Filmgespräch

Regisseurin Jelena Ilić über EINE KRANKHEIT IST WIE EIN GEDICHT: „Der Film ist genauso chaotisch und wild wie die Geschichte selbst.“

Jelena Ilić studierte bis 2021 an der Kunsthochschule für Medien Köln. Ihr Kurzfilm EUPHRAT lief auf internationalen Festivals. Ihr Dokumentarfilm EINE KRANKHEIT WIE EIN GEDICHT erhielt zahlreiche Festivalpreise, darunter Publikumspreise beim Max-Ophüls-Preis und beim Internationalen Frauen Film Fest Dortmund+Köln.

Pamela Jahn: Frau Ilić, zu Beginn Ihres Films fragen Sie Ihren Vater, ob Sie ihn als Verbrecher bezeichnen sollen, wenn Sie auf seinen Beruf angesprochen werden. Wie würden Sie die Frage heute beantworten?

Jelena Ilić: Ich würde sagen, dass er Künstler im Ruhestand ist, wobei das auch nicht stimmt, weil er eigentlich immer noch malt. Künstler im Herzen und im kleinen Zimmerchen, vielleicht.

Haben Sie ihn früher wirklich als Verbrecher gesehen?

Ich habe ihn nur wenig gesehen. Also, ja und nein. Mal so, mal so.

Wie und wann sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre besondere Vater-Tochter-Beziehung filmisch zu begleiten?

Das Material war zuerst da. Am Anfang des Films sieht man, wie ich die verwüstete Wohnung meines Vaters durchforste, um die Sachen rauszuholen, die ihm und mir wichtig waren, und um seine Bilder zu retten. Ich hatte nur eine Woche Zeit bis zur Zwangsräumung und merkte plötzlich, dass ich mit der Situation völlig überfordert war und mich das Ganze irgendwie zu erschlagen drohte. Ich brauchte etwas zwischen mir und der Realität. Deshalb habe ich die Kamera mitgenommen und war im Nachhinein sehr dankbar dafür, dass sie meinen Blick nochmal anders gelenkt hat.

Worauf genau?

Durch die Aufnahmen auf der Speicherkarte hatte ich die Möglichkeit, mir alles zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anzuschauen, in dem ich mich nicht in einer akuten Schockstarre befand. Das hat mir enorm gutgetan. So ist ein Archiv entstanden. Und mit dieser Sammlung wuchs schließlich das Bedürfnis in mir, unsere Geschichte zu erzählen, weil mich diese persönliche Erfahrung so sehr eingenommen hat und ich es auch irgendwo leid war, damit allein rumzulaufen. Ich wollte dieses Gewicht von der Brust haben und den Mund aufmachen.

Wie haben die Selbstporträts Ihres Vaters, die Sie in der Wohnung gefunden haben, im ersten Moment auf Sie gewirkt?

Ich hab schon als Kind neben Bildern von Skeletten und Dämonen mein Schokomüsli gegessen, da macht ein Bild von meinem Vater mit Leberwurst und Plastikgebiss im Gesicht nicht mehr viel mit mir.

Sie verwenden im Film verschiedene Kameraformate. Ist das dem Umstand geschuldet, dass es zunächst keinen konkreten Plan gab, wie Sie das Gefilmte verarbeiten würden?

Ja, in der Wohnung hatte ich tatsächlich nur eine Fotokamera dabei; mal habe ich mit dem Handy gedreht. Als wir später Förderung für das Projekt bekamen, konnte ich mir besseres Equipment leisten. Aber es ist kein Film, der irgendwie glossy aussieht, Effekte hat und fancy gemacht ist. Er ist genauso chaotisch und wild wie die Geschichte selbst.

Ist das an sich nicht auch ein formaler Effekt?

Ich würde mit dem Begriff sehr vorsichtig umgehen. Für mich bedeutet er, dass man etwas künstlich herstellt. Ein Effekt ist nicht authentisch. Da bin ich ein bisschen streng, weil ich persönlich kein Fan von Filmen bin, die Stilmittel einsetzen, um irgendeine Emotion auszulösen. Das wollte ich verhindern. Mir ist wichtig, dass das Stilmittel aus dem Material und der Geschichte kommt und nicht umgekehrt.

Wann haben Sie Ihrem Vater gegenüber das erste Mal erwähnt, dass aus dem Material ein Film entstehen könnte?

Es gab da nicht den einen Moment. Was man nicht vergessen darf, ist, dass mein Vater und ich seit meiner frühesten Kindheit immer über die Kunst miteinander kommuniziert haben. Wir haben zusammen gemalt, fotografiert oder gemeinsam an den verschiedensten Projekten gearbeitet. Auch diese Lust am Dokumentieren war schon sehr früh da. Und als ich wusste, ich wollte mit der Geschichte an die Öffentlichkeit gehen, war, glaube ich, sein Künstlerego so geschmeichelt, dass er gleich damit einverstanden war.

Fiel es Ihnen persönlich schwer, sowohl vor als auch hinter der Kamera zu stehen?

Ich habe relativ schnell gemerkt, dass ich keinen Film über ihn machen wollte, sondern über uns. Das hatte zwangsweise zur Folge, dass ich mit im Bild sein musste, weil ich es sonst meinem Vater gegenüber zu entblößend gefunden hätte - und auch zu eitel, wenn ich mich vor der Kamera nicht genauso roh gezeigt hätte wie er.

Wie ist die Idee entstanden, sich gemeinsam über ein Comicbuch auszutauschen, das Sie abwechselnd mit Ihrem Vater zeichnen?

Wir hatten nie solche Gespräche, in denen er mir sagen würde: Kind, ich bin psychisch krank. Man kriegt das als kleines Mädchen nur am Rand mit, und manche Sachen brauchen auch einfach keine Worte, beziehungsweise war bei mir das Gefühl zuerst da, bevor es die ganzen Erklärungen dazu gab. Und dann kam er während der Pandemie in die Forensik. Wir hatten vorher lange keinen Kontakt, und ich konnte ihn nicht besuchen. Aber trotzdem wollte ich die Annäherung, und ich habe gemerkt, dass es mir leichter fällt, wenn wir in unseren gewohnten Gewässern schwimmen.

Welche Rolle hat Ihre Mutter in der Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Vater gespielt?

Dass unser Verhältnis zueinander so eng werden konnte, haben wir beide ihr zu verdanken. Sie hat die ganze Care-Arbeit übernommen und extrem aufgepasst, dass ich von klein auf nur Kontakt zu meinem Vater hatte, wenn er clean und medikamentös gut eingestellt war. Sonst hieß es: Der Papa ist im Urlaub, er kann dich gerade nicht sehen. Als Kind checkt man natürlich trotzdem, dass da was nicht stimmt, wenn er monatelang weg ist und keine einzige Postkarte schreibt und auch nicht braun gebrannt und erholt wieder zurückkommt. Irgendwann erklärte sie mir dann, er sei psychisch krank und drogenabhängig, als sie das Gefühl hatte, ich sei alt genug und würde verstehen, was das heißt.

Haben Sie Bedenken, man könnte den Film als eine Form der Selbstheilung auslegen?

Das war ein großes Thema gerade am Anfang, als ich eine Produktionsfirma suchte. Es gab erstaunlich viele Interessenten, aber auch Zweifel und Absagen, weil genau diese Sorge bestand, es könnte ein eigentherapeutischer Film werden.

Wie haben Sie verhindert, dass es so kommt?

Ich konnte den Film nur machen, weil ich die Themen bereits so weit für mich aufgearbeitet habe, dass ich offen darüber reden und mich selbst ganz gut schützen kann. Wäre es ein Versuch der Eigentherapie, hätte ich wahrscheinlich 85 Minuten in die Kamera geschrien. Zu behaupten, ich hätte den Film nur für mich gemacht, fühlt sich für mich so an, als würde man mir mein Handwerk absprechen, dabei hilft mir genau dieses Handwerk meine Geschichte zu erzählen und einen Umgang mit der Welt zu finden. Absurderweise bin ich durch den Film aber auch etwas abgestumpft und dennoch versuche ich, mir eine Weichheit dem Thema gegenüber zu bewahren, um zum Beispiel bei den Vorführungen dem Publikum gegenüber nahbar und empfänglich zu bleiben, obwohl mir die Auseinandersetzung mit der Geschichte in der Öffentlichkeit manchmal extrem viel abverlangt.

Diesen Drahtseilakt spürt man sehr schön auch im Film.

Ich habe versucht, meine Gefühle zu vermitteln, ohne sie den Zuschauern aufzuzwingen. Wenn man auf die Empathie der Leute hofft und in seine Arbeit vertraut, muss man den Menschen keine Angst machen, damit sie diese nachempfinden können.

Hätten Sie den Film auch ohne öffentliche Förderung in eigener Initiative fertiggestellt?

Ja, was raus muss, muss raus.

Wie sind Sie vom gemeinsamen Zeichnen mit Ihrem Vater dann eigentlich später zum Filmemachen gekommen?

Ich habe an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Dort hatte ich mich ursprünglich mit Fotografie und Installationen beworben, aber ab dem vierten Semester habe ich gemerkt, das mir Film vielmehr mir Spaß macht. Ich würde mich aber selbst nicht als klassische Cineastin bezeichnen, weil ich gefühlt viel später dazugekommen bin und gar nicht so viele klare Vorbilder habe, sondern eher einfach losgelegt habe.

Empfinden Sie das als Nachteil?

Manchmal bin ich eingeschüchtert, wenn ich bestimmte Regisseur*innen nicht kenne oder meine Einflüsse nicht klar benennen kann. Ich fremdel manchmal ein bisschen in dieser akademischen Welt, obwohl ich selbst Teil davon bin. Es ist nicht unbedingt meine Sprache, ich drücke mich mehr aus dem Bauch und dem Herzen heraus aus, würde ich sagen, vielleicht weniger verkopft.

Wird es eine Fortsetzung des Films geben? Die Geschichte ist ja, wie Sie selbst sagen, nicht abgeschlossen.

Jetzt erstmal nicht. Ich drehe als nächstes wieder einen Spielfilm. Ich brauche die Abwechslung und auch eine Auszeit vom autobiografischen Erzählen. Aber einen echten Urlaub, nicht so wie ihn mein Vater früher hatte.

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