Filmgespräch

Interview mit Regisseurin Milena Aboyan über DREI KAMERADINNEN: „Man schaut so lange zu, bis es zu spät ist zum Handeln.“

Erzählerin Kasih (Bayan Layla) ist „nicht das Mädchen, das ihr euch angucken könnt, um zu sagen, ihr hättet euch mit uns beschäftigt“.

Milena Aboyan wurde in Armenien geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie studierte zunächst Schauspiel und später an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie und Drehbuch. In ihrem Abschlussfilm ELAHA (2023) spielte Bayan Layla die Hauptrolle, die in Aboyans neuem Spielfilm, DREI KAMERADINNEN in der Rolle der Kasih zu sehen ist. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Shida Bazyar, die für ihr neues Buch "Lücken" den Deutschen Literaturpreis 2026 erhielt.

Pamela Jahn: Wie unterscheiden Sie zwischen Kameradschaft und Freundschaft?

Milena Aboyan: Eine echte Freundschaft geht tief. Man hat vielleicht sogar die frühesten kindlichen Erinnerungen miteinander geteilt. Gleichzeitig wächst so eine enge Verbindung auch oft aus Widerständen heraus. Es schweißt zusammen, wenn man gemeinsam für etwas einstehen oder gegen etwas angehen muss. In dem Sinne ist eine Kameradschaft für mich eine Form von Freundschaft, die diesen kämpferischen Aspekt impliziert.

Sind Sie selbst in einem ähnlich engen Netz von Freundinnen aufgewachsen wie die drei Protagonistinnen im Film?

Wir waren insgesamt vier. Ich komme auch aus einer siedlungsähnlichen Gegend, nicht eins zu eins wie im Film, aber es gibt doch einige Parallelen. Und obwohl meine Freundinnen und ich wirklich alle verschiedene Lebensrealitäten haben, teilen wir bis heute alles miteinander, auch unsere größten Ängste.

Was ist das zusammenschweißende Element solcher Wohnsiedlungen?

Ich möchte solche Wohnsiedlungen nicht romantisieren. Besonders war für mich die fehlende Anonymität: Man steht im Hof und alle schauen zu. Das schützt nicht vor Einsamkeit, aber auf eine Art ist man nie allein. Auch gemeinsames Essen spielte eine große Rolle. Meine Mutter kochte immer mehr, weil Nachbarinnen oder Freunde von uns vorbeikommen könnten. Was übrig blieb, gab sie denen im Haus, die zu wenig hatten.

Müsste man diese positiven Aspekte mehr in den Vordergrund rücken?

Es heißt oft „sozial schwache Gegend“, dabei habe ich in meiner Kindheit und Jugend die sozial stärksten Menschen kennengelernt, weil der Zusammenhalt sehr gut ist. Aber wie gesagt, ich möchte es nicht verharmlosen. Armut und Arbeitslosigkeit sind hoch, viele Menschen haben einen Migrationshintergrund und keinen direkten Zugang zu Bildung. Das sind Faktoren, die darf man nicht ignorieren oder schönreden. Es sind diese Brüche, die mich interessieren.

Dieses Panorama, wie Sie es gerade beschrieben haben, findet in der Romanvorlage wie in Ihrem Film seinen Ausdruck ganz konkret in den drei Hauptfiguren. War es das, was Sie an der Geschichte gereizt hat?

Mein erster Gedanke war: Was für Formen von Freundschaft gibt es? Und wie unterschiedlich können Menschen auch innerhalb einer Clique sein. Etwa wenn Hani sagt: „Wir sind schon eine Minderheit, seid aber keine heulende.“ Oder Saya, die wirklich mit so einer brachialen Wut alles benennen und rauslassen will, und Kasih, die versucht, alles immer irgendwie in Balance zu halten. Im Endeffekt könnten die drei auch ein und dieselbe Figur sein.

Anders als in Shida Bazyars Roman stellen Sie im Film eine Personenbeschreibung an den Anfang und grenzen dadurch die charakterlichen Merkmale der Figuren klar voneinander ab. Warum?

Ich bin kein Fan davon, Literatur mit Kino zu vergleichen, weil ein Film der Romanvorlage selten wirklich gerecht werden kann. Allein durch die zeitliche Begrenzung. Ich habe bei der Adaption darauf geachtet, dass wir einer filmischen Dramaturgie folgen. Anders als der Roman, der keine Chronologie hat und noch dazu eine unzuverlässige Erzählerin. Die Frage, die sich für mich stellte, war: Wer hat die Deutungshoheit, wer hat die Möglichkeit, die Geschichte zu erzählen? Im Buch spricht Kasih die Leserschaft direkt an, beschimpft sie teilweise. Im Film wollte ich dafür einen anderen Zugang finden und das Publikum mitnehmen. Mit der Journalistin Pamela, gespielt von Meret Becker, die ich in die Filmhandlung einführe, habe ich sozusagen eine neue Ebene geschaffen; sie repräsentiert die Zuschauenden, das Publikum.

Saya (Manal Raga’a Sabit) ist die, "die alles zusammenhält".

Im Roman bleibt auch die Herkunft der drei jungen Frauen anonym.

Es war eine Riesenhürde. Ich musste Schauspielerinnen besetzen, die jede für sich zwangsweise einen Typus mitbringen. Shida Bazyar gibt allerhöchstens kleine Hinweise, aus welchen Ländern die drei kommen könnten, aber ich musste ihnen eine Nationalität geben. Im Buch heißt es, es spiele keine Rolle für die Geschichte, woher sie kommen. Und das sind vielleicht Abstriche, die man im Filmischen machen muss, einfach aufgrund der anderen Form des Erzählens.

Wenn Sie sagen, dass Hani, Saya und Kasih im Grunde auch eine Figur sein könnten, meinen Sie nicht gleichzeitig, aber als verschiedene Entwicklungsstufen einer Persönlichkeit?

Ja. Ich habe auch in meinem Umfeld erlebt, wie Zurückhaltung in eine extreme Haltung umschlagen kann. Wenn jeder nur seine Meinung durchsetzen will, verhärten sich die Fronten. Bei Saya wächst die Wut, je stärker sie zurückgewiesen wird. Das hat mich sehr berührt.

Sie haben bereits die Journalistin angesprochen, die mit Kasih eine Reportage über Sayas Fall drehen will. Steckt da auch bewusst die Möglichkeit einer Medienkritik dahinter?

Mir geht es nicht um eine pauschale Kritik an „den Medien“. Ich sehe Berichterstattung kritisch, wenn sie Dinge verkürzt oder falsch darstellt. Zugleich haben wir in Deutschland eine vielfältige Medienlandschaft. Deshalb wollte ich im Film keine bestimmten Nachrichtenportale erkennbar nachbilden.

Worauf kam es Ihnen beim Profil der Journalistin an, deren Werdegang im Film nur kurz angerissen wird?

Ich hatte beim Schreiben für die Figur viel mehr Backstory ausgedacht, wir haben uns dann aber dagegen entschieden, das in den Film reinzubringen. Bis darauf, dass sie sich hochkämpfen musste. Und das passiert ja ganz oft, wenn Frauen in männlich dominierten Redaktionen oder Berufen tätig sind, dass sie sich in ihrem Umfeld extra stark beweisen müssen.

Ein anderes Minenfeld, das Sie mit der Geschichte betreten, ist die Darstellung von Alltagsrassismus und rechter Gewalt. Was gab es in der Hinsicht zu beachten?

Ich habe mir Videos von einem YouTuber angeschaut, der sinngemäß sagt: Ich bin weder links noch rechts, ich denke. Das finde ich im Hinblick auf seine Anhängerschaft gefährlich, weil er dadurch zunächst nicht den Anschein erweckt, er sei in irgendeiner Weise radikal. Mir war wichtig, rechte Ideologie nicht nur über die bekannten Klischees von Glatze und Springerstiefeln darzustellen. Sie kann auch hinter einem vermeintlich gemäßigten Auftreten stecken. Das wollte ich mit Patrick Wagenknecht zeigen und zugleich fragen, wie medial damit umgegangen wird.

Ist es ihr Mut zur Wahrheit, der Saya zum Verhängnis wird?

Saya hat viel erlebt und will endlich gehört und gesehen werden. Gerade weil sie so klar Haltung bezieht, war sie mir besonders nah. Wissen macht verantwortlich: Wer Ungerechtigkeit erkennt, sollte sie benennen. Gleichzeitig verliert Saya zunehmend die Offenheit für ein Gespräch. Mich interessiert dieses Spannungsverhältnis zwischen berechtigter Wut und der Frage, wohin sie führt.

Liegt darin vielleicht auch der Kern des Problems, warum die Demokratie gerade so sehr unter Druck gerät?

Wut kann etwas ganz Tolles sein, im besten Fall ein Motor für Veränderung. Aber wenn man sie falsch einsetzt, wird es schnell kontraproduktiv, da kann auch vieles kaputtgehen. Eben wenn Wut in eine Richtung zielt, die nicht demokratiefördernd ist. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mit ihrer Empörung und ihrem Unmut über die Dinge verantwortungsvoller umgehen. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Sani (Brikena Ray) „hat die Kunst der Assimilation perfektioniert“.

Demgegenüber steht Hani, die sich nach den Worten ihres Vaters richtet, der Sätze sagt wie: Beschwere dich niemals. Oder: Ich habe keine eigenen Probleme, solange ich sie ignorieren kann.

Hani hat sich assimiliert, sie will dazugehören, ist aber nicht ignorant oder stumpf. Ihre Arbeit bei einer Tierschutzorganisation impliziert auch eine Form von Aktivismus, aber sie hat sich dazu entschieden, sich für andere Lebewesen einzusetzen. Das belastet sie auf eine andere Weise, aber es ist ihre Überlebensstrategie. Am gefährlichsten erscheint mir vielmehr, was Kasih macht, nämlich neutral zu bleiben. Man schaut so lange zu, bis es zu spät ist zum Handeln.

Ich möchte noch kurz bei Hani bleiben, deren Biografie auch einen interessanten Aspekt im Hinblick auf ihren Flüchtlingsstatus zum Vorschein bringt: Diesen Trugschluss, wenn sie in der Schule gute Noten bekommt, hat ihre Familie eine größere Chance zu bleiben.

Ich habe selbst mit meiner Familie 12 Jahre in einem Geflüchtetenheim gelebt. Auch bei uns ging damals das Gerücht um, wenn wir gut in der Schule sind, bekommen wir Papiere. Ich weiß noch, wir haben uns so fest daran gehalten. Gleichzeitig setzte der Gedanke uns als Kinder unter einen Riesendruck, den ich gerne nicht gehabt hätte.

Wie hat sich die Tatsache, dass Sie mit Kasih eine unzuverlässige Erzählerin haben, auf die Inszenierung insgesamt ausgewirkt?

Es war ein Wagnis, das ich gerne eingegangen bin. Mit den Animationssequenzen wollte ich mich ausprobieren und vertraute Erzählmuster verlassen. Auch der Bruch der vierten Wand am Ende gehört dazu. Das kostete Überwindung, aber irgendwann dachte ich: Lass uns schauen, wohin es führt. Dafür machen wir Filme.

Beschreibt der Film in Ihren Augen auch eher einen Zustand als eine Geschichte, so wie Kasih es beschreibt?

Ja, es ist ein Kreislauf. Die Journalistin spricht von Einleitung, Hauptteil und Schluss. Aber wo beginnt diese Geschichte? Die drei Frauen haben unterschiedliche Vergangenheiten, die in die Gegenwart hineinwirken. Deshalb geht es für mich auch um einen Zustand, den wir irgendwann durchbrechen müssen. Als Filmemacherin möchte ich Menschen einladen, darüber nachzudenken und sich auszutauschen. Was daraus entsteht, kann ich nicht bestimmen.

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Sayal, Sani und Kasih sind beste Freundinnen in einer gesellschaftlichen Stimmung von Rassismus und Rechtsterror. Nach dem Roman von Shida Bazyar.

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