Pamela Jahn: Frau Beecroft, warum finden gerade Frauen so leicht Zugang zu Pferden?
Kate Beecroft: Bis ich diese Menschen und die Geschichte für mich entdeckte, hatte ich nicht vor, jemals einen Film mit Pferden zu drehen, oder irgendeine Art von modernem Western. Ich bin zwar mit Reiten aufgewachsen, aber das lässt sich in keiner Weise mit diesen Jugendlichen vergleichen. Ich war überwältigt von ihrem emotionalen Bedürfnis nach diesen Pferden. Sie haben zu niemandem sonst eine so tiefe Verbindung. Aber es ist auch eine komplizierte Beziehung, man darf nicht vergessen, dass es sich letztlich um Arbeitspferde auf einer Ranch handelt. Ihre komplette finanzielle Sicherheit hängt von den Tieren ab.
Wie sind Sie vorgegangen, um diese ganz besondere Beziehung zwischen Ihren Protagonistinnen und den Pferden einzufangen?
Zunächst einmal wollte ich keine professionell trainierten Pferde am Set, genauso wie ich bis auf zwei bewusste Ausnahmen keine professionellen Schauspieler einsetze. Die Tiere, die man im Film sieht, sind Tabathas Pferde, die sie vor dem Schlachter gerettet hat. Sie sollten alle getötet werden, und diese Frau gab ihnen eine zweite Chance. Für mich steht der Gedanke dahinter symbolisch für die Beziehung zu den Kids, die ebenfalls eine zweite Chance bekommen haben. Ich habe deshalb alle immer auf genau dieselbe Weise gefilmt. Ähnlich verhält es sich im Übrigen auch mit der Landschaft, den Badlands. Die Natur, die Menschen, die Tiere, sind gleichwertige Figuren für sich.
Es gibt viel Kritik am Rodeo. Für die einen ist es ein Sport, für andere Quälerei. Wie sehen Sie das?
Mein Blick auf die Welt insgesamt hat sich stark verändert, seit ich so viele Jahre mit den Menschen in South Dakota gelebt habe – ich war schon lange Zeit vorher bei ihnen, bevor ich den Film gedreht habe. Deshalb wollte ich im Film ein echtes Rodeo zeigen und nichts erfinden. Denn darin liegt ein großer Teil der Kultur dieser Region, insbesondere der Kultur der amerikanischen Ureinwohner. Und weil sie so viel Geld wert sind, werden diese sogenannten Bucking-Stock-Pferde tatsächlich auch recht gut und mit Respekt behandelt, das muss man auch sehen.
Wie sehr unterscheidet sich die Tabatha, die Sie im Film darstellen, von der Frau, die Sie an Ihrem ersten Tag auf der Ranch kennengelernt haben?
Meine Absicht war es, dem Publikum zu vermitteln, wie ich mich bei dieser ersten Begegnung gefühlt habe. Und wie man am Anfang des Films sehen kann, war ich sehr überreizt. Die Musik stammt aus den Spotify-Playlists der Jugendlichen. Es gibt Freude und Gelächter. Aber schon wenige Tage nach diesem ersten Treffen mit Tabatha zeigte sich auch eine Verletzlichkeit an ihr, die ich nicht erwartet hatte. Das war ein echtes Geschenk und etwas sehr Besonderes, denn so offen verhält sie sich nicht jedem gegenüber. Irgendwie entstand sofort ein Vertrauensverhältnis zwischen uns. Natürlich auch, weil ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht daran dachte, einmal einen Spielfilm daraus zu machen.
Haben Sie später mit ihr besprochen, welche Momente und Ereignisse Sie ins Drehbuch übernehmen würden?
Ja, Tabby wusste, worüber ich schreiben wollte. Dann habe ich das Drehbuch in ein paar Tagen zusammengebastelt und ihr geschickt. Alles darin basiert auf dem Material, das ich in den gemeinsamen Jahren mit ihr, ihrer Tochter Porshia und den anderen Kids gesammelt hatte. Aber auf Tabathas Reaktion zu warten, war der beängstigendste Moment meines Lebens. Es war wie mein Liebesbrief an sie, als hätte ich ihr mein Herz ausgeschüttet. Zum Glück erhielt ich die schönste Antwort, die ich mir vorstellen konnte. Sie sagte, es sei das erste Mal, dass sie sich gesehen fühlte.
Wie ist die besondere Szene am Lagerfeuer entstanden, in der Tabatha über den Selbstmord ihres Mannes spricht?
Es war die einzige Szene, die nicht im Drehbuch stand. Im Skript hieß es einfach „Improvisation“. Ich hatte keinen Plan B, falls es nicht funktionieren würde. Aber all diese Frauen in dieser Szene, einschließlich Tabathas eigener Mutter, haben mich in ihre Gemeinschaft aufgenommen, obwohl sie das gar nicht mussten. Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine so starke Verbindung zueinander aufgebaut, dass ich die Szene am Set damit einleitete, indem ich etwas Verletzliches über mich selbst erzählte. Das gab den Ton an, und dann ging es darum, alles in einem einzigen Take festzuhalten. Wir hatten zwei Kameras laufen, weil ich nicht wollte, dass sie irgendetwas davon wiederholen mussten.
Wann hat Tabatha Ihnen zum ersten Mal davon erzählt?
Sie hat in ihrem Leben überhaupt nur ein einziges Mal darüber gesprochen, was in der Nacht passiert ist. Und das war bei unserem ersten Treffen, weil ich sie fragte, ob sie eine Vorahnung hatte, dass ihr Mann sich das Leben nehmen würde. Damals sah sie mich verwundert an und meinte, niemand hätte sie je danach gefragt. Das sagt immens viel über die Mentalität in der Gemeinschaft. Diese Menschen ersticken an ihren Schicksalen. Und darüber zu sprechen, gab Tabatha letztendlich die Erlaubnis zu trauern.


