meiner Arbeitsweise nichts geändert.

Wie dreht man eigentlich einen Film, ohne entdeckt zu werden?

Natürlich kann ich Ihnen hier nicht alle Tricks verraten, denn das würde die Menschen bloßstellen und in Gefahr bringen, die mich bei meiner Arbeit unterstützen. Aber um möglichst unentdeckt zu bleiben, ist es wichtig, mit einem kleinen Team unterwegs zu sein und nur begrenzte Ausrüstung zu verwenden. Das Wichtigste ist, keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Ähnlich wie die Werke Ihres Kollegen Mohammad Rasoulof verweisen Ihre Filme immer wieder auf die Brutalität und Unterdrückung des Regimes. Könnten Sie sich vorstellen, einmal etwas ganz anderes, etwa einen Genrefilm, zu realisieren?

Warum nicht? Es hängt immer von der Idee ab, die dahintersteht, und von den Anforderungen der Geschichte an sich. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass mein Werk, egal in welchem Genre, immer sehr nah an der Realität und dem Alltagsleben im Iran sein wird.

Wie hat die Tatsache, dass Sie nicht frei arbeiten können, Sie als Künstler verändert?

Ich habe das Gefühl, dass ich seit meiner Haftstrafe nicht mehr derselbe bin. So sehr, dass ich mir immer wieder sage, ich wünschte, ich wäre früher dort gewesen, denn ich habe viele Dinge erfahren und miterlebt, die ich sonst vielleicht nicht gesehen hätte, und es hat mich Menschen nähergebracht, die ich zuvor nie getroffen hatte. Gleichzeitig verändert so eine Zeit hinter Gittern natürlich das eigene Ich, das persönliche Verhalten. Wenn man sich beispielsweise entscheidet, einem anderen Gefangenen zu helfen, ist das kein Spiel, sondern bitterer Ernst. Man kann es lassen, weil man Angst vor den Konsequenzen hat, oder es als seine Pflicht betrachten. Die Entscheidung liegt bei jedem selbst.

Haben die jüngsten Entwicklungen in Ihrem Heimatland es Ihnen ermöglicht, in Ihren Filmen direkter zu sein?

Die Umstände im Iran haben sich nicht wesentlich geändert. Wir leben nicht in einer freieren Gesellschaft. Der Unterschied besteht allein darin, dass es der Regierung nicht mehr möglich ist, zum vorherigen Status quo zurückzukehren, weil die Menschen sich dagegen wehren. Jeden Tag verhängen die Behörden neue Strafen, sie verschärfen die Bedingungen immer weiter, aber die Menschen gehorchen nicht mehr. Das Leben ist nicht weniger gefährlich geworden, aber die Regierung kann die Bevölkerung nicht mehr so kontrollieren wie früher.

Wie hat Ihnen das Filmemachen in den letzten 15 Jahren geholfen, durchzuhalten und weiterzumachen?

Es ist der einzige Beruf, den ich kenne und den ich beherrsche. Ich kann nichts anderes. Hätte ich keine Filme gedreht, wäre es sicher ziemlich schwer gewesen. Um nicht noch größere Not zu erleiden, habe ich Wege gefunden, das zu tun, was ich liebe. Auf diese Weise gelang es mir auch zu signalisieren, dass wir alle unbedingt weitermachen müssen. Ich erinnere mich, wie vor 2010 und dem ersten Urteil gegen mich, immer wieder Studenten zu mir kamen und sich darüber beschwerten, wie schwierig es sei, einen Film zu drehen. Aber nachdem sie THIS IS NOT A FILM oder TAXI TEHERAN gesehen hatten, beschwerte sich keiner mehr. Es gibt sehr unterschiedliche Arten des Widerstands. Wir alle finden je nach unseren Möglichkeiten entsprechende Lösungen für die Hürden, Missstände und Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sehen.

Ist es möglich, heutzutage im Iran an Vergebung zu denken?

Wahrscheinlich nicht, aber wir können hoffen, dass es in Zukunft einmal anders sein wird. Hoffen, dass niemand mehr anderen Menschen seine Ideen oder irgendeine Ideologie aufzwingt. Hoffen, dass jeder eine bessere Version seiner selbst wird, sowohl die Regierungsmitglieder als auch diejenigen, die nichts mit Politik zu tun haben. Hoffen, dass wir alle gemeinsam einen Weg finden, zusammen ohne Gewalt zu leben.

Was erwarten Sie, wenn Sie in den Iran zurückkehren?

Ich habe keine konkreten Vorstellungen. Ich weiß nur, dass ich zurückkehren werde. Es wird sich zeigen, was dann passiert. Aber es ist auch alles nicht so schlimm, wie es scheint. Von außen betrachtet, mag es schlecht aussehen. Aber wenn man dort ist und seine eigenen Probleme mit der Situation anderer vergleicht, merkt man, wie klein sie sind. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Es gibt so viele Frauen, die ohne Kopftuch auf der Straße gehen. Wenn sie verhaftet werden und es besonders schlimm kommt, werden sie mitgenommen und weggebracht. Aber am nächsten Tag machen sie dasselbe wieder. Nur weil diese Frauen nicht berühmt sind, schenkt ihnen niemand besondere Aufmerksamkeit. Das ist echte Tapferkeit.

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Tipp von Clarissa

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‘Das moralische Dilemma und die zugrunde liegenden traumatischen Erlebnisse der ehemaligen Gefangenen sind harte Kost, die Pahani mit Lebendigkeit und absurdem Witz erzählt. ’

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