Die Konzertpianistin Lucy in Ihrem Film interpretiert immer wieder verschiedene Lovesongs neu. Aber GENTLE MONSTER ist kein Liebesfilm. Sondern?
Für mich ist es ein Film über Ehrlichkeit - und vor allem Ehrlichkeit zu sich selbst. An dem Punkt treffen sich auch die zwei Erzählstränge von Lucy und Elsa, weil es beiden in entscheidenden Momenten schwerfällt, sich die Wahrheit einzugestehen.
Warum ist das so?
Wenn es um Menschen geht, die uns nahestehen, ist die Realität oft zu schmerzhaft. Damit kann, glaube ich, jeder von uns etwas anfangen. Wir alle wurden im Leben schon mal von einer geliebten Person enttäuscht oder getäuscht. Plötzlich betreibt man einen enormen Aufwand, um die Situation zu rationalisieren, das Verhalten des anderen zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Auch in Gewaltbeziehungen ist es ein klassisches Muster, dem Partner immer wieder eine neue Chance zu geben, anstatt sich den Tatsachen zu stellen.
Was ist vielleicht der größte Vorwurf, den Lucy sich selbst gegenüber macht?
Dass sie es nicht gesehen hat. Wenn einem so etwas passiert, hinterfragt man von heute auf morgen alles, insbesondere die eigene Wahrnehmung. Ich selbst habe eine generalisierte Angststörung. Ich kann damit gut leben, aber wenn mir alles zu viel wird oder ich mit einer Situation überfordert bin, setzt bei mir wie so eine kleine Derealisation ein, eine Art Entfremdungsmechanismus. Alles entfernt sich von mir. Es ist eine natürliche Schutzreaktion des Nervensystems. Man kommt sich vor wie in einem Albtraum. Und Lucy geht es ähnlich, denke ich. In den Rückblenden wird deutlich, wie sie im Kopf auf einmal alles durchspielt und scheinbar alltägliche familiäre Momente anders zu sehen beginnt.
Schauen Sie nach diesem Film anders auf Männer oder auch Frauen?
Mir ging es vor allem in der Recherche so. Wenn man sich mit der Größenordnung des Problems auseinandersetzt und mit den Statistiken, dann weiß man, in jeder Schulklasse sitzen durchschnittlich zwei Kinder, die Missbrauchserfahrungen gemacht haben oder gerade machen. Und natürlich ist schon klar, dass nicht alle Männer gleich Täter sind. Aber wir wissen nicht, wer es ist. Ein simples Beispiel: Wenn man eine Tüte Malteser kauft und in einem ist Scheiße drin, wird man allen Maltesern mit Skepsis begegnen. Und je älter man wird als Frau in dieser Welt, desto zweifelnder wird der Blick.
Wie schafft man es, das Vertrauen in die Menschheit trotzdem nicht gänzlich zu verlieren?
Wir können nicht leben, ohne einander zu vertrauen. Wir verlassen uns darauf, dass alles gut geht, wenn wir in ein öffentliches Verkehrsmittel steigen oder im Restaurant essen. In diesem Spannungsfeld findet der Film für mich statt. Was weiß ich alles nicht über jemand anderen? Aber bis zu einem gewissen Grad, muss ich damit leben und muss trotzdem lieben und mich öffnen als Mensch.
Worauf kam es Ihnen bei der Figur von Philipp an?
Mir war es wichtig, die Rolle mit jemandem wie Laurence Rupp zu besetzen, den ich recht gut kenne, und der sehr im Moment ist, sehr warm, sehr unmittelbar, sehr direkt. Auch jemand, der sehr offen umgeht mit allem. Dieser Mann sollte nichts Geheimnisvolles haben, sondern einem eher das Gefühl vermitteln, man könne ihn greifen, man kennt den.
Was ihn noch glaubhafter macht, ist, dass er aus einer Position der Schwäche heraus argumentiert. Zu Beginn erfahren wir, dass er einen Burnout hatte und die Familie deshalb aufs Land gezogen ist.
Ich glaube, dass das Menschen, die etwas so Dunkles verbergen, zu lügen lernen. Für mich ging es nicht in erster Linie darum, dass er einen Pädophilen spielt. Diese Seite von ihm lernen wir ja gar nicht kennen. Wir sehen ihn nur aus ihrer Sicht. Wir sehen einen Lügner, der um sich rudert und immer wieder versucht, die Situation, seine Beziehung und die eigene Haut zu retten. Und unsere Spur in der Arbeit mit Laurence war, ihm immer wieder was zu geben, das er selbst glauben kann.
Zum Beispiel?
Mir fällt spontan die Szene im Garten ein, wo Lucy und Philipp einiges aussprechen. Vor dem Dreh habe ich zu Laurence gesagt: Spiel es so, als hättest du nur die Steuer hinterzogen. Im Sinne von: Ja, ich hab einen Fehler gemacht, aber jetzt kann sie sich auch langsam wieder einkriegen.



