Pamela Jahn: Herr Pawlikowski, inwieweit verschmelzen Wahrheit und Fiktion über Thomas Mann in Ihrem Film?
Paweł Pawlikowski: Es handelt sich bei VATERLAND um ein fiktionales Werk, eine Fantasie, wenn Sie so wollen. Der Film ist von realen Personen und Ereignissen inspiriert. Zum Beispiel von der Tatsache, dass Thomas Mann tatsächlich nicht zur Beerdigung seines Sohnes nach Cannes gefahren ist. Allerdings befand er sich zum Zeitpunkt des Todes von Klaus eigentlich in Stockholm und nicht in Deutschland; er machte eine Vortragsreise durch ganz Europa. Das heißt, ich habe die realen Ereignisse für den Film in gewisser Weise komprimiert.
Haben Sie sich beim Schreiben des Drehbuchs auch an Manns Romanfiguren orientiert?
Nein. Ich habe zwar einige seiner Werke noch einmal gelesen, aber nicht alles. Manche Romane wie „Joseph und seine Brüder“ sind mir zu umfangreich. Und die Geschichte im Film hat vielleicht auch eher den Charakter einer Novelle: eine Erzählung ohne einen offensichtlichen dramatischen Bogen, die sich auf die Spuren Thomas Manns auf seinem Weg von Frankfurt nach Weimar begibt, und dabei hier und da Spannungsmomente setzt.
Gleichzeitig liegt eine große Tragik in der Geschichte. Der Tod von Klaus erschüttert Vater und Tochter jeweils auf ihre ganz persönliche Weise.
Dazu muss man wissen: Klaus und Erika waren keine Zwillinge, aber in den 1920er und frühen 1930er Jahren, als sie zusammen Kabarett machten, hätte man es durchaus denken können, weil sie als Duo unzertrennlich waren – und die Presse stürzte sich damals natürlich darauf. Er war schwul, sie war bisexuell. Klaus heiratete Erikas Liebhaber, sie heiratete Gustaf Gründgens, der sein Lover gewesen war. Gründgens wäre übrigens sicher auch niemals auf diesem Bankett zu Ehren von Thomas Mann aufgetaucht, wie es im Film vorkommt. Aber ich dachte mir: Warum nicht. Was wäre, wenn?
Zu Beginn des Films, in dem Telefonat zwischen Klaus und Erika, wird seine Hoffnungslosigkeit deutlich. Er hat den Glauben an die Literatur, die Kultur, an das Leben verloren. Können Sie seine Verzweiflung nachvollziehen?
Klaus sagt noch etwas, er fragt seine Schwester: Wann hast du das letzte Mal wirklich etwas gespürt – irgendein Verlangen oder ein Gefühl von Schönheit oder Transzendenz? Er war zu dem Zeitpunkt schwer depressiv, aus privaten und historischen Gründen, weil er sich in Cannes in einer Art Niemandsland befand, dazu kamen die Drogen, der Alkohol. Er fühlte sich unwichtig, weil seine Texte abgelehnt wurden – „Mephisto“ war damals noch nicht erschienen. Er wusste nicht einmal mehr, in welcher Sprache er schreiben sollte. Er versuchte, auf Englisch zu schreiben, aber worüber und für wen? Und natürlich sah er sich im Schatten seines allmächtigen Vaters, des berühmten Nobelpreisträgers. Ein erfolgreicher, etablierter Mann, während Klaus in jeder Hinsicht verloren war, und auch finanziell abhängig von der Unterstützung seiner Familie.



