Filmgespräch

Regisseurin Julia Ducournau über ALPHA: „ALPHA ist mein zartester Film, aber auch mein düsterster.“

Patrick Heidmann

Bereits Julia Ducournaus (*1983) erster Kurzfilm JUNIOR (2011) handelte von einem Mädchen, das nach einer Magenverstimmung beginnt, sich zu häuten. Feminismus und Körperhorror zeichnen auch ihren ersten Spielfilm RAW (2016) aus, in dem die junge Studentin Justine von ihrer Schwester in den Kannibalismus eingeführt wird. TITANE, der 2021 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, fusionierte Body-Modification, Auto-Fetisch und eine Schwangerschaft zu einer unbehaglichen Mischung.

Patrick Heidmann: Frau Ducournau, Ihr neuer Film ALPHA handelt von Sucht und von Familie, kann aber zum Beispiel auch als Aids-Allegorie gelesen werden. Mit welchem dieser unterschiedlichen Elemente nahm das Projekt seinen Anfang?

Die Vorstellung von der einen zündenden Idee, die am Anfang eines künstlerischen Werks steht, ist vermutlich ein Klischee. Bei mir läuft das jedenfalls nicht so. Ich verbringe eher Monate damit, über ganz verschiedene Dinge nachzudenken, aus denen sich dann über die Zeit allmählich etwas zusammensetzt und nach und nach ein roter Faden herauskristallisiert. Im Fall von ALPHA waren es sogar Jahre, die es brauchte, bis ich ein echtes Konzept für den Film hatte. Viele Ideen, die nun darin stecken, hatte ich nämlich schon lange vor TITANE. Vor allem den Gedanken, von einer Mutter-Tochter-Beziehung zu erzählen. Aber ich begriff irgendwann, dass ich dafür noch nicht reif war.

Warum nicht?

Es ist eine Sache, sich mit einer Vaterfigur auseinanderzusetzen, wie ich es in TITANE getan habe, aber eine ganz andere, das auch mit der Mutter zu tun. Meine Filme sind alle emanzipatorischer Natur, sie handeln immer davon, sich zu befreien und das wahre Ich zu finden. Aber die Emanzipation vom Vater ist, zumindest in meinen Augen, leichter; da geht es vor allem darum, sich zu lösen von dem Bedürfnis, Bestätigung von jemand anderem zu erfahren. Bei Müttern ist dieser Befreiungsakt ein sehr viel tiefergehender und komplexerer, denn dabei muss man sich letztlich von allem emanzipieren, was einen ausmacht oder wie man psychologisch herangewachsen ist. Es ist, denke ich, kein Zufall, dass die meisten Filmemacher*innen nicht schon zu Beginn ihres Schaffens eine Geschichte erzählen, die sich mit ihrer Mutter beschäftigt. Ich spürte jedenfalls sehr deutlich über einen langen Zeitraum, dass ich noch nicht bereit war dafür. So sehr mich die Thematik auch umtrieb. Nach TITANE ertappte ich mich dann allerdings dabei, dass ich monatelang an einer Geschichte schrieb, die viel zu sehr in meiner Komfortzone lag und deswegen eigentlich langweilig war. Also zwang ich mich irgendwann dazu, mich stattdessen dahin zu begeben, wo es mir eher unbehaglich ist. Und das war ganz eindeutig die künstlerische Abnabelung von der Mutter.

War es Ihnen für ALPHA wichtig, dass es dezidiert um eine Familie mit migrantischen Wurzeln geht?

Die Familie meiner Mutter stammt aus Algerien, und ich glaube, letztlich kann ich in meinen Filmen nicht anders, als irgendwie auch von mir und meiner Familie zu erzählen. Für nichts und niemanden empfinde ich eine tiefere Liebe als für meine Familie – und die Liebe ist bei ALPHA ganz allgemein der springende Punkt. Die Liebe, mit der ich den Film gemacht habe, und die Liebe, um die es darin geht. Die Liebe, die in einer sterbenden Welt für dieses Mädchen die einzige Option ist, voll zum Leben zu erwachen und zu erblühen. Eine Liebe bis zum Wahn, bis zu dem Punkt, an dem man seinen Verstand zu verlieren droht. Alphas Onkel Amin, den Tahar Rahim spielt, erklärt an einer Stelle des Films seiner Nichte, dass die Liebe manche Menschen verrückt werden lässt. Da ist meiner Meinung nach etwas dran, und ich glaube, ich hätte derart intensiven Emotionen nicht erzählen können, wenn ich nicht auch von meiner, sondern nur von irgendeiner Familie erzählt hätte.

Lassen Sie uns noch kurz an dem Punkt verweilen, von dem Sie eben schon kurz gesprochen haben. Von den Schwierigkeiten, nach dem überwältigenden Erfolg von TITANE herauszufinden, was Sie als Nächstes machen wollen. Spürten Sie plötzlich einen Erwartungsdruck?

Nein, so würde ich das nicht ausdrücken. Ich habe versucht, nicht zu viele Gedanken daran zu verschwenden, dass ich die Goldene Palme gewonnen hatte. Das hätte mich gelähmt. Stattdessen habe ich mich gezwungen, sofort mit der Arbeit an neuen Geschichten zu beginnen. Selbst wenn ich, wie es dann ja auch kam, das Geschriebene am Ende wieder in die Tonne schmeißen würde. Ich musste so schnell wie möglich einen Haken unter TITANE setzen, weil ich überzeugt davon bin, dass es das Gesündeste ist, Dinge abzuschließen und nicht zurückzublicken. Anders kann nichts Neues entstehen. Es war also nicht irgendein innerer oder äußerer Druck, der es für mich schwierig machte, einen neuen Weg zu finden, den ich einschlagen wollte. Sondern eher die Angst vor dem Unbekannten. Mit jedem Film gebe ich etwas preis von mir, meistens etwas, von dem ich gar nicht wusste, dass es ein Teil von mir ist. Das ist beim Schreiben oft kathartisch, aber auch sehr erschreckend, denn man entblößt sich letztlich komplett.

Empfinden Sie es in diesem Sinne dann auch als Furcht einflößend, einen Film erstmals der Öffentlichkeit zu zeigen?

Nein, wenn er einmal im Kasten ist, dann habe ich mit der Vorstellung meinen Frieden gemacht, dass andere Menschen ihn sehen. Dann ist eher das Loslassen das Problem. Ich glaube, wenn das Budget nicht endlich wäre und es irgendwann Festival- und andere Deadlines gäbe, würde ich an meinen Filmen ewig weiterarbeiten.

Neben Tahar Rahim und Golshifteh Farahani ist in der Titelrolle die Newcomerin Mélissa Boros zu sehen. Wie schwierig war es, die richtige junge Schauspielerin für diese große Aufgabe zu finden?

Ich sollte vielleicht gleich dazu sagen, dass Mélissa zwar sehr jung aussieht und eine 13-Jährige spielt, aber in Wirklichkeit bei den Dreharbeiten schon 19 Jahre alt war. Mir war es wichtig, diese Rolle nicht mit einer Minderjährigen zu besetzen, einfach weil ich wusste, wie herausfordernd diese Rolle und die Geschichte sein würden. Die emotionale Bandbreite, die ich meiner Hauptdarstellerin abverlangte, war im wahrsten Sinne des Wortes kein Kinderspiel, und ich brauchte jemanden, der zumindest eine gewisse Reife und Stabilität mitbrachte. Denn ALPHA ist zwar einerseits mein bislang zartester und liebevollster Film, aber gleichzeitig auch mein düsterster. Das konnte ich nicht einfach einem Mädchen zumuten.

Gleichzeitig gibt es Szenen, in denen Alpha noch ein Kind ist, in denen Sie mit Ambrine Trigo Ouaked um eine Kinderdarstellerin nicht herumkamen!

In der Tat, und Ambrine, die damals sechs Jahre alt war, war wirklich erschreckend gut und wahnsinnig professionell. Mir stand das durchaus bevor, denn ich hatte noch nie mit einer so jungen Schauspielerin zusammengearbeitet. Und ich wusste, dass ich ihr nicht ohne Weiteres alle Details meiner Geschichte erklären würde können. Wenn sie mich zum Beispiel fragte, warum Tahar als Amin verschorfte Einstichlöcher auf seinen Armen hat, sagte ich ihr, dass das Mückenstiche seien, bei denen er zu doll gekratzt hat. Ich hatte wirklich die Sorge, ich könnte dieses Mädchen traumatisieren. Auch weil sie in so vielen Szenen weinen musste, was ich als Regisseurin bislang auch noch nicht verantwortet hatte. Aber ich engagierte zwei Kinderpsycholog*innen, die nicht nur emotional alles auffangen konnten, sondern zum Beispiel auch Atemübungen mit ihr machten, die dabei halfen, dass die Tränen fließen konnten.

Sieht man sich Rahims krasse körperliche Veränderung an, ahnt man, dass die Arbeit am Film auch für die anderen Schauspieler*innen nicht unbedingt immer leicht gewesen sein kann, oder?

Nein, die Arbeit war wirklich für alle emotional, psychisch und physisch sehr aufreibend, für das Ensemble genauso wie für mich. Mir war es wichtig, dass wir von Anfang an so etwas wie Familienbande zwischen uns knüpften, also habe ich sehr viel Persönliches mit den Schauspieler*innen geteilt. In langen, ganz offenen Gesprächen habe ich von mir und meiner Kindheit erzählt, von meinen Traumata und den Dingen, die ich geliebt habe. Wir etablierten enormes Vertrauen zueinander und jeder fand seinen ganz eigenen Zugang zu den Gefühlen, um die es in dieser Geschichte geht. Das machte die Arbeit letztlich leichter. Was nicht heißt, dass nicht häufig auch die Tränen bei irgendwem flossen, wenn die Kamera mal nicht lief.

Dass ALPHA im Handlungsstrang um den drogensüchtigen Onkel auch von AIDS handelt, haben wir schon erwähnt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit der AIDS-Epidemie der 1980er Jahre?

Das Thema ist für mich als Kind jener Zeit hochemotional besetzt. Und ich verfolge mit Spannung, dass es und die entsprechende Zeit in den letzten paar Jahren zumindest in der französischen Kultur sehr präsent waren. 40 Jahre später scheinen Regisseurinnen, Theatermacherinnen und Schriftsteller*innen genau wie ich zu realisieren, dass es dazu noch einiges zu sagen gibt.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Es kann gut sein, dass die COVID-Pandemie da etwas ausgelöst hat. Wobei die Unterschiede natürlich groß sind, schließlich wurde damals einem Teil der Gesellschaft die Schuld zugeschoben. Die Art und Weise, wie damals mit der schwulen Community umgegangen wurde, der immer wieder von der religiösen Warte aus eingebläut wurde, sie hätten es nicht anders verdient, als krank zu werden und in Schande zu sterben, erschüttert mich bis heute. Und ich würde behaupten, dass wir als Gesellschaft das nie wirklich aufgearbeitet, geschweige denn irgendwie wieder gutgemacht haben. Das ist nach 40 Jahren überfällig.

Patrick Heidmann

Relevante Filme

Alpha (2025)

Ein Virus lässt Menschen allmählich versteinern, bis sie im Tod zu silbrigen Marmorskulpturen erstarrt sind.

Läuft ab Donnerstag

Neueste Beiträge