Pamela Jahn: Frau Ilić, zu Beginn Ihres Films fragen Sie Ihren Vater, ob Sie ihn als Verbrecher bezeichnen sollen, wenn Sie auf seinen Beruf angesprochen werden. Wie würden Sie die Frage heute beantworten?
Jelena Ilić: Ich würde sagen, dass er Künstler im Ruhestand ist, wobei das auch nicht stimmt, weil er eigentlich immer noch malt. Künstler im Herzen und im kleinen Zimmerchen, vielleicht.
Haben Sie ihn früher wirklich als Verbrecher gesehen?
Ich habe ihn nur wenig gesehen. Also, ja und nein. Mal so, mal so.
Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre besondere Vater-Tochter-Beziehung filmisch zu begleiten?
Das Material war zuerst da. Am Anfang des Films sieht man, wie ich die verwüstete Wohnung meines Vaters durchforste, um die Sachen rauszuholen, die ihm und mir wichtig waren, und um seine Bilder zu retten. Ich hatte nur eine Woche Zeit bis zur Zwangsräumung und merkte plötzlich, dass ich mit der Situation völlig überfordert war und mich das Ganze irgendwie zu erschlagen drohte. Ich brauchte etwas zwischen mir und der Realität. Deshalb habe ich die Kamera mitgenommen und war im Nachhinein sehr dankbar dafür, dass sie meinen Blick nochmal anders gelenkt hat.
Worauf genau?
Durch die Aufnahmen auf der Speicherkarte hatte ich die Möglichkeit, mir alles zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anzuschauen, in dem ich mich nicht in einer akuten Schockstarre befand. Das hat mir enorm gutgetan. So ist ein Archiv entstanden. Und mit dieser Sammlung wuchs schließlich das Bedürfnis in mir, unsere Geschichte zu erzählen, weil mich diese persönliche Erfahrung so sehr eingenommen hat und ich es auch irgendwo leid war, damit allein rumzulaufen. Ich wollte dieses Gewicht von der Brust haben und den Mund aufmachen.
Wie haben die Selbstporträts Ihres Vaters, die Sie in der Wohnung gefunden haben, im ersten Moment auf Sie gewirkt?
Ich hab schon als Kind neben Bildern von Skeletten und Dämonen mein Schokomüsli gegessen, da macht ein Bild von meinem Vater mit Leberwurst und Plastikgebiss im Gesicht nicht mehr viel mit mir.



