Pamela Jahn: Wären Sie gerne eine Vampirin?
Ulrike Ottinger: Nein, obwohl ich die Nacht auch mag, bevorzuge ich eher das Sonnenlicht.
Die Vampire in Ihrem Film fürchten sich davor, wieder sterblich zu werden. Warum?
Da geht es den Vampiren nicht anders als einigen Menschen in unserer Zeit, die denken, sie können sich über die Natur hinwegsetzen, ja, sogar über den Tod. Diese Hybris schlägt sich in allen Bereichen nieder, das finde ich schon ungeheuerlich.
Andererseits tun wir uns als Gesellschaft immer noch schwer damit, es dem Einzelnen selbst zu überlassen, wie und wann er sterben will.
In Deutschland hängt das eng mit den grauenhaften „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten zusammen. Eine Erfahrung, die so schrecklich war, dass man es jetzt vielleicht in die andere Richtung übertreibt. Dazu kommt die Angst vor Missbrauch, das verstehe ich auch, man muss das sehr genau prüfen. Aber wenn es der freie Wille eines Menschen ist, aus dem Leben zu treten, sollte man ihn gehen lassen.
Die Titelfigur Ihres Films ist angelehnt an die ungarische Gräfin Erzsébet Báthory, die im 16. Jahrhundert angeblich im Blut von Jungfrauen badete, um lange jung und schön zu bleiben. Was hat Sie an ihrer Geschichte interessiert?
Der Frau werden die unglaublichsten Grausamkeiten nachgesagt. Ich habe die Gerichtsakten studiert, habe mir alle Dokumente angeschaut, die es noch gibt. Erst durch die Recherche habe ich erfahren, dass es sogar die Vermutung gibt, es könnte alles eine Intrige gegen sie gewesen sein, um an ihr Vermögen zu kommen, oder, dass machtpolitische Interessen eine Rolle spielten. Man kann das heute nicht mehr genau eruieren, aber darum ging es mir auch nicht. Ich wollte eine überzeugende, wenn auch sehr stilisierte fiktionale Figur schaffen, die sich von der Realität abhebt.
Wie sehr spielte Wien von Beginn an eine Rolle?
Es waren diese speziellen Orte in Wien, die bei mir den Impuls auslösten, einen Vampirfilm zu drehen. Das wird gleich zu Beginn des Films deutlich, wenn diese mythische Frau, die Blutgräfin, wie eine Gallionsfigur aus der Unterwelt auftaucht. Ihre Schleppe ist das Schiff, das durch die unterirdischen Kanäle gleitet, und dann durch ein Touristenboot abgelöst wird. Der Touristenführer erzählt über die Geschichte dieses Ortes, und schon sind wir in der Gegenwart. Der Mythos und die Gegenwart sind Themen, mit denen ich gerne arbeite und die ich in meinen Filmen immer wieder einander gegenüberstelle.
Was lieben Sie an Wien?
Ich kenne die Stadt schon sehr lange. Ich hatte früher sehr viele Freunde dort, und fuhr spätestens ab Mitte der 1970er regelmäßig dorthin – bin auch schon mit der Mayröcker in der Alten Schmiede aufgetreten, das war Ende der 70er Jahre. Wenn mich ein Ort berührt, interessiere ich mich automatisch für die Historie. Ich gehe durch die Straßen, schaue mir die Gebäude an und frage mich, was ist da passiert, wie etwa beim Narrenturm. Aber auch die Staatsbibliothek hat eine spannende Geschichte. Und obwohl es sich hier nicht um einen historischen Film handelt, spielt er mit der Geschichte der Schauplätze und der Architektur.
Worin liegt für Sie der Reiz in der filmischen Stilisierung?
Ich finde es einfach nicht interessant, im Naturalismus zu verharren. Oder anders gesagt: Ich bin ein großer Fan des italienischen Neorealismus der 1950er und 1960 Jahre. Der ist fantastisch, weil die Regisseure mit ihren Filmen auch abgehoben haben auf das Historische dieser Umbruchszeit. Demgegenüber stehen diese ganzen Hollywood-Family-Dramen, ob es nun „Feel-Good“-Filme sind oder Tragödien, meist handelt es sich dabei um Figuren, die scheinbar dem realen Leben entstammen, was aber nicht der Fall ist. Das führt nirgendwohin. Solche Filme sagen mir gar nichts. Da kann ich meine Nachbarn angucken oder im Bekanntenkreis schauen, wie sich bestimmte Dynamiken in Familien entladen oder unterm Deckel gehalten werden, dafür muss ich nicht ins Kino gehen. Mich interessieren Filme, die ein Stück weiter über die Wirklichkeit hinausgehen als in diesen Filmen, die sich naturalistisch geben.
Verbindet Sie diese Sichtweise mit Elfriede Jelinek, die am Drehbuch mitgearbeitet hat?
Wir haben uns 1977 kennengelernt, als ich meinen Film MADAME X machte. Sie schrieb damals für „Die Schwarze Botin“, eine avantgardistische feministische Zeitschrift, die kurz zuvor in West-Berlin gegründet worden war. Die Autorinnen, die für das Blatt arbeiteten, vertraten einen sehr intellektuellen Feminismus. Ginka Steinwach schrieb damals begeistert über meinen Film, der in orthodox feministischen Kreisen damals als absolut verabscheuungswürdig angesehen wurde. Als Jelinek den Film sah, wollte sie mich kennenlernen. Aus unserem ersten Treffen ist eine lange Freundschaft gewachsen. Ich habe drei Stücke von ihr am Theater inszeniert.
Was macht die Kunst von Elfriede Jelineks Texten aus?
Sie geht sehr interessant mit der Alltagssprache um. Als ich die Dialoge für das Drehbuch geschrieben hatte, dachte ich, es wäre gut, noch die eine oder andere wienerische Formulierung einzubauen. Dann haben wir uns einen Tag zusammengesetzt, und sie hat mir ein paar Versatzstücke hineingearbeitet, Wortspiele und kleine Bemerkungen. „Mach damit, was du willst“, meinte sie am Schluss zu mir. „Nimm’s oder nimm’s nicht.“ Sie ist auch eine unglaublich großzügige Schriftstellerin.
Es ist fast 30 Jahre her, seit Sie das Drehbuch schrieben. Welche Veränderungen haben Sie im Vergleich zum Original noch vorgenommen?
Die Grundlage ist dieselbe, ebenso wie die Struktur und auch der Schauplatz. Aber zum Beispiel ist die Rolle des jungen Rebellen Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau, den Thomas Schubert spielt, größer ausgefallen.


