In den USA überholten beide Filme in der letzten Woche sogar den fast zeitgleich gestarteten THE MANDALORIAN UND GROGU in den Charts und liegen bei den Gesamteinnahmen nur wenig hinter dem Star Wars-Vehikel. In Zahlen: THE MANDALORIAN spielte bisher in den USA 166 Mio. Dollar ein, und weltweit 316 Mio – das Doppelte seines Produktionsbudgets. BACKROOMS liegt aktuell bei 160 Mio. in den USA und bei 256 Mio. weltweit – dem 16-fachen seines Produktionsbudgets, und OBSESSION überholte beide in den USA mit Einnahmen von 195 Mio. und liegt weltweit bei 294 Mio. – und damit beim 294-fachen des Produktionsbudgets von rund 1 Mio. Bei solchen Gewinnmargen werden Produktionsfirmen natürlich hellhörig, aber das Phänomen ist nicht nur finanziell ungewöhnlich.
Beide Projekte sind nämlich weit entfernt von Feelgood-Horror à la SCREAM oder EVIL DEAD und passen offenbar zu einem Zeitgeist, der, gefangen in der eigenen Psychose und der von den Mitmenschen, keinen Ausweg sieht.
Dem Internet nach hat das BACKROOMS-Universum seinen Ursprung in einem 4chan-Thread aus dem Jahr 2019: Ein User wünschte sich „beunruhigende Bilder“ und jemand postete ein leeres Büro in trübem Gelb mit deprimierenden Tapeten.
Als „creepypasta“ kursierte das Foto im Netz, und 2022 entwickelte der damals 16-jährige Kane Parsons mithilfe von Blender daraus den 9-minütigen Kurzfilm THE BACKROOMS (FOUND FOOTAGE), den er auf YouTube postete, und der in den ersten 2 Wochen über 20 Mio. Views erhielt. In seinem Channel Kane Pixels hat Parsons inzwischen 22 Backrooms-Kurzfilme gepostet, um die sich ein eigener Kosmos entwickelt hat, in dem Usende eigene Backrooms beisteuern und diskutieren, was genau das Unheil ist, das in dieser Parallelwelt aus seelenlosen Bürolabyrinthen lauert.
Diese Räume sind auch die Story und das Herz des Films: Möbelhausbesitzer Clark (Chiwetel Ejiofor) gerät eines Tages im Untergeschoss seines Möbelhauses in eine – größtenteils in riesigen realen Sets gedrehte – Welt, die aussieht wie das psychotische Spiegelbild seines Ladens: Endlose, fensterlose Gänge erstrecken sich in allen Richtungen, während ein elektrisches Summen Unbehagen verbreitet. Die bestimmenden Designelemente sind das muffige Nikotingelb, abgehängte Großraumbürodecken, deprimierende Tapeten und erstickende Teppiche, bei denen unklar ist, ob das Beige-Braun die originale Farbe oder Verschleiß ist. Eine POV-Handkamera erkundet mit Clark diesen Ort, der mit zunehmender Filmdauer immer klaustrophobischer wird. Parsons erfindet endlose Variationen von architektonischen Seltsamkeiten, die dieser Welt eine verstörende Falschheit verleihen – die allerdings auch schon die Außenwelt zu Beginn des Films durchzieht.
Damit manifestiert sich in BACKROOMS das sehr zeitgenössische Gefühl, dass es in einer Welt der Großkonzerne und Algorithmen kein Außerhalb, keine Handlungsräume mehr gibt – aber auch eine zeitlose jugendliche Tristesse angesichts des drohenden öden Erwachsenenlebens.
In OBSESSION von Curry Barker – der seine Karriere ebenfalls auf YouTube begann, wo er 2024 seinen ersten Found Footage Horrorfilm MILK & SERIAL veröffentlichte, nachdem er vergeblich versucht hatte, einen Verleih zu finden – lauern die Abgründe nicht in einer lebensfeindlichen Umgebung, sondern in den nächsten Mitmenschen. Der Film spielt in der Gegenwart, erinnert aber an die Slacker-Filme der 90er: Mumblecore-Dialoge, vier Twens, ein McJob in einem Musikgeschäft und Quiz-Night einmal die Woche. Bear ist unsterblich in Nikki verliebt, traut sich aber nicht, ihr das zu sagen, und besorgt ihr ein Mitbringsel aus einem ramschigen Esoterik-Shop – eine „Wishing Willow“, die einen Wunsch gewährt, wenn man sie zerbricht. Er nutzt den Zauber dann selbst und wünscht sich, dass Nikki ihn „mehr liebt als alles andere auf der Welt“. Sofort ändert sich die Chemie im Raum – auf eine ungute Art. Nikki ist besessen von Bear und wird dabei immer psychotischer und gefährlicher.
Mit Mitteln des Horrorfilms, aber verstörend dicht an einer alltäglichen Realität, erzählt OBSESSION von häuslicher Gewalt, von dem Gefühl, dass die Person neben dir plötzlich gefährlich werden kann, dass jedes Wort und jede Geste ein Trigger ist.
Zusammengenommen zeichnen BACKROOMS und OBSESSION das Bild einer Welt, in der es keine Auswege gibt, in der jeder Weg vorgezeichnet ist und in eine Sackgasse führt, und in der eine tödliche Gefahr von den nächsten Mitmenschen ausgeht. Widerstand ist zwecklos. Das ist ebenso deprimierend wie originell und kathartisch. Und scheint der Weltlage durchaus angemessen.