Filmgespräch

Regisseurin Mona Fastvold und Hauptdarstellerin Amanda Seyfried über THE TESTAMENT OF ANN LEE: "Auch so fürsorglich kann man eine Gemeinschaft anführen."

Patrick Heidmann

Seit 2015 arbeitet die norwegische Regisseurin Mona Fastvold bei den meisten ihrer Projekte mit ihrem Partner Brady Corbet in einer Art künstlerischer Symbiose zusammen. Gemeinsam verfassten sie die Drehbücher zu THE CHILDHOOD OF A LEADER (2015), VOX LUX (2018) und THE BRUTALIST (2024), für den sie Oscar-nominiert waren. Corbet schrieb auch am Drehbuch von THE TESTAMENT OF ANN LEE mit. In der Hauptrolle der Sektenführerin gibt Amanda Seyfried (GIRLS CLUB, MAMMA MIA!, LES MISÉRABLES, THE HOUSEMAID) eine der besten Performances ihrer Karriere.

Patrick Heidmann: Ms. Fastvold, Ihr Film THE TESTAMENT OF ANN LEE erzählt die Geschichte der Gründerin der Shaker-Bewegung. Wie kamen Sie auf diese Glaubensgemeinschaft und Ann Lee als Protagonistin?

Mona Fastvold: Wirklich in Berührung mit den Shakern kam ich durch die Musik, im Rahmen meiner Recherche für meinen vorangegangenen Film THE WORLD TO COME. Ich war damals auf der Suche nach einem Choral, den ich verwenden könnte. So stieß ich auf dieses wundervolle Lied namens „Pretty Mother’s Home“. Geschrieben worden war es von Patsy Roberts Williamson, einer ehemaligen Sklavin, die in den Jahren nach Ann Lee zu einer prominenten Führerin in der Shaker-Bewegung aufstieg. Dass es da eine Sekte gab, in der im frühen 19. Jahrhundert eine Schwarze Frau zu einer Anführerin werden konnte, faszinierte mich enorm. Ich wollte mehr darüber wissen, also fing ich an, über die Shaker zu lesen, und stieß so auch auf Ann Lee. Dass noch niemand deren Geschichte erzählt hatte, konnte ich kaum glauben.

Was genau fanden Sie denn an Lee so kinotauglich?

Fastvold: Mir ging es vor allem darum, dass da – zumal zu jener Zeit – eine Frau war, der es darum ging, etwas eigentlich Unmögliches zu schaffen. Nämlich einen Safe Space, in dem nicht nur sie selbst sich ausleben und ihrem Schaffen nachgehen konnte, sondern auch alle anderen, mit absoluter Gleichberechtigung der Geschlechter und für Menschen aller Hautfarben. Sie hatte eine Utopie im Sinn, und das nicht, um sich selbst daran zu bereichern, sondern um in Sicherheit und Frieden leben zu können. Diese Ambition, aber auch dieses Führen mit Weiblichkeit, mit Fürsorge und anderen gemeinhin als mütterlich beschriebenen Qualitäten, das nicht nur einen selbst, sondern eben auch andere in den Blick nimmt – das fand ich einen Film wert.

Das Religiöse stand also nicht im Fokus?

Fastvold: Nein, Ann Lees Glaube war für mich nicht das Entscheidende an ihrer Geschichte. Ich bin selbst nicht religiös aufgewachsen und hatte nicht vor, einen Werbefilm für die Shaker-Bewegung zu drehen. Diese Religion ist alles andere als perfekt und eher ziemlich widersprüchlich, angefangen mit der Tatsache, dass sie zölibatär lebten. Trotzdem lässt sich in Ann Lees Ideen aber auch einiges finden, wovon man sich inspirieren lassen kann.

Was war es denn, das Sie an dieser Frau besonders ansprach, Ms. Seyfried?

Amanda Seyfried: Ich würde sagen, dass ich den Gemeinschaftssinn der Shaker besonders inspirierend fand. Wenn ich mir heutzutage unsere Gesellschaft ansehe und mich frage, wie wir eigentlich alle den Verstand verloren haben, dann denke ich oft, dass der Hauptgrund unsere Vereinzelung und ein fehlendes Gefühl von Zusammenhalt ist. Davon abgesehen erkannte ich sofort, welche Herausforderung Ann Lee und ihre Geschichte darstellten – und aus künstlerischer Sicht suche ich natürlich immer nach Dingen, die mich auf die Probe stellen. Mit Mona hatte ich schon bei den Serien „The Crowded Room“ und „Long Bright River“ zusammengearbeitet, und zu sehen, was sie sich nun mit THE TESTAMENT OF ANN LEE vorgenommen hatte, wirkte auf mich unwiderstehlich. Ich suche mir sehr genau aus, welchen Projekten ich die Zeit widme, die ich sonst zu Hause mit meiner Familie verbringen könnte, und ich überlege mir zweimal, welchen Rollen ich mich mit Haut und Haar verschreibe, weil jede schauspielerische Herausforderung mich immer auch emotional mitnimmt. Aber hier musste ich wirklich nicht lange nachdenken.

Bleiben wir noch kurz bei Ann Lee als Person. War sie als Frau, die aus ihrem eigenen Trauma heraus eine Glaubenslehre entwickelte, die wiederum für tausende andere Erlösung bedeutete, ihrer Zeit voraus?

Fastvold: Dass es in vielen Religionen bis heute keine Frauen in leitenden Positionen gibt, spricht eigentlich für sich. Vor Ann Lee hatten damals viele Menschen Angst, und ich denke, das wäre heute nicht unbedingt anders. Die Gleichheit für alle, um die sich diese Frau bemühte, war und ist in den Augen vieler nun einmal etwas Radikales. Und wenn es dann auch noch darum geht, das in seinen Ursprüngen sehr patriarchal-hierarchisch gestaltete Konzept der Ehe abzuschaffen und noch dazu den Sex aus der Gleichung zu nehmen, werden nicht zuletzt viele Männer natürlich ausgesprochen wütend. Die Anfeindungen, denen sie ausgesetzt war, waren in der Realität noch sehr viel brutaler als alles, was wir im Film zeigen.

Seyfried: Was Ann Lee auszeichnete, war ein kompletter Mangel an Ego, und das in einer Welt, die von Ego regiert wird. Wer an der Macht ist und das auch bleiben möchte, tut natürlich alles dafür, den Status Quo aufrechtzuerhalten. Dass also jemand, der wie Ann Lee eine ganz neue Gesellschaft errichten und andere Menschen inspirieren möchte, als Bedrohung wahrgenommen wird, versteht sich fast von selbst. Dass Ann und die Shaker dann bei ihren Schütteltänzen obendrein ständig ekstatisch gezittert und sich geschüttelt haben, wirkte dann noch einmal auf ganz andere Weise unheimlich und bedrohlich.

Mal abgesehen von den Tänzen, auf die wir gleich noch einmal zurückkommen: Fiel es Ihnen leicht, sich in diese Frau hineinzuversetzen?

Seyfried: Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um in diese Rolle hineinzufinden. Gar nicht so sehr, was ihren Glauben angeht, und auch das erlittene Trauma etwa mit Blick auf den Verlust ihrer Kinder war nicht die größte Herausforderung. Vor allem tat ich mich schwer damit, diesen Führungswillen und diese absolute Hingabe für ihre Überzeugung nachzuvollziehen. Wohl auch, weil ich selbst eher jemand bin, der folgt, als anführt.

Fastvold: Du sagst das so salopp, aber ich würde da widersprechen. Sicherlich bin ich als Regisseurin Ann ähnlicher als du, was die Art des Anführens angeht. Aber das heißt nicht, dass du das nicht auch kannst. Nur eben auf deine eigene Art.

Wie meinen Sie das, Ms. Fastvold?

Fastvold: Als Regisseurin ist man bei einem Film nicht die einzige Führungsperson. Auch die Person, die die Hauptrolle spielt, hat eine leitende Funktion. Ob willentlich oder nicht, gibt sie ein Beispiel vor, dem andere am Set folgen; sie bestimmt ganz entscheidend den Ton und die Stimmung eines Drehs. Im Guten wie im Schlechten. Amanda ist diesbezüglich jemand, der diese Rolle ganz selbstverständlich und mit viel Güte ausfüllt. Sie kennt von allen die Namen, ist immer offen und aufmerksam, und jeder kann allzeit mit welchen Bedürfnissen auch immer zu ihr kommen. Schon allein, weil sie in ihrer Tasche von Süßigkeiten über Nadel und Faden bis hin zu Kaugummi oder Kopfschmerztabletten alles dabeihat. Auch so fürsorglich kann man eine Gemeinschaft anführen.

Seyfried: Ich weiß nur gar nicht, ob ich sagen würde, dass ich mich bewusst so verhalte, weil ich eine Anführerin sein will. Mein Antrieb ist eher der, dass ich am besten arbeiten kann, wenn es allen gut geht und niemand angespannt ist. Konflikte sind nicht, was mich beflügelt.

Fastvold: Eben! Du kreierst einen Safe Space. Und zwar nicht nur für dich, sondern für alle um dich herum. Im Grunde ist das nicht weit entfernt von dem, was Ann Lee gemacht hat.

Sowohl der Choralgesang als auch die Schütteltänze wurden schon kurz erwähnt. Beides spielte für die Shaker eine wichtige Rolle, aber daraus die Idee zu entwickeln, THE TESTAMENT OF ANN LEE quasi als Musical aufzuziehen, lag trotzdem nicht nahe, oder?

Fastvold: Na ja, der Film ist so sehr ein Musical, wie er ein Biopic ist. Also im Grunde nicht wirklich oder zumindest absolut nicht im konventionellen Sinne. Aber die Musik und die Bewegung gehörten nun einmal untrennbar zu den Ritualen und Gebeten der Shaker, deswegen war es mir wichtig, diesen Aspekt auch grundlegend in den Film zu integrieren. Zusammen mit der Choreografin Celia Rowlson Hall und dem Komponisten Daniel Blumberg habe ich versucht, dem Film eine eigene physische und stimmliche Sprache zu verpassen. Dabei ging es natürlich nicht darum, coole Songs und Tanznummern zu präsentieren, sondern darum, den Schmerz dieser Menschen einzufangen und ihren Versuch, ihn aus ihren Körpern zu entlassen, indem sie einen Teil der Kraft Gottes empfangen, in sich aufnehmen und an andere weitergeben.

Seyfried: Aller Musical-Erfahrung zum Trotz bin ich niemand, der gerne tanzt. Vor allem keine komplizierten Choreografien. Aber ich liebe es, mich zu bewegen. Deswegen fand ich das Ekstatische und das Urwüchsige an den musikalischen Szenen in THE TESTAMENT OF ANN LEE letztlich viel nachvollziehbarer und natürlicher als etwa die Arbeit an MAMMA MIA! oder LE MISERABLES. Auch hier mussten wir Aufwärm- und Gesangsübungen machen und es gab Phasen, in denen wir im Tonstudio waren, um die Gesangsparts gesondert aufzunehmen. Doch ansonsten fühlte sich die Arbeit an den Choreografien, mit 150 schwitzenden Statist*innen, oft an wie ein Musical-Ferienlager oder Improvisationskurse zu Schulzeiten.

Wie viel in dieser Geschichte – von den Schütteltänzen bis hin zu Details in Ann Lees Biografie – ist eigentlich historisch verbrieft?

Fastvold: Ich habe hin und wieder schon den Begriff „spekulative Nacherzählung“ verwendet, um den Film zu beschreiben. Denn natürlich habe ich mir künstlerische Freiheiten genommen und musste auch so manche historische Lücke füllen. Zu manchen Ereignissen lassen sich Aufzeichnungen der Shaker finden, ebenso zu ihren Erinnerungen an ihre Eltern oder ihrem Verhältnis zum Thema Sexualität. Aber Ann selbst hat nie wirklich ein Manifest verfasst oder gar ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben. Und selbst wenn, würde die ja nur ihre eigene, ganz subjektive Wahrnehmung umfassen. Für einen Film braucht es immer jemanden, der all so etwas dann noch künstlerisch interpretiert.

Seyfried: Auch von den Tänzen gibt es natürlich bestenfalls Zeichnungen, und von den Gesängen nur über die Jahrhunderte weitergereichte Überlieferungen. Uns blieb also nichts anderes übrig, als eigene Versionen dieser Momente zu erschaffen. Aber wir Schauspieler*innen setzten ja ohnehin nie auf punktgenaue Imitation, sondern machen uns jede Figur, real oder nicht, auf individuelle Weise zu Eigen.

Fastvold: Nichtsdestotrotz steckt enorm viel Recherche auch in kleinen Details, das soll nicht unerwähnt bleiben. Unser Dialekt-Coach Tanner hat beispielsweise die Archive durchforstet, um möglichst genau zu rekonstruieren, wie wohl Arbeiterinnen in einer Spinnerei im Manchester des 18. Jahrhunderts geklungen haben mögen. Der Sprachduktus, der nun im Film zu hören ist, ist also kein Zufall, sondern hat Hand und Fuß.

Patrick Heidmann

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