Filmgespräch

Valeska Grisebach über DAS GETRÄUMTE ABENTEUER: "In Bulgarien ist Europa manchmal sehr weit weg und gleichzeitig sehr nah."

Regisseurin und Drehbuchautorin Valeska Grisebach begab sich schon mit ihrem Film WESTERN (2017) in die Grenzregionen Bulgariens. Für ihren neuen Film DAS GETRÄUMTE ABENTEUER kehrte sie zurück und wurde dafür zum zweiten Mal zu den Filmfestspielen Cannes eingeladen.

Pamela Jahn: Frau Grisebach, wo befindet sich Ihr Sehnsuchtsort?

Valeska Grisebach: Es gibt mehr als einen und es verändert sich ständig. Bulgarien gehört sicherlich dazu, allein aufgrund der Freundschaften und Beziehungen, die ich dort geknüpft habe. Es gibt aber auch Orte in Brandenburg, zu denen es mich immer wieder zieht. Aktuell freue ich mich, nach Griechenland zu fahren. Auf Lesbos gibt es ein seit Generationen familiengeführtes, gar nicht luxuriöses, aber wunderschönes Hotel, in das ich seit Jahren mit Freunden und Kindern fahre.

Bereits Ihr letzter Film WESTERN spielte in einer Grenzregion in Bulgarien. Was fasziniert Sie speziell an diesen Orten?

Mich interessiert die Grenze als Projektionsfläche, Abenteuerraum, den wir aus Literatur und Filmen kennen, und gleichzeitig als konkreter, zeitgenössischer Ort, an dem Transfer und Geschäfte passieren. Auch mit der Realität des Schmuggelns oder dem Geschäft mit Flüchtlingen verbunden. Ich sehe darin ein sehr ambivalentes Motiv, das einerseits die Sehnsucht, Grenzen zu überschreiten, in sich trägt, aber gleichzeitig auch viel mit Ab- und Ausgrenzung zu tun hat.

Was ist das Besondere an Svilengrad?

Es ist der größte Grenzübergang Europas, der zweitgrößte weltweit. Alles, was aus dem Nahen Osten in der Türkei kommt, wird dort ein- und ausgeführt, und umgekehrt. Es ist also eine enorm wichtige Verkehrsroute, die ehemalige Seidenstraße. Wegen der sehr interessanten Frauen, die wir dort getroffen haben, sind wir immer wieder dort hingekommen und dann dort hängen geblieben. Es war auf einmal klar, dass dieser vielschichtige Ort, die Bühne für die Geschichte sein muss. Man kann das nicht immer planen – es passiert aus der Logik der Recherche heraus. Eigentlich war es so: Der Ort hat für uns entschieden, wo wir drehen.

Was bedeutet Svilengrad für Veska, die Protagonistin in Ihrem Film?

Es ist ihr altes Zuhause, dort ist sie aufgewachsen, hat die Wende erlebt, mit all den Versprechen von Freiheit und Demokratie – und Kapitalismus. Die Menschen haben uns immer wieder gesagt: Jeder hat damals davon geträumt, Millionär zu werden. Die Realität sah natürlich ganz anders aus. Viele gingen weg, Veska auch. Und nun kehrt sie nach Jahren zurück und fragt sich: Wie wäre es, wenn ich hier wieder leben würde?

Sie haben nach dem Mauerfall begonnen, Osteuropa zu erkunden. Wie kam es dazu?

Es hat mit der Idee zu WESTERN angefangen. Es hat mich beschäftigt, fast schockiert, wie wenig ich von Europa kenne, wenn ich von Europa spreche. Und ich will nicht sagen, dass jeder ganz Europa bereisen muss, aber mir hat es etwas die Augen geöffnet. Dadurch wurde mir erst wirklich bewusst, wie durch das Aufwachsen in West-Berlin meine Reiserichtung immer eher eine andere war. Es klingt zwar wie ein Klischee, aber für mich war es ein echtes Aha-Erlebnis zu begreifen, dass Europa für die Bulgaren etwas völlig anderes bedeutet als für uns. Auch deshalb wollte ich dorthin zurückkehren und noch einen Film machen, in dem es um gemeinsame, aber auch unterschiedliche Erfahrungen seit der Wende 1989 geht, eine Kollaboration.

**Wie schaut man in Bulgarien auf Europa? **

In Bulgarien ist Europa manchmal sehr weit weg und gleichzeitig sehr nah. Ich habe das Gefühl, dass der Osten mehr auf den Westen schaut als umgekehrt. Die Leute dort wissen viel über Westeuropa – auch wenn es manchmal nur eine Fantasie ist –, aber es trägt dazu bei, dass sich die Menschen insbesondere auf dem Land zunehmend abgeschnitten fühlen. Sie sagen: „Okay, wir gehen nach Europa.“ - als sei das ein anderer Kontinent. In jeder Familie studiert oder arbeitet jemand außerhalb Bulgariens. Es hat eine gewisse Tradition, ins Ausland zu gehen, aber natürlich ist es auch sehr schmerzhaft, dass die Menschen das Gefühl haben, all die Leute, die etwas bewirken könnten, verlassen ihre Heimat.

Veska ist Archäologin, die für ein Ausgrabungsprojekt in die Region zurückkommt. Aber wonach sucht sie wirklich?

Das kann ich selbst nicht genau sagen. Es ist schön, wenn das jeder Zuschauer, jede Zuschauerin für sich selbst versteht. Wir wissen nur einen Bruchteil von dem, was sie zuvor erlebt hat. Und es ist eher ein Gefühl, eine Stimmung, zu der sie im Film zurückkehrt und vielleicht ist sie selbst überrascht, wie sehr sie mit Machtverhältnissen konfrontiert wird, Erlebnissen und Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit. Dinge, die sie nicht mehr einfach so stehenlassen kann. In der Begegnung mit Said liegt ein Versprechen von Nähe oder einer Liebesgeschichte, aber wahrscheinlich sehnt sie sich in erster Linie danach, authentisch zu leben, ohne Kompromisse machen zu müssen.

Sie ist eine sehr selbstbestimmte Frau, die den Konflikt nicht scheut, aber die Eskalation meidet. Auch in ihrem Film bleibt trotz der diversen Gefahren und Risiken, denen sie begegnet, das große Drama aus.

Eine interessante Beobachtung, das hat uns beim Schreiben der Geschichte sehr beschäftigt. Denn bei einem Konflikt schreit natürlich alles danach, dass die Handlung auf eine Konfrontation, ein Duell hinausläuft. Die Herausforderung bestand darin, eine Erzählung von Macht und Abhängigkeit, von Stärke und Schwäche, von oben und unten aufzubauen, ohne ständig dem dramaturgischen Druck eines Duells nachzugeben. Die Figur von Veska ist in komplexen Machtverhältnisse aufgewachsen, sie kennt die Leute, die Macht für sich beanspruchen. Wenn sie wieder dort hineingezogen wird, hat sie andere Strategien. Sie beobachtet, trifft von dort ihre Entscheidungen. Sie steht für ein anderes Prinzip, jenseits dieser trennenden Erzählungen von Stärke und Schwäche.

Im Laufe des Films bekommt sie es mit der lokalen Mafia zu tun. Ist das Syndikat in Bulgarien gefährlicher als in Italien?

Da fragen Sie die falsche. Ich bin keine Spezialistin für die Mafia. Ich glaube, jede Mafia behauptet von sich, die härteste zu sein. Ein geflügeltes Wort, das es auch in Russland gibt, lautet: Woanders hat ein Land eine Mafia; hier hat die Mafia ein Land. Damit verwoben sind unzählige Legenden und Mythen. Auch in Bulgarien gab es Mafia-Bosse, von denen heute viele nicht mehr leben, aber die wie Popstars in der Kultur und Geschichte des Landes verankert sind. Und natürlich sind andere dieser Männer jetzt Geschäftsmänner, die nicht mehr so offen agieren. Vor allem in den 1990er Jahren gab es unterschiedliche Banden und Gruppierungen, die jedes Kind kennt. Noch 2007, kurz vor dem Beitritt Bulgariens in die EU, wurden viele Menschen durch Attentate ermordet. Der „wilde Westen“ war damals sehr real.

Haben Sie die Gefahren der Mafia selbst zu spüren bekommen?

Nein, nur insofern, als bestimmte Personen nicht mit uns sprechen wollten. Man braucht immer Leute, die einen weiterreichen, oder andere, die einem Türen öffnen. Wenn man solche Kontakte hat, ist man relativ geschützt, aber trotzdem wollen nicht alle reden.

Und sich wahrscheinlich schon gar nicht filmen lassen?

Nach fünf Jahren hatten wir ein gewisses Vertrauen aufgebaut. Im Nachhinein haben die Leute gescherzt, dass sie erst dachten, wir seien Agentinnen. Drei Frauen, die immer wieder in die Region kamen, die Fragen stellten und sich für alles interessierten, das war ihnen erst mal suspekt. Am Ende sind auf diese Weise die schönsten Beziehungen und Freundschaften entstanden.

Worauf kommt es an, wenn es darum geht, Vertrauen zu den Menschen aufzubauen?

Ich glaube, es hat mit Zeit zu tun, wiederzukommen. Schon beim zweiten Treffen fühlt sich ein Kontakt ganz anders an. Ich glaube, die Leute haben unser Interesse gespürt und waren wiederum auf uns neugierig, und schon ist man in Beziehung getreten.

Sehen Sie persönlich einen Zusammenhang zwischen dem Vorgängerfilm WESTERN und DAS GETRÄUMTE ABENTEUER, eine Art filmische Entwicklung vielleicht?

Der eine Film hat mich zum anderen geführt. Es gab Fragestellungen, die sich aus WESTERN ergeben haben, wie z.B. das Verhältnis einer Frauenfigur zu einem eher männlichen Genre. Sie waren ein Ausgangspunkt für DAS GETRÄUMTE ABENTEUER. Und ich finde es schön, dass daraus Zusammenarbeiten wie mit Syuleyman Alilov Letifov entstanden sind.

Gibt es etwas, dass Sie diesmal anders machen wollten?

Ich weiß noch, dass ich bei WESTERN irgendwann vorm Einschlafen im Bett lag und dachte: Wir haben für meine Verhältnisse ein echt großes Ensemble, ich spreche die Sprache nicht, ich kann das alles gar nicht richtig steuern. Aber wir müssen springen. Wir machen das jetzt! Der Situation und dem Moment zu vertrauen, das war für mich eine sehr positive Erfahrung. Auch zu erkennen, dass viele Dinge manchmal kurzfristig und spontan entstehen können. Heute empfinde ich das als einen unheimlich lustvollen und kreativen Prozess beim Filmemachen, dass man nicht immer alles schon Wochen vorher geplant haben muss.

Schauen Sie heute anders auf Europa und vielleicht auch auf Deutschland, seit Sie die Menschen in den östlichen Regionen so lange begleitet haben?

Jede Form der Begegnung, der Versuch, andere zu verstehen, ist immer lehrreich. Europa hat sehr viele unterschiedliche Gesichter. Und da gibt es natürlich auch Kräfteverhältnisse. Es gibt einen klaren Rechtsruck in der Gesellschaft, dagegen muss man angehen. Wie kann man aktiver sein, ist eine Frage, die ich mir immer wieder stelle. Man müsste viel mehr Aktionismus an den Tag legen. Dass wir erneut an so einen Punkt gelangen, hätte ich vor zehn oder 15 Jahren nie gedacht. Dazu gehört auch die Verwahrlosung der Sprache. Das finde ich sehr beunruhigend.

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