Filmgespräch

Regisseur Adrian Goiginger über VIER MINUS DREI: "Denn es gibt nicht einen richtigen Weg zu trauern, jeder Mensch ist anders."

Adrian Goiginger (*1991 in Salzburg) erzählt bevorzugt persönliche Geschichten. Sein Debüt DIE BESTE ALLER WELTEN (2017) handelte, angelehnt an die eigene Kindheit, von einem Jungen, der bei einer drogensüchtigen Mutter aufwächst. DER FUCHS (2022) erzählte eine Geschichte aus dem Leben seines Großvaters. Sein neues Werk VIER MINUS DREI ist die Verfilmung des autobiografischen Buches von Barbara Pachl-Eberhart.

Pamela Jahn: Herr Goiginger, wären Sie selbst ein guter Clown?

Ich habe es noch nie probiert. Aber nachdem ich mich auf Bühnen oder vor Publikum grundsätzlich nicht so wohlfühle, wahrscheinlich eher nicht.

Was macht für Sie einen guten Clown aus?

Ich bin kein Experte, kann die Frage also nur sehr subjektiv beantworten. Extrem wichtig finde ich, dass ein Clown sich niemals auf die Kosten anderer lustig macht, sondern sein eigenes Scheitern zelebriert und seine Schwächen in den Vordergrund rückt. Beides, sowohl die Tragik als auch der Humor, gewinnt natürlich durch diese Dualität, dass Freude und Leid, Licht und Schatten ganz nah beieinanderliegen. Es macht nicht nur das Leben aus, sondern vor allem auch Filme oft spannend und interessant. Wobei das Tragische schon eher der Bereich ist, wo ich meine Stärken als Regisseur sehe, als in der Komödie. Aber es ist natürlich gerade bei diesem Film reizvoll gewesen, die zwei Elemente miteinander zu verbinden.

Sie haben an anderer Stelle gesagt, dass Sie das Schicksal von Barbara Pachl-Eberhart, die bei einem Unfall ihren Mann und ihre beiden Kinder verlor, zuerst emotional überforderte. Was hat Sie überzeugt, den Film doch drehen zu wollen?

Es war zum einen die berührende Liebesgeschichte zwischen Heli und Barbara, die Idee, dass zwei Berufsclowns heiraten und eine Clown-Familie gründen. Ich hatte noch nichts in der Richtung inszeniert, deswegen hat es mich gereizt. Auch die Entscheidung, das Unglück nicht zu zeigen, und den Fokus eher auf das Leben nach dem Tod zu legen, war entscheidend. Durch das Drehbuch von Senad Halilbašić wurde es ein Film über Hoffnung, über das Leben! Auch das Treffen mit Barbara war ein Grund, warum ich dann doch zugesagt habe.

Was unterscheidet Heli und Barbara in der Art und Weise, wie sie aufs Leben schauen?

Es gibt eine Szene im Film, in der ein ziemlicher heftiger Streit zwischen ihnen eskaliert, weil Barbara sehr geordnet ist, bodenständig und eine Macherin. Heli dagegen ist eher verträumt, künstlerisch und philosophisch; jemand, der wirklich nur im Moment lebt. Einerseits ergänzen sie sich dadurch perfekt, aber sie kollidieren eben auch miteinander, wenn es um Kindererziehung und die materielle Sicherheit geht.

Barbara muss sich nach dem Schicksalsschlag komplett neu erfinden und legt erstmal einen gewissen Pragmatismus an den Tag. Würden Sie in ihrer Situation ähnlich handeln?

Es fällt mir schwer, mich in die Situation hineinzufühlen. Ich glaube, fast niemand kann es sich vorstellen, auf einen Schlag seine ganze Familie zu verlieren. Ich würde vielleicht erstmal für ein paar Wochen oder Monate allein in die Berge gehen. Obwohl dann die Gefahr bestünde, dass man zum Alkoholiker wird oder Selbstmordgedanken aufkommen. Mein christlicher Glaube würde mir hoffentlich sehr helfen! Bei der echten Barbara war es auch so, dass sie gute Mächte und Energien gespürt hat, die ihr geholfen haben, mit diesem schweren Schicksalsschlag umzugehen.

Worauf kam es Barbara Pachl-Eberhart bei der Umsetzung ihrer Geschichte an?

Wir haben zuerst einmal viele Gespräche geführt, denn es gab schon mehrere Versuche, das Buch zu verfilmen. Wichtig war ihr vor allem, dass auch Heli und seine Kunst gut dargestellt sind. Und dass man sich nicht irgendwie ergötzt an dem Leid, sondern die Menschlichkeit in den Vordergrund rückt. Barbara hatte kurz vor unserer ersten Begegnung meine bisherigen Filme gesehen, insbesondere DIE BESTE ALLER WELTEN hat ihr sehr gefallen. Das war wohl auch einer der Hauptgründe, warum sie mir ihre Geschichte anvertraut hat.

Wie sehr weichen Sie in der Erzählstruktur im Film von der Autobiografie ab?

Nicht sehr. Wir erzählen den Film anachronistisch, der Wechsel zwischen den beiden Zeitebenen vor und nach dem Unfall, ist ein wesentliches Element der Inszenierung. Auch der Roman ist nicht streng chronologisch. Zudem gibt es ein paar Aspekte und Handlungen, die wir verstärkt haben, oder die aus dramaturgischen Gründen anders sind. Den Termin mit dem Bestatter, zum Beispiel, hat Barbara in Wirklichkeit allein wahrgenommen. Im Film sind ihre Schwiegereltern dabei, um die unterschiedlichen Ansichten, wie man mit Trauer umgehen kann, darzustellen und so eine Reibung entstehen zu lassen. Aber ich muss gestehen, ich habe den Roman auch nur einmal gelesen, viel wichtiger waren eigentlich die Gespräche mit Barbara selbst.

Hat der Wechsel zwischen den Zeitebenen den Dreh auch emotional beeinflusst?

Es ist die Regel, nicht chronologisch zu drehen, egal, ob die Geschichte im Film dann linear erzählt wird oder nicht. Die Produktionsrealitäten geben es so vor, dass man ein Motiv nach dem anderen abdreht. Eine zusätzliche Herausforderung bei diesem Dreh war, dass wir viel Umbauzeit für die Maske brauchten. Aber Valerie Pachner, die Barbara spielt, hat es geholfen, zwischen den schmerzlichen und den schönen Szenen zu changieren, weil sie sich dadurch auch besser an die jeweils konträre Emotion erinnern und auf dieses Gefühl zurückgreifen konnte.

Für Barbara sind die Erinnerungen eine Art Heilmittel oder Trost. Gleichzeitig bergen zu viele Rückblenden die Gefahr, dass es leicht sentimental wird.

Ja, oder auch esoterisch. Ich habe versucht, eine gute Mischung zu finden, sodass sich Licht und Schatten auch in der Inszenierung abwechseln, und jede Figur authentisch wirkt. Das ist meine Aufgabe am Set. Worauf es ankommt, ist: Je mehr Zeit man mit den Schauspielern in der Vorbereitung hat, desto sicherer werden sie, wenn die Kamera läuft.

Roswitha, die Mutter von Heli, ist streng katholisch. Welche Rolle spielen für Sie Religion und Glauben im Hinblick auf die Geschichte?

In Österreich ist der Katholizismus die bestimmende Religion im ländlichen Raum, das muss man akzeptieren. Dass Roswitha und Barbara aneinandergeraten, in der Art und Weise, wie sie mit ihrer Trauer umgehen, ist sozusagen vorprogrammiert. In diesem Spannungsverhältnis bewegen sie sich. Denn es gibt nicht einen richtigen Weg zu trauern, jeder Mensch ist anders. Barbara hat in der Hinsicht vieles ausprobiert und sich darauf konzentriert, was ihr am meisten geholfen hat. Roswitha dagegen hält sich an ihrer klaren Vorstellung fest, und das ist auch völlig okay.

Das Begräbnis ist eine wichtige Schlüsselszene. Wie muss man sich den Dreh vorstellen?

Ich habe mich, ehrlich gesagt, sehr auf den Tag gefreut. Da kam alles zusammen, Freude und Leid, mit 160 Komparsen und ganz vielen Clowns und Action und Musik, und das alles in der Kirche, eine tolle Location. Natürlich habe ich mich schon sehr akribisch darauf vorbereitet. Aber ich bin immer wieder selbst überrascht, dass die logistisch komplexen Szenen, am unproblematischsten sind, während kleine Einstellungen, denen man im Vorfeld kaum Bedeutung schenkt, sich oft als am schwierigsten erweisen.

Sie drehen gerne und viel mit Handkamera. Warum?

Man ist flexibler, die Handkamera richtet sich nach den Schauspielern. Das ist bei meinem Regiestil teilweise nötig, weil ich oft kein festes Staging habe, vor allem wenn ich mit Kindern oder Tieren drehe. Da muss man einfach eine gewisse Spontaneität und ein schnelles Reaktionsvermögen haben. Ich bin auch sehr gerne nah dran an den Figuren, dass man sich quasi über den Augenkontakt oder Mimik und Gestik in den Bann ziehen lässt. Ein bisschen ist das auch meinen Regie-Vorbildern verschuldet, wie etwa Terrence Malick, und dem, was ich selbst gerne im Kino sehe.

Warum sind Menschen von wahren Geschichten oftmals stärker berührt?

Ich kann es mir nicht erklären, auch weil ich nicht dazugehöre. Mich bewegen fiktive Geschichten genauso. Aber Sie haben recht. Es ist mir bei den Publikumsgesprächen schon aufgefallen, vor allem bei DER FUCHS. Der Film war so schwer zu realisieren und man hätte so viel über das Filmemachen reden können. Stattdessen ist es ganz oft einfach nur mehr darum gegangen, was mit dem echten Fuchswelpen passiert ist und wie es meinem Urgroßvater nach dem Krieg ergangen ist. Vielleicht liegt es daran, dass man sich mit der Wirklichkeit immer noch am ehesten identifizieren kann.

Interessanterweise wählen Sie selbst auch immer Stoffe aus, die alle einen realen Bezug haben.

Stimmt, das liegt allerdings in erster Linie daran, dass ich wahnsinnig gerne recherchiere, und das geht natürlich am besten, wenn es da was zu erforschen gibt. Als Regisseur bereichert es mich ungemein, wenn ich weiß, es gibt Menschen, mit denen ich über das Thema reden kann, und Orte, die mich im besten Fall inspirieren. Aber in dem Moment, wo ich jetzt als Konsument ins Kino gehe, wäre mir das egal.

In VIER MINUS DREI entfernen sie sich in der letzten Szene deutlich von der Wirklichkeit. Wie wichtig sind Ihnen Filmenden?

Definitiv wichtiger als Anfänge, vor allem im Kino. Die Leute kommen eh nicht mehr raus aus dem Saal, wenn sie erstmal drin sind. Beim Fernsehfilm ist das vielleicht anders. Am Ende möchte ich Bilder finden, die im Kopf bleiben. Es soll gut sein, einfach und durchdacht.

Denken Sie Ihre Filme dementsprechend auch immer vom Ende her?

Eigentlich nicht. Es ist nicht so, dass ich das Ende zuerst schreibe. Ich habe im Prozess der Drehbuchentwicklung vielleicht schon früh eine Vorstellung davon, aber ich würde nicht den Anfang einer Geschichte danach richten oder die Handlung drumherum bauen.

Nochmal zurück zum Clown-Dasein. Was für eine Art von Humor ist Ihnen persönlich am liebsten?

Ich liebe British Dark Humor: Monty Python, wobei gar nicht so sehr die Filme, sondern vor allem die Parodien und Sketche aus den 1970er und 1980er Jahren. Diese Leichtigkeit, auch über sich selbst lachen zu können, geht vielen Menschen heutzutage ab. Alle warten nur darauf, etwas zu finden, über das man sich aufregen kann.

Ist das vielleicht auch ein Grund dafür, warum so viele Menschen Clowns eigentlich nicht mögen?

Gute Frage. Ich denke, es ist eher ein kulturelles Phänomen. In Österreich und Deutschland hat der Clown wirklich einen schlechten Ruf, wohingegen etwa in Südamerika oder in Frankreich die Clownerie einen enorm hohen Stellenwert hat. Die Leute dort wachsen mit dem Clown als einer zentralen Figur in ihrem Leben auf. Also, es ist wirklich von Kultur zu Kultur unterschiedlich.

Oder haben wir in unseren Breitengraden einfach zu früh Stephen King gelesen?

Kann gut sein, Pennywise, der Horror-Clown, das kommt wahrscheinlich noch dazu.

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