Filmgespräch

Ulrike Ottinger über DIE BLUTGRÄFIN: "Es waren diese speziellen Orte in Wien."

Ulrike Ottingers Filme sind experimentell, queer, politisch und stilisiert. Ottinger wurde 1942 in Konstanz geboren. Von 1962 bis Anfang 1969 lebte sie in Paris, arbeitete als freie Künstlerin und besuchte Vorlesungen von Louis Althusser und Claude Lévi-Strauss. 1973 zog sie nach Berlin und drehte ihren ersten Film. Ab 1979 entstand dort ihre „Berlin-Trilogie“: BILDNIS EINER TRINKERIN (1979), FREAK ORLANDO (1981) und DORIAN GRAY IM SPIEGEL DER BOULEVARDPRESSE (1984).

Pamela Jahn: Wären Sie gerne eine Vampirin?

Ulrike Ottinger: Nein, obwohl ich die Nacht auch mag, bevorzuge ich eher das Sonnenlicht.

Die Vampire in Ihrem Film fürchten sich davor, wieder sterblich zu werden. Warum?

Da geht es den Vampiren nicht anders als einigen Menschen in unserer Zeit, die denken, sie können sich über die Natur hinwegsetzen, ja, sogar über den Tod. Diese Hybris schlägt sich in allen Bereichen nieder, das finde ich schon ungeheuerlich.

Andererseits tun wir uns als Gesellschaft immer noch schwer damit, es dem Einzelnen selbst zu überlassen, wie und wann er sterben will.

In Deutschland hängt das eng mit den grauenhaften „Euthanasie“-Verbrechen der Nationalsozialisten zusammen. Eine Erfahrung, die so schrecklich war, dass man es jetzt vielleicht in die andere Richtung übertreibt. Dazu kommt die Angst vor Missbrauch, das verstehe ich auch, man muss das sehr genau prüfen. Aber wenn es der freie Wille eines Menschen ist, aus dem Leben zu treten, sollte man ihn gehen lassen.

Die Titelfigur Ihres Films ist angelehnt an die ungarische Gräfin Erzsébet Báthory, die im 16. Jahrhundert angeblich im Blut von Jungfrauen badete, um lange jung und schön zu bleiben. Was hat Sie an ihrer Geschichte interessiert?

Der Frau werden die unglaublichsten Grausamkeiten nachgesagt. Ich habe die Gerichtsakten studiert, habe mir alle Dokumente angeschaut, die es noch gibt. Erst durch die Recherche habe ich erfahren, dass es sogar die Vermutung gibt, es könnte alles eine Intrige gegen sie gewesen sein, um an ihr Vermögen zu kommen, oder, dass machtpolitische Interessen eine Rolle spielten. Man kann das heute nicht mehr genau eruieren, aber darum ging es mir auch nicht. Ich wollte eine überzeugende, wenn auch sehr stilisierte fiktionale Figur schaffen, die sich von der Realität abhebt.

Wie sehr spielte Wien von Beginn an eine Rolle?

Es waren diese speziellen Orte in Wien, die bei mir den Impuls auslösten, einen Vampirfilm zu drehen. Das wird gleich zu Beginn des Films deutlich, wenn diese mythische Frau, die Blutgräfin, wie eine Gallionsfigur aus der Unterwelt auftaucht. Ihre Schleppe ist das Schiff, das durch die unterirdischen Kanäle gleitet, und dann durch ein Touristenboot abgelöst wird. Der Touristenführer erzählt über die Geschichte dieses Ortes, und schon sind wir in der Gegenwart. Der Mythos und die Gegenwart sind Themen, mit denen ich gerne arbeite und die ich in meinen Filmen immer wieder einander gegenüberstelle.

Was lieben Sie an Wien?

Ich kenne die Stadt schon sehr lange. Ich hatte früher sehr viele Freunde dort, und fuhr spätestens ab Mitte der 1970er regelmäßig dorthin – bin auch schon mit der Mayröcker in der Alten Schmiede aufgetreten, das war Ende der 70er Jahre. Wenn mich ein Ort berührt, interessiere ich mich automatisch für die Historie. Ich gehe durch die Straßen, schaue mir die Gebäude an und frage mich, was ist da passiert, wie etwa beim Narrenturm. Aber auch die Staatsbibliothek hat eine spannende Geschichte. Und obwohl es sich hier nicht um einen historischen Film handelt, spielt er mit der Geschichte der Schauplätze und der Architektur.

Worin liegt für Sie der Reiz in der filmischen Stilisierung?

Ich finde es einfach nicht interessant, im Naturalismus zu verharren. Oder anders gesagt: Ich bin ein großer Fan des italienischen Neorealismus der 1950er und 1960 Jahre. Der ist fantastisch, weil die Regisseure mit ihren Filmen auch abgehoben haben auf das Historische dieser Umbruchszeit. Demgegenüber stehen diese ganzen Hollywood-Family-Dramen, ob es nun „Feel-Good“-Filme sind oder Tragödien, meist handelt es sich dabei um Figuren, die scheinbar dem realen Leben entstammen, was aber nicht der Fall ist. Das führt nirgendwohin. Solche Filme sagen mir gar nichts. Da kann ich meine Nachbarn angucken oder im Bekanntenkreis schauen, wie sich bestimmte Dynamiken in Familien entladen oder unterm Deckel gehalten werden, dafür muss ich nicht ins Kino gehen. Mich interessieren Filme, die ein Stück weiter über die Wirklichkeit hinausgehen als in diesen Filmen, die sich naturalistisch geben.

Verbindet Sie diese Sichtweise mit Elfriede Jelinek, die am Drehbuch mitgearbeitet hat?

Wir haben uns 1977 kennengelernt, als ich meinen Film MADAME X machte. Sie schrieb damals für „Die Schwarze Botin“, eine avantgardistische feministische Zeitschrift, die kurz zuvor in West-Berlin gegründet worden war. Die Autorinnen, die für das Blatt arbeiteten, vertraten einen sehr intellektuellen Feminismus. Ginka Steinwach schrieb damals begeistert über meinen Film, der in orthodox feministischen Kreisen damals als absolut verabscheuungswürdig angesehen wurde. Als Jelinek den Film sah, wollte sie mich kennenlernen. Aus unserem ersten Treffen ist eine lange Freundschaft gewachsen. Ich habe drei Stücke von ihr am Theater inszeniert.

Was macht die Kunst von Elfriede Jelineks Texten aus?

Sie geht sehr interessant mit der Alltagssprache um. Als ich die Dialoge für das Drehbuch geschrieben hatte, dachte ich, es wäre gut, noch die eine oder andere wienerische Formulierung einzubauen. Dann haben wir uns einen Tag zusammengesetzt, und sie hat mir ein paar Versatzstücke hineingearbeitet, Wortspiele und kleine Bemerkungen. „Mach damit, was du willst“, meinte sie am Schluss zu mir. „Nimm’s oder nimm’s nicht.“ Sie ist auch eine unglaublich großzügige Schriftstellerin.

Es ist fast 30 Jahre her, seit Sie das Drehbuch schrieben. Welche Veränderungen haben Sie im Vergleich zum Original noch vorgenommen?

Die Grundlage ist dieselbe, ebenso wie die Struktur und auch der Schauplatz. Aber zum Beispiel ist die Rolle des jungen Rebellen Rudi Bubi von Strudl zur Buchtelau, den Thomas Schubert spielt, größer ausgefallen.

Wie hat sich Isabelle Hupperts Figur entwickelt?

Sie selbst hat sich in Ihrer Arbeit seit den 2000er Jahren stark verändert, von eher nach innen gerichteten, psychologischen Rollen hin zu eigenwilligeren Frauenfiguren. Mir scheint, dass alles, einschließlich ihrer Modekollaboration mit Balenciaga, dazu geführt hat, dass sie mit der Zeit zur „Blutgräfin“ geworden ist.

Sie selbst war anfangs jedoch eher skeptisch, was die Rolle angeht, oder?

Wir haben viel über den Film gesprochen, und sie sagte immer wieder: „Ich weiß nicht, wie ich die Figur spielen soll; das habe ich nicht in mir.“ Ich erklärte ihr daraufhin, dass sie mehr als nur eine Gräfin sei, eher eine Kaiserin, die durch Wände gehen kann, eine Diktatorin, die ihr Umfeld manipuliert und Kontrolle über alles hat. Genau so hat sie die Rolle gespielt. Gleichzeitig gibt es winzige Momente, in denen sie etwas aus ihrer langen Vergangenheit vergessen zu haben scheint, da kommt die Komik ins Spiel. Eine solche Rolle kann man nicht todernst rüberbringen; man braucht diese kleinen Momente der Leichtigkeit.

Ist Ihnen der Wiener Charme angenehmer als der Berliner?

Das ist schwer zu vergleichen. Ich komme ursprünglich aus Süddeutschland. Die Berliner sind sehr direkt, was ich auch liebe, aber ich musste mich erst daran gewöhnen. Ich lebe seit 1973 in Berlin. Dieses Kurze und Freche im Umgang, das hat schon was. Diese Sprache von Tucholsky oder auch Walter Mehring, das sind für mich zwei typische Vertreter, eben auch große Kritiker, die mit scharfer Zunge die Dinge analysiert haben.

Sie spielen im Film auf sehr amüsante Weise auch auf das zwiespältige Verhältnis der Österreicher zu den Habsburgern an.

Ja, aber das haben die Österreicher selbst auch immer schon getan. Denken Sie zum Beispiel an den großartigen Schriftsteller Fritz von Herzmanovsky-Orlando, der diese ganze Habsburg-Monarchie, also Österreich-Ungarn, und vor allen Dingen diesen riesigen Verwaltungs- und Beamtenapparat so witzig aufs Korn zu nehmen verstand. Es gibt da wundervolle Vorbilder.

Ist dieser Vampirfilm in Wien ähnlich persönlich für Sie wie Ihre Berlin-Trilogie in den frühen 1970er Jahren?

Auch diese Filme sind aus der Faszination für die Orte entstanden. Als ich damals nach Berlin kam, habe ich fast nicht glauben können, dass es so etwas in Deutschland gibt. Ich kannte ja nur Westdeutschland, hatte die ganzen 1960er Jahre in Paris gelebt, kam also aus einem ganz anderen Background. Und in Berlin konnte man noch die Kriegsgeschichte sehen: die Cafés in Ruinen, der Ruß an den Häusern. Die Leute waren schlecht angezogen, alles war irgendwie grau in grau, und da dachte ich, hier in den ganzen Brachen und zerstörten Industriegeländen muss man einen Film machen. Am Ende wurden drei Filme daraus.

Für einen Vampirfilm spürt man in DIE BLUTGRÄFIN eine große Lebenslust. Haben Sie das beim Drehen ähnlich empfunden?

Eigentlich eher in der Vorbereitung. Der Dreh an sich ist für mich höchste Herausforderung, sowohl physisch als auch psychisch, weil man in kurzer Zeit mit großer Präzision gegen alle Widrigkeiten angehen muss. Im Film sollen so viele Sachen perfekt zusammenkommen, dass immer die Gefahr besteht, irgendwas funktioniert nicht oder geht schief. Dazu kommt der Zeitdruck, und trotzdem gilt es, hochkonzentriert zu arbeiten. Ohne diese tollen Schauspielerinnen und Schauspieler hätte ich das nicht geschafft. Es hat niemand Nein gesagt, alle haben es möglich gemacht, dabei sein zu können. Gleichzeitig ist es sicher auch für sie interessant, eine Rolle zu spielen, die nicht ganz gewöhnlich ist, also eben nicht der geläufigen Fernsehdramaturgie entspricht. Das merkt man vielleicht auch, wenn man den Film sieht.

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