Was war es denn, das Sie an dieser Frau besonders ansprach, Ms. Seyfried?
Amanda Seyfried: Ich würde sagen, dass ich den Gemeinschaftssinn der Shaker besonders inspirierend fand. Wenn ich mir heutzutage unsere Gesellschaft ansehe und mich frage, wie wir eigentlich alle den Verstand verloren haben, dann denke ich oft, dass der Hauptgrund unsere Vereinzelung und ein fehlendes Gefühl von Zusammenhalt ist. Davon abgesehen erkannte ich sofort, welche Herausforderung Ann Lee und ihre Geschichte darstellten – und aus künstlerischer Sicht suche ich natürlich immer nach Dingen, die mich auf die Probe stellen. Mit Mona hatte ich schon bei den Serien „The Crowded Room“ und „Long Bright River“ zusammengearbeitet, und zu sehen, was sie sich nun mit THE TESTAMENT OF ANN LEE vorgenommen hatte, wirkte auf mich unwiderstehlich. Ich suche mir sehr genau aus, welchen Projekten ich die Zeit widme, die ich sonst zu Hause mit meiner Familie verbringen könnte, und ich überlege mir zweimal, welchen Rollen ich mich mit Haut und Haar verschreibe, weil jede schauspielerische Herausforderung mich immer auch emotional mitnimmt. Aber hier musste ich wirklich nicht lange nachdenken.
Bleiben wir noch kurz bei Ann Lee als Person. War sie als Frau, die aus ihrem eigenen Trauma heraus eine Glaubenslehre entwickelte, die wiederum für tausende andere Erlösung bedeutete, ihrer Zeit voraus?
Fastvold: Dass es in vielen Religionen bis heute keine Frauen in leitenden Positionen gibt, spricht eigentlich für sich. Vor Ann Lee hatten damals viele Menschen Angst, und ich denke, das wäre heute nicht unbedingt anders. Die Gleichheit für alle, um die sich diese Frau bemühte, war und ist in den Augen vieler nun einmal etwas Radikales. Und wenn es dann auch noch darum geht, das in seinen Ursprüngen sehr patriarchal-hierarchisch gestaltete Konzept der Ehe abzuschaffen und noch dazu den Sex aus der Gleichung zu nehmen, werden nicht zuletzt viele Männer natürlich ausgesprochen wütend. Die Anfeindungen, denen sie ausgesetzt war, waren in der Realität noch sehr viel brutaler als alles, was wir im Film zeigen.
Seyfried: Was Ann Lee auszeichnete, war ein kompletter Mangel an Ego, und das in einer Welt, die von Ego regiert wird. Wer an der Macht ist und das auch bleiben möchte, tut natürlich alles dafür, den Status Quo aufrechtzuerhalten. Dass also jemand, der wie Ann Lee eine ganz neue Gesellschaft errichten und andere Menschen inspirieren möchte, als Bedrohung wahrgenommen wird, versteht sich fast von selbst. Dass Ann und die Shaker dann bei ihren Schütteltänzen obendrein ständig ekstatisch gezittert und sich geschüttelt haben, wirkte dann noch einmal auf ganz andere Weise unheimlich und bedrohlich.
Mal abgesehen von den Tänzen, auf die wir gleich noch einmal zurückkommen: Fiel es Ihnen leicht, sich in diese Frau hineinzuversetzen?
Seyfried: Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um in diese Rolle hineinzufinden. Gar nicht so sehr, was ihren Glauben angeht, und auch das erlittene Trauma etwa mit Blick auf den Verlust ihrer Kinder war nicht die größte Herausforderung. Vor allem tat ich mich schwer damit, diesen Führungswillen und diese absolute Hingabe für ihre Überzeugung nachzuvollziehen. Wohl auch, weil ich selbst eher jemand bin, der folgt, als anführt.
Fastvold: Du sagst das so salopp, aber ich würde da widersprechen. Sicherlich bin ich als Regisseurin Ann ähnlicher als du, was die Art des Anführens angeht. Aber das heißt nicht, dass du das nicht auch kannst. Nur eben auf deine eigene Art.
Wie meinen Sie das, Ms. Fastvold?
Fastvold: Als Regisseurin ist man bei einem Film nicht die einzige Führungsperson. Auch die Person, die die Hauptrolle spielt, hat eine leitende Funktion. Ob willentlich oder nicht, gibt sie ein Beispiel vor, dem andere am Set folgen; sie bestimmt ganz entscheidend den Ton und die Stimmung eines Drehs. Im Guten wie im Schlechten. Amanda ist diesbezüglich jemand, der diese Rolle ganz selbstverständlich und mit viel Güte ausfüllt. Sie kennt von allen die Namen, ist immer offen und aufmerksam, und jeder kann allzeit mit welchen Bedürfnissen auch immer zu ihr kommen. Schon allein, weil sie in ihrer Tasche von Süßigkeiten über Nadel und Faden bis hin zu Kaugummi oder Kopfschmerztabletten alles dabeihat. Auch so fürsorglich kann man eine Gemeinschaft anführen.
Seyfried: Ich weiß nur gar nicht, ob ich sagen würde, dass ich mich bewusst so verhalte, weil ich eine Anführerin sein will. Mein Antrieb ist eher der, dass ich am besten arbeiten kann, wenn es allen gut geht und niemand angespannt ist. Konflikte sind nicht, was mich beflügelt.
Fastvold: Eben! Du kreierst einen Safe Space. Und zwar nicht nur für dich, sondern für alle um dich herum. Im Grunde ist das nicht weit entfernt von dem, was Ann Lee gemacht hat.