Pamela Jahn: Fühlen Sie sich heute sicher in Deutschland?
Faraz Shariat: Schwer zu sagen. Ich habe das Glück, eine sehr starke Community aus Freund*innen und Familie um mich zu haben, die mir den Rücken stärken. Gleichzeitig tragen die politischen Entwicklungen sowohl in Deutschland als auch in Europa dazu bei, dass ich ein großes Unbehagen empfinde - sei es aufgrund zunehmender staatlicher Repressionen wie zum Beispiel die Gewaltausschreitungen der Polizei gegenüber Demonstrierenden oder angesichts der Drohschreiben, die Bekannte von mir im Zuge der Hetzkampagne NSU 2.0 erhalten haben. Und natürlich birgt auch dieser Film ein gewisses Risiko, wenn man bedenkt, welches Ausmaß die Schikane von rechts in Deutschland erreicht hat.
Glauben Sie an das deutsche Rechtssystem?
Ich will es mal so sagen: Seyo Kim, die Protagonistin in STAATSSCHUTZ, glaubt an die grundlegenden Ideen des deutschen Rechtssystems, versteht aber auch, dass das System selbst nur so objektiv sein kann, wie die Menschen, die dort arbeiten. Und genau deshalb setzt sie ihre eigene Perspektive gegen die der verkrusteten Behörde, polarisiert, und zwingt die Menschen in ihrem Umfeld, sich zu positionieren: sowohl die Vertreter*innen des Justizapparates, als auch Opfer, die sie zu Aussagen nötigt. Seyos Reise ist für mich ein Appell an das Einstehen für Gerechtigkeit und dafür, dass wir dringend Strategien finden müssen, uns den politischen Entwicklungen in diesem Land zu widersetzen. Warum sollte ein gesamtgesellschaftlicher Rechtsruck vor dem Justizsystem Halt machen?
Sie haben Sie an anderer Stelle einmal mit einer Superheldin verglichen. Worin liegt denn ihre besondere Kraft?
In ihrem Mut, ihrem Scharfsinn, ihrer Furchtlosigkeit und darin, dass sie sich nicht vertreiben lässt. Wir haben in der Entwicklungsphase viel über die Idee von sogenannten No-Go-Areas gesprochen. Also Orte, die aufgrund der extrem bedrohlichen Präsenz von rechter Ideologie zum Sperrgebiet für Menschen werden, die von Rassismus betroffen sind. Seyo aber lässt sich davon nicht abschrecken; sie geht in die Höhle des Löwen. Natürlich hat sie auch Angst, aber sie kämpft dagegen an.
Gab es einen konkreten Fall, an den die Geschichte um Seyo angelehnt ist?
Es waren verschiedene Verfahren und Ereignisse, die das Drehbuch inspiriert haben, Fälle von institutionellem Rassismus und rassistischer Gewalt, die vertuscht oder nur lückenhaft strafrechtlich verfolgt wurden. Aber man muss auch hier unterscheiden: Seyo ist eine fiktionale Figur, eine junge Staatsanwältin koreanisch-deutscher Herkunft mit klarer antifaschistischer Haltung. Auch die Idee, dass eine Staatsanwältin Opfer und Anklägerin zugleich darstellt, ist frei erfunden. Aber alle Fälle, die in Seyos Situation hineinspielen, ob das jetzt im Rahmen ihrer Arbeit ist oder wenn es um Verstrickungen der Behörde geht, wie auch das rückwirkende Aufdecken von rechten Netzwerken, basieren auf wahren Begebenheiten, die so oder ähnlich in Deutschland passiert sind, wie das Schicksal von Oury Jalloh, der zu den bekanntesten Fällen von Polizeigewalt in Deutschland zählt.



