Patrick Heidmann: Frau Ducournau, Ihr neuer Film ALPHA handelt von Sucht und von Familie, kann aber zum Beispiel auch als Aids-Allegorie gelesen werden. Mit welchem dieser unterschiedlichen Elemente nahm das Projekt seinen Anfang?
Die Vorstellung von der einen zündenden Idee, die am Anfang eines künstlerischen Werks steht, ist vermutlich ein Klischee. Bei mir läuft das jedenfalls nicht so. Ich verbringe eher Monate damit, über ganz verschiedene Dinge nachzudenken, aus denen sich dann über die Zeit allmählich etwas zusammensetzt und nach und nach ein roter Faden herauskristallisiert. Im Fall von ALPHA waren es sogar Jahre, die es brauchte, bis ich ein echtes Konzept für den Film hatte. Viele Ideen, die nun darin stecken, hatte ich nämlich schon lange vor TITANE. Vor allem den Gedanken, von einer Mutter-Tochter-Beziehung zu erzählen. Aber ich begriff irgendwann, dass ich dafür noch nicht reif war.
Warum nicht?
Es ist eine Sache, sich mit einer Vaterfigur auseinanderzusetzen, wie ich es in TITANE getan habe, aber eine ganz andere, das auch mit der Mutter zu tun. Meine Filme sind alle emanzipatorischer Natur, sie handeln immer davon, sich zu befreien und das wahre Ich zu finden. Aber die Emanzipation vom Vater ist, zumindest in meinen Augen, leichter; da geht es vor allem darum, sich zu lösen von dem Bedürfnis, Bestätigung von jemand anderem zu erfahren. Bei Müttern ist dieser Befreiungsakt ein sehr viel tiefergehender und komplexerer, denn dabei muss man sich letztlich von allem emanzipieren, was einen ausmacht oder wie man psychologisch herangewachsen ist. Es ist, denke ich, kein Zufall, dass die meisten Filmemacher*innen nicht schon zu Beginn ihres Schaffens eine Geschichte erzählen, die sich mit ihrer Mutter beschäftigt. Ich spürte jedenfalls sehr deutlich über einen langen Zeitraum, dass ich noch nicht bereit war dafür. So sehr mich die Thematik auch umtrieb. Nach TITANE ertappte ich mich dann allerdings dabei, dass ich monatelang an einer Geschichte schrieb, die viel zu sehr in meiner Komfortzone lag und deswegen eigentlich langweilig war. Also zwang ich mich irgendwann dazu, mich stattdessen dahin zu begeben, wo es mir eher unbehaglich ist. Und das war ganz eindeutig die künstlerische Abnabelung von der Mutter.
War es Ihnen für ALPHA wichtig, dass es dezidiert um eine Familie mit migrantischen Wurzeln geht?
Die Familie meiner Mutter stammt aus Algerien, und ich glaube, letztlich kann ich in meinen Filmen nicht anders, als irgendwie auch von mir und meiner Familie zu erzählen. Für nichts und niemanden empfinde ich eine tiefere Liebe als für meine Familie – und die Liebe ist bei ALPHA ganz allgemein der springende Punkt. Die Liebe, mit der ich den Film gemacht habe, und die Liebe, um die es darin geht. Die Liebe, die in einer sterbenden Welt für dieses Mädchen die einzige Option ist, voll zum Leben zu erwachen und zu erblühen. Eine Liebe bis zum Wahn, bis zu dem Punkt, an dem man seinen Verstand zu verlieren droht. Alphas Onkel Amin, den Tahar Rahim spielt, erklärt an einer Stelle des Films seiner Nichte, dass die Liebe manche Menschen verrückt werden lässt. Da ist meiner Meinung nach etwas dran, und ich glaube, ich hätte derart intensiven Emotionen nicht erzählen können, wenn ich nicht auch von meiner, sondern nur von irgendeiner Familie erzählt hätte.
Lassen Sie uns noch kurz an dem Punkt verweilen, von dem Sie eben schon kurz gesprochen haben. Von den Schwierigkeiten, nach dem überwältigenden Erfolg von TITANE herauszufinden, was Sie als Nächstes machen wollen. Spürten Sie plötzlich einen Erwartungsdruck?
Nein, so würde ich das nicht ausdrücken. Ich habe versucht, nicht zu viele Gedanken daran zu verschwenden, dass ich die Goldene Palme gewonnen hatte. Das hätte mich gelähmt. Stattdessen habe ich mich gezwungen, sofort mit der Arbeit an neuen Geschichten zu beginnen. Selbst wenn ich, wie es dann ja auch kam, das Geschriebene am Ende wieder in die Tonne schmeißen würde. Ich musste so schnell wie möglich einen Haken unter TITANE setzen, weil ich überzeugt davon bin, dass es das Gesündeste ist, Dinge abzuschließen und nicht zurückzublicken. Anders kann nichts Neues entstehen. Es war also nicht irgendein innerer oder äußerer Druck, der es für mich schwierig machte, einen neuen Weg zu finden, den ich einschlagen wollte. Sondern eher die Angst vor dem Unbekannten. Mit jedem Film gebe ich etwas preis von mir, meistens etwas, von dem ich gar nicht wusste, dass es ein Teil von mir ist. Das ist beim Schreiben oft kathartisch, aber auch sehr erschreckend, denn man entblößt sich letztlich komplett.
Empfinden Sie es in diesem Sinne dann auch als Furcht einflößend, einen Film erstmals der Öffentlichkeit zu zeigen?
Nein, wenn er einmal im Kasten ist, dann habe ich mit der Vorstellung meinen Frieden gemacht, dass andere Menschen ihn sehen. Dann ist eher das Loslassen das Problem. Ich glaube, wenn das Budget nicht endlich wäre und es irgendwann Festival- und andere Deadlines gäbe, würde ich an meinen Filmen ewig weiterarbeiten.


