Pamela Jahn: Wie unterscheiden Sie zwischen Kameradschaft und Freundschaft?
Milena Aboyan: Eine echte Freundschaft geht tief. Man hat vielleicht sogar die frühesten kindlichen Erinnerungen miteinander geteilt. Gleichzeitig wächst so eine enge Verbindung auch oft aus Widerständen heraus. Es schweißt zusammen, wenn man gemeinsam für etwas einstehen oder gegen etwas angehen muss. In dem Sinne ist eine Kameradschaft für mich eine Form von Freundschaft, die diesen kämpferischen Aspekt impliziert.
Sind Sie selbst in einem ähnlich engen Netz von Freundinnen aufgewachsen wie die drei Protagonistinnen im Film?
Wir waren insgesamt vier. Ich komme auch aus einer siedlungsähnlichen Gegend, nicht eins zu eins wie im Film, aber es gibt doch einige Parallelen. Und obwohl meine Freundinnen und ich wirklich alle verschiedene Lebensrealitäten haben, teilen wir bis heute alles miteinander, auch unsere größten Ängste.
Was ist das zusammenschweißende Element solcher Wohnsiedlungen?
Ich möchte solche Wohnsiedlungen nicht romantisieren. Besonders war für mich die fehlende Anonymität: Man steht im Hof und alle schauen zu. Das schützt nicht vor Einsamkeit, aber auf eine Art ist man nie allein. Auch gemeinsames Essen spielte eine große Rolle. Meine Mutter kochte immer mehr, weil Nachbarinnen oder Freunde von uns vorbeikommen könnten. Was übrig blieb, gab sie denen im Haus, die zu wenig hatten.
Müsste man diese positiven Aspekte mehr in den Vordergrund rücken?
Es heißt oft „sozial schwache Gegend“, dabei habe ich in meiner Kindheit und Jugend die sozial stärksten Menschen kennengelernt, weil der Zusammenhalt sehr gut ist. Aber wie gesagt, ich möchte es nicht verharmlosen. Armut und Arbeitslosigkeit sind hoch, viele Menschen haben einen Migrationshintergrund und keinen direkten Zugang zu Bildung. Das sind Faktoren, die darf man nicht ignorieren oder schönreden. Es sind diese Brüche, die mich interessieren.
Dieses Panorama, wie Sie es gerade beschrieben haben, findet in der Romanvorlage wie in Ihrem Film seinen Ausdruck ganz konkret in den drei Hauptfiguren. War es das, was Sie an der Geschichte gereizt hat?
Mein erster Gedanke war: Was für Formen von Freundschaft gibt es? Und wie unterschiedlich können Menschen auch innerhalb einer Clique sein. Etwa wenn Hani sagt: „Wir sind schon eine Minderheit, seid aber keine heulende.“ Oder Saya, die wirklich mit so einer brachialen Wut alles benennen und rauslassen will, und Kasih, die versucht, alles immer irgendwie in Balance zu halten. Im Endeffekt könnten die drei auch ein und dieselbe Figur sein.
Anders als in Shida Bazyars Roman stellen Sie im Film eine Personenbeschreibung an den Anfang und grenzen dadurch die charakterlichen Merkmale der Figuren klar voneinander ab. Warum?
Ich bin kein Fan davon, Literatur mit Kino zu vergleichen, weil ein Film der Romanvorlage selten wirklich gerecht werden kann. Allein durch die zeitliche Begrenzung. Ich habe bei der Adaption darauf geachtet, dass wir einer filmischen Dramaturgie folgen. Anders als der Roman, der keine Chronologie hat und noch dazu eine unzuverlässige Erzählerin. Die Frage, die sich für mich stellte, war: Wer hat die Deutungshoheit, wer hat die Möglichkeit, die Geschichte zu erzählen? Im Buch spricht Kasih die Leserschaft direkt an, beschimpft sie teilweise. Im Film wollte ich dafür einen anderen Zugang finden und das Publikum mitnehmen. Mit der Journalistin Pamela, gespielt von Meret Becker, die ich in die Filmhandlung einführe, habe ich sozusagen eine neue Ebene geschaffen; sie repräsentiert die Zuschauenden, das Publikum.



