Filmgespräch

Marie Kreutzer über GENTLE MONSTER: "Je älter man wird als Frau in dieser Welt, desto zweifelnder wird der Blick."

In ihren Filmen beschäftigt sich die Österreicherin Marie Kreutzer immer wieder damit, wie Menschen in eng verbundenen Zusammenhängen miteinander agieren. In DIE VATERLOSEN (2011) ergründen in einer Hippiekommune aufgewachsene Geschwister die Ereignisse ihrer Kindheit, die Komödie WAS HAT UNS BLOSS SO RUINIERT (2016) verfolgt, was mit einem Wiener Freundeskreis passiert, als alle Kinder bekommen, und CORSAGE (2022) zeigt eine Kaiserin Elisabeth, die in das Gefüge des Hofes so gar nicht hineinpasst.

Die Konzertpianistin Lucy in Ihrem Film interpretiert immer wieder verschiedene Lovesongs neu. Aber GENTLE MONSTER ist kein Liebesfilm. Sondern?

Für mich ist es ein Film über Ehrlichkeit - und vor allem Ehrlichkeit zu sich selbst. An dem Punkt treffen sich auch die zwei Erzählstränge von Lucy und Elsa, weil es beiden in entscheidenden Momenten schwerfällt, sich die Wahrheit einzugestehen.

Warum ist das so?

Wenn es um Menschen geht, die uns nahestehen, ist die Realität oft zu schmerzhaft. Damit kann, glaube ich, jeder von uns etwas anfangen. Wir alle wurden im Leben schon mal von einer geliebten Person enttäuscht oder getäuscht. Plötzlich betreibt man einen enormen Aufwand, um die Situation zu rationalisieren, das Verhalten des anderen zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Auch in Gewaltbeziehungen ist es ein klassisches Muster, dem Partner immer wieder eine neue Chance zu geben, anstatt sich den Tatsachen zu stellen.

Was ist vielleicht der größte Vorwurf, den Lucy sich selbst gegenüber macht?

Dass sie es nicht gesehen hat. Wenn einem so etwas passiert, hinterfragt man von heute auf morgen alles, insbesondere die eigene Wahrnehmung. Ich selbst habe eine generalisierte Angststörung. Ich kann damit gut leben, aber wenn mir alles zu viel wird oder ich mit einer Situation überfordert bin, setzt bei mir wie so eine kleine Derealisation ein, eine Art Entfremdungsmechanismus. Alles entfernt sich von mir. Es ist eine natürliche Schutzreaktion des Nervensystems. Man kommt sich vor wie in einem Albtraum. Und Lucy geht es ähnlich, denke ich. In den Rückblenden wird deutlich, wie sie im Kopf auf einmal alles durchspielt und scheinbar alltägliche familiäre Momente anders zu sehen beginnt.

Schauen Sie nach diesem Film anders auf Männer oder auch Frauen?

Mir ging es vor allem in der Recherche so. Wenn man sich mit der Größenordnung des Problems auseinandersetzt und mit den Statistiken, dann weiß man, in jeder Schulklasse sitzen durchschnittlich zwei Kinder, die Missbrauchserfahrungen gemacht haben oder gerade machen. Und natürlich ist schon klar, dass nicht alle Männer gleich Täter sind. Aber wir wissen nicht, wer es ist. Ein simples Beispiel: Wenn man eine Tüte Malteser kauft und in einem ist Scheiße drin, wird man allen Maltesern mit Skepsis begegnen. Und je älter man wird als Frau in dieser Welt, desto zweifelnder wird der Blick.

Wie schafft man es, das Vertrauen in die Menschheit trotzdem nicht gänzlich zu verlieren?

Wir können nicht leben, ohne einander zu vertrauen. Wir verlassen uns darauf, dass alles gut geht, wenn wir in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen oder im Restaurant essen. In diesem Spannungsfeld findet der Film für mich statt. Was weiß ich alles nicht über jemand anderen? Aber bis zu einem gewissen Grad, muss ich damit leben und muss trotzdem lieben und mich öffnen als Mensch.

Worauf kam es Ihnen bei der Figur von Philipp an?

Mir war es wichtig, die Rolle mit jemandem wie Laurence Rupp zu besetzen, den ich recht gut kenne, und der sehr im Moment ist, sehr warm, sehr unmittelbar, sehr direkt. Auch jemand, der sehr offen umgeht mit allem. Dieser Mann sollte nichts Geheimnisvolles haben, sondern einem eher das Gefühl vermitteln, man könne ihn greifen, man kennt den.

Was ihn noch glaubhafter macht, ist, dass er aus einer Position der Schwäche heraus argumentiert. Zu Beginn erfahren wir, dass er einen Burnout hatte und die Familie deshalb aufs Land gezogen ist.

Ich glaube, dass das Menschen, die etwas so Dunkles verbergen, zu lügen lernen. Für mich ging es nicht in erster Linie darum, dass er einen Pädophilen spielt. Diese Seite von ihm lernen wir ja gar nicht kennen. Wir sehen ihn nur aus ihrer Sicht. Wir sehen einen Lügner, der um sich rudert und immer wieder versucht, die Situation, seine Beziehung und die eigene Haut zu retten. Und unsere Spur in der Arbeit mit Laurence war, ihm immer wieder was zu geben, das er selbst glauben kann.

Zum Beispiel?

Mir fällt spontan die Szene im Garten ein, wo Lucy und Philipp einiges aussprechen. Vor dem Dreh habe ich zu Laurence gesagt: Spiel es so, als hättest du nur die Steuer hinterzogen. Im Sinne von: Ja, ich hab einen Fehler gemacht, aber jetzt kann sie sich auch langsam wieder einkriegen.

Waren Sie überrascht, wie allumfassend das Problem Pädophilie ist?

Allein der Zeitartikel von 2020, mit dem die Geschichte ihren Anfang nahm, hat mir ziemlich die Schuhe ausgezogen, weil mir dadurch die Größenordnung bewusst wurde, mit der wir es zu tun haben, und auch, dass ich mit Sicherheit Täter kenne. Was mich während der weiterführenden Recherche sehr geschützt hat, war, dass ich hauptsächlich Menschen um mich hatte, die aus professioneller Sicht auf dieses Thema schauen: Ermittler*innen, Psycholog*innen, Jurist*:innen. Es ging mir auch nicht so sehr darum, mit Betroffenen zu sprechen, sondern eher Leute in Lucys Situation zu finden. Und das war das Schwierigste. Menschen, die das durchgemacht haben, reden ungern.

Können Sie sich an ein konkretes Gespräch erinnern?

Ja, ein Zusammentreffen mit einer betroffenen Mutter hat mich nachhaltig verstört.
Im Anschluss hatte ich das Gefühl, ich muss das jetzt irgendwie wieder aus dem System kriegen und ich weiß nicht wie.

Interessant im Film ist das Spannungsverhältnis zwischen Lucy und Elsa, der polizeilichen Ermittlerin. Warum war es wichtig, diesen Gegenpol zu der Beziehung zwischen den beiden Eheleuten zu haben?

Wenn wir nur die Geschichte von Lucy und Philipp sehen würden, könnte man sich bequemer zurücklehnen und sagen, das hat mit mir nichts zu tun. Elsas Perspektive weitet den Blick, plötzlich geht es nicht mehr nur um einen Einzelfall, sondern einen von vielen. Morgen steht sie schon wieder vor einer anderen Haustür. Das ist das eine. Gleichzeitig war es mit wichtig herauszustellen, dass Übergriffe und Missbrauch und Gewalt schon viel früher beginnen. Jedes Mal, wenn wir wegschauen, machen wir uns auch mitschuldig. Es fängt damit an, einen blöden sexistischen Kommentar lieber aus Höflichkeit oder Angst runterzuschlucken, anstatt dagegen anzugehen. Und Elsa schaut privat eben auch weg. Man kann das aus der Distanz fraglich finden, aber es ist eben auch sehr menschlich, leider.

Lucy, gespielt von Léa Seydoux, ist eine Französin, die in Deutschland lebt. Warum war Ihnen die Mehrsprachigkeit im Film wichtig?

Ursprünglich war ihre Rolle eine englischsprachige Figur. Ich mochte die Vorstellung, dass es sie mehr isoliert, nicht nur durch das Leben außerhalb der Stadt, sondern zudem in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht besonders gut kann, und dass sie sich plötzlich mit den Behörden vor Ort auseinandersetzen muss. Gleichzeitig macht es das Thema internationaler. Sexualisierte Gewalt gegen Kinder ist kein deutsches Problem, es geschieht überall.

Lucy ist Pianistin; Elsa hört im Auto lautstark Deutschrap. Ist Musik für die beiden Frauen ein Zufluchtsort?

Ja, auf jeden Fall. Im Auto laut Musik zu hören, ist besser als Therapie. Sehr reinigend.

Wir haben vorhin über die Skepsis anderen Menschen gegenüber gesprochen. Beobachten Sie selbst sich heute auch anders, wie Sie in bestimmten Situationen reagieren oder mit unangemessenen Kommentaren umgehen?

Durch die Recherche ist mir bewusst geworden, dass wir in der Prävention alle was tun können. Und das Wichtigste ist, dass Kinder sehr früh lernen müssen, was Grenzen sind, sei es in Institutionen oder von den eigenen Eltern, dann kommen sie einfach weniger in Situationen, in denen sie ausgenutzt werden können. Ich selbst zum Beispiel habe aufgehört, anderer Leute Kinder zu berühren. Ich warte, bis sie zu mir kommen, weil ich gemerkt habe, das macht man oft so reflexartig, dass man einem Mädchen oder Jungen kurz durch die Haare wuschelt oder so. Aber eigentlich sind es lauter kleine Grenzüberschreitungen, die Kinder ja wahrnehmen. Darüber hinaus glaube ich, dass jeder Film, den ich mache, immer ein Lernprozess ist, nicht nur fachlich.

Sie sind heute auch ehrlicher sich selbst gegenüber?

Ich denke schon. Auch dass ich schneller Probleme anspreche und in den Konflikt gehe — wie im Film. Dass ich bestimmte Dinge offen zum Ausdruck bringe, wie ich sie sehe, und dazu stehe.

Machen Sie sich dadurch angreifbarer?

Das geschieht automatisch. Wenn man sich äußert, künstlerisch oder in irgendeiner Form exponiert, macht man sich immer angreifbar. Es gibt dieses schöne Zitat: Do nothing, say nothing, be nothing, and you will never be criticized. In unserem Beruf können wir uns nicht davor schützen. Umso wichtiger ist es, authentisch zu sein und das zu machen, was man für richtig hält.

Relevante Filme

Corsage

Ein kantiges, schmerzliches Porträt der Kaiserin Elisabeth, genannt "Sissi".

Tipp von Anna

Gentle Monster

‘Ungewöhnlich sanft: Léa Seydoux. Großartig: Catherine Deneuve.’

Läuft ab Donnerstag

Neueste Beiträge